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15. Juni 2009, 10:27 Uhr

Bisexualität trifft auf Biederkeit

Ein schwuler Stricher wird ermordet, ein Familienvater führt ein bisexuelles Doppelleben, und eine Schwangere entpuppt sich als Serienmörderin: Die 20. Jubiläumsfolge der Bremer "Tatort"-Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) zeigt die seelischen Abgründe eines jungen Ehepaares. Von Kathrin Buchner

Stedemann (Oliver Mommsen, rechts) verbeißt sich bei seiner Mörderjagd und ist sicher, dass der bisexuelle Leon Hartwig (Felix Eitner, links) der Mörder ist© Hoever/Radio Bremen

Was für ein unglücklicher Zufall: Da feiert man mit Hoch-die-Tassen und Biertisch-Tanzen auf dem Volksfest, flirtet mit einer attraktiven jungen Frau, küsst sie auf dem Heimweg ausgerechnet vor einer Zoohandlung, in die gerade zwei Typen einzubrechen versuchen. Man rennt hinter den Einbrechern her, ist aber ziemlich betrunken und knutscht lieber weiter mit dem zukünftigen One-Night-Stand als den Vorfall anzuzeigen - ist ja nichts weiter passiert, nur das Sicherheitsgitter hochgeschoben und ein kleines Loch in der Glasfront.

Wäre nicht weiter schlimm - wenn man nicht Kriminalkommissar Stedefreund heißen würde, und der One-Night-Stand nicht nur eine Polizei-Kollegin wäre, sondern auch noch die Tochter der eigenen Chefin, der Bremer Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), und zudem einer der Möchtegern-Einbrecher am nächsten Tag als verstümmelte Leiche am Weserstrand auftaucht: Ein junger Libanese, der auf den Strich ging.

Duckmäuser mit Dackelblick

Die 20. Jubiläumsfolge der Bremer "Tatort"-Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) namens "Tote Männer" ist ein saftiges Psychostück und eine doppelt verschränkte Beziehungskiste, in der die Kommissarin zwar ordentlich lospoltern darf, aber der große, sehr ambivalente Auftritt ihrem Kollegen Stedefreund (Oliver Mommsen) vorbehalten ist. Der präsentiert sich als bindungsunwilliger Womanizer, klebt mit seinem Blick an prallen Dekolletés, duckt sich weg nach seinem One-Night-Stand und verbeißt sich in seinem Mörderverdacht. Im Visier hat er den Elektriker Leon Hartwig (Felix Eitner), Typ Duckmäuser mit Dackelblick, der nicht nur die Salmonellen-Erreger mit dem Toten teilt, sondern auch die sexuelle Ausrichtung. Doppelt verdächtig macht ihn, dass er in Lübeck war, als dort vor einem Jahr ein Stricher auf die gleiche Art umkam.

Es ist ein bunter und durchaus spannender Krimi-Cocktail, den Regisseur Thomas Jauch da zusammenrührt: Lüstern-verklemmte Männer, Frauen, die zu Furien werden und die Fäden in der Hand haben, eine Kommissarin mit Futterneid "wann haben mir die Kerle das letzte Mal so nachgeguckt" und Frust, und einem toten Jüngling mit Jesuslocken, fleischgewordene Verlockung für Freier, der nebenbei illegal Vierbeiner für Hundekämpfe importiert, und dessen ach so bester Freund sogar aus dem Tod Profit schlagen will, indem er Verdächtige zu erpressen versucht.

Familienvater mit Faible für knackige Jungs

Der wichtigste Handlungsstrang verdichtet sich zu einem Kammerspiel um eine kleinbürgerliche Ehe mit schwulen Rotlichtmilieu im Hintergrund: Drehbuchautor Jochen Greve erzählt die Geschichte eines Paares, das um Liebe und Normalität ringt, von einem Mann, der Ehe und Existenz riskiert, weil er sein Faible für knackige Jungs nicht unterdrücken kann, der zwar Dreck unter den Fingernägeln, aber nicht am Stecken hat. Im Gegensatz zu seiner schwangeren Frau Jutta (virtuos zwischen leidend und aggressiv: Fritzi Haberlandt), die unter Torschlusspanik gelitten hatte und sich nichts mehr als eine stabile Beziehung wünscht. Sie hat die heimliche Neigung ihres Mannes entdeckt, empfindet sie als Krankheit und entwickelt solch Aversionen gegen Schwule, dass sie zur Serienmörderin wird. Gelegentlich geraten die Dialoge zu plakativ-floskelhaft, wenn Jutta Erklärungen aus ihrem Mann pressen will "was haben die, was ich nicht habe", der ihr mit Liebesbeteuerungen und gestammelten Halbsätzen antwortet.

