27. August 2007, 10:34 Uhr

Wenn das Handy zur Waffe wird

Mal wieder widmet sich der "Tatort" einem gesellschaftlichen Phänomen: In "Strahlende Zukunft" untersucht die Bremer Kommissarin den Selbstmord einer scheinbar schizophrenen Mobilfunk-Gegnerin. Dabei stößt sie auf Verschwörungen und Intrigen, die bis in den Senat hineinreichen. Von Kathrin Buchner

Beweise per MMS: Kommissarin Inga Lührsen (Sabine Postel) wird bei ihren Ermittlungen von Staatsanwalt Jörg Reinhardt (Ulrich Noethen) eher behindert als unterstützt©

Fakten, die uns von lieb gewonnenen Gewohnheiten abbringen könnten, hören wir sehr ungern. Und Menschen, die uns damit konfrontieren, sind unbequem. Eine gängige Methode, dieser Diskrepanz zwischen Wissen und Wollen zu begegnen: Man erklärt die Verbreiter dieser unbequemen Erkenntnisse kurzerhand für verrückt. So agieren nicht nur einzelne Individuen, sondern ganze Gesellschaften, vor allem wenn politische Machtinteressen im Spiel sind. Man denke nur an Gutachten der Tabakkonzerne, die jahrelang erfolgreich das Krebsrisiko beim Rauchen runterspielten.

In die Wunde moderner Konsumjunkies bohrt das Drehbuch des Bremer "Tatort" mit dem schönen Titel "Strahlende Zukunft". Zwar geht es nicht um die gesundheitlichen Risiken des Rauchens, sondern um die Strahlenbelastung beim Telefonieren mit dem Handy. Weil Sabine Vegeners (Inka Friedrich) Tochter an Leukämie gestorben ist, kämpft sie erbittert gegen eine Mobilfunkfirma, die Sendemasten in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung aufgestellt hat. Als Vegener erneut schwanger ist und erfährt, dass ihr Kind missgebildet ist, überfährt sie einen Richter mitten auf dem Bremer Rathausmarkt und stürzt sich