Regelmäßige "Tatort"-Zuschauer könnten bei "Tote Männer" durchaus Déjà-vus erleben: Erst letzte Woche hatte sich Bodensee-Kommissar Perlmann (Sebastian Bezzel) mit einer verhängnisvollen Affäre, die er seiner Chefin verschwiegen hatte, in die Bredouille gebracht. Und im unlängst ausgestrahlten Kieler "Tatort" verkörperte Katharina Wackernagel eine schwangere Mutter, die tötet - ihr eigenes Kind - ein ähnlich starkes Tabuthema wie Bisexualität. Allerdings war dieser Krimi viel intensiver und packender inszeniert, während die Bremer Jubiläumsfolge mit einer gewissen Leichtigkeit in der Dramenschwere glänzt - passend zum launigen Einstieg auf dem Volksfest. Wenn auch am Ende ein paar Fragen zum Tathergang offen bleiben.

Von Kathrin Buchner
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
Heiko65 (16.06.2009, 13:26 Uhr)
Leider nicht der Kracher
Auch ich habe mir mehr von dem Bremer Tatort erwartet. Hätte man den Film auf 60 Minuten reduziert, wäre er sicherlich noch ganz passabel gewesen.
Was mich an dem sonst ganz guten Arikel stört, ist die Namensangabe des Schauspieler, welcher Hartwig verkörpert. Dort steht unter dem Bild Felix Eitzel - er heißt aber Felix Eitner!
Juris1 (15.06.2009, 19:42 Uhr)
@Maria1000
Also im Bereich des Justizministeriums und den untergeordneten Behörden gibt es Diskriminierung. Das wird natürlich nicht offen ausgesprochen - Und das gleich ob Richter, Staatsanwalt oder Schreiberling.
-
Ich persönlich kenne nur wenige schwule Menschen. Aber von denen hat einer bei einer Zeitung seinen Job verloren als er sich geoutet hat. Ein anderer wurde ständig nicht befördert und übergangen.
Es gibt so etwas halt in jeder "Schicht".
Gerade hab ich noch etwas nettes gelesen zum Thema:
-
Zitat:
-Bist Du schwul?
Mein Vater fragte mich: "Bist Du schwul?"
- "Spielt das eine Rolle?"
Er sagte: "Nein, spielt keine Rolle".
- "Ja, ich bin`s."
"Weg mit Dir aus meinem Leben", rief er.
Ja, es spielte eine Rolle.
Mein Chef fragte mich: "Bist Du schwul?"
- "Hätte das eine Bedeutung?"
"Ehrlich gesagt, nein", sagte er.
Daraufhin bejahte ich.
"Weg von hier", rief er.
Ich glaube, es hatte eine Bedeutung.
Ein Freund fragte mich, ob ich schwul sei.
- "Ist das wichtig?"
"In keinster Weise", antwortete er.
Vertrauend offenbarte ich mich also.
"Nenne mich ja nicht 'Dein Freund'", schrie er.
Ja, es war wichtig.
Mein Liebhaber fragte mich "Liebst Du mich?"
- "Bedeutet das etwas?"
"Es bedeutet sehr viel", antwortete er.
"Ja, ich liebe Dich."
Er nahm mich fest in die Arme.
Zum ersten Mal in seinem Leben
war ihm etwas wirklich von Bedeutung.
Gott fragte mich: "Magst Du Dich selbst?"
- "Spielt das vielleicht eine Rolle?", sagte ich.
Gott sagte: "Ja, sicher!"
- "Wie könnte ich mich selber gern haben, da ich schwul bin?"
Und Gott antwortete mir: "Ich habe dich so gemacht."
Von da an gab's nichts mehr, was mich gekümmert hätte.
Juris1 (15.06.2009, 18:58 Uhr)
Ein Thema das alle angeht
Ich persönlich fand den Tatort auch eher weniger gelungen.
-
Trotzdem hat sich dieser Tatort an ein Thema herangemacht von einer Seite, die recht wenig beleuchtet wird.
-
Schwules und bisexuelles Leben verlangt auch heute noch häufig ein Versteckspiel. Ein offener Umgang damit zumindest im Öffentlichen Dienst bedeutet zumeist das Ende der Kariereleiter. - Das wird in der Wirtschaft nicht anders sein. -
-
Und ganz nebenbei bemerkt, die männlichen Stricher leben doch nicht von den Schwulen, sondern von den Familienvätern, die gerne mal mit Männern was anfangen, sich aber nicht trauen, das Outing durchzuziehen. - Also ist auch dieses Thema nicht weltfremd. -
-
Und ja, es gibt solche Paare wie im Tatort zu Hunderten in Deutschland.
-
Die Forderung nach "normalen Krimis", welche nicht im "Randgruppenbereich" gelagert sind, spricht eigentlich schon für sich. -
Schon einmal Werbung gesehen? - Fernsehen ist doch immer noch schwulenfeindlich. Was gab es für ein Theater beim ersten Kuss in der Lindenstraßen zwischen zwei Männern. -
Mir persönlich ist die sexuelle Orientierung egal, denn Liebe verdient Respekt. - Und warum dann nicht auch mal einen Bi-Krimi?
Gernspieler (15.06.2009, 18:00 Uhr)
Leider langweilig...
...ich sehe die Postel gerne, aber dieser Tatort reihte sich wieder mal in die lange Serie langweiliger Folgen ein. Echt uninteressant, wie sich ein Schauspieler abmüht, seine Bi-Sexualität im Film einzugestehen...
hellwachabsolut (15.06.2009, 14:21 Uhr)
typisch Bremen..
Ärgert euch nicht zu sehr. es ist nicht neues, was den Tatort aus Bremen betrefft.
Das ist wie gesagt: typische für Bremen.
raptor-xl (15.06.2009, 13:53 Uhr)
was ist aus dem tatort geworden?
...schwulsein ist zur zeit das ganz große thema im tatort und eigentlich der krimi nebensache. oh ja, was müssen sich schwule in unserer gesellschaft noch verstecken, verdrehen oder verleumden... erst vor kurzem der schwule polizeianwärter, der gar einen mord nicht anzeigen kann, weil er ums outing fürchtet (was für ein quatsch), nun also der biedermann im familienzwang.
kriegen wir auch mal wieder einen normalen krimi vor die nase oder fischen alle nun im randgruppenbereich??!!
butcher99 (15.06.2009, 12:37 Uhr)
wer stört das ?
ich nicht
wachsam (15.06.2009, 12:32 Uhr)
ärgerlich und schwer zu ertragen
Ich kann AttaTroll nur zustimmen, was die offenen Fragen betrifft.
Logische Brüche, nicht nachvollziehbare Erkenntnisse (beim Weg von der Salmonelleninfektion des Opfers zum Elektriker als Verdächtigem wurden einige Zwischenschritte ausgelassen) und fehlende Auflösung ganzer Handlungsstränge (was ist aus dem EWrpresser geworden? Wurde er umgebracht? Wenn ja, von wem und wie - und wo ist seine Leiche?) machen diesen Tatort, gelinde gesagt, unbefriedigend.
Das postpubertäre Rumgezicke, Gepoltere und Beleidigtsein der Kommissarin machte deren Auftritt geradezu unerträglich. Und wenn sie dann in einem "eigentlich" ganz normalen Gespräch sogar Zeugen oder Gesprächspartner unangemessen aggressiv angeht (in einem Ton, der nicht einmal gegenüber einem begründet Verdächtigen angebracht wäre), dann verliert sie in meinen Augen jede Achtung und damit Glaubwürdigkeit.
Schade, denn andere Figuren in diesem Tatort waren durchaus überzeugend, insbesondere der Kommissar Stedefreund und die Tochter der Kommissarin.
Maria1000 (15.06.2009, 12:31 Uhr)
@dippegucker: Der Autor wollte vermutlich sagen,
"....Mindestens so ein starkes Tabuthema wie Bisexualität" - wie in DIESEN SPIESSER-KREISEN!
In gebildeteren und damit meist emotional stabileren une rationaleren(!) "Kreisen" sieht nämlich meiner Beobachtung nach die Partnerschafft völlig ANDERS und viel weniger aggressiv und dumpf aus als wie in dem TATORT und bei dem TATORT-Paar...
Maria1000 (15.06.2009, 12:29 Uhr)
@Ansichtssache: Wieso? Die biedere verklemmte Hausfrau war doch SCHWANGER!
Für Nachwuchs ist also bei dem Tatort- Bipaar dann gesorgt! Der wahrscheinlich dann aber genauso verklemmt und verlogen aufgezogen wird, wie die Frau vermutlich selber früher, und von daher genauso ein Psycho werden wird! :-)
MICH persönlich würde es nicht die Bohne jucken, wenn mein Partner bi wäre, denn das nimmt doch MIR nichts weg an Emotionen! :-)
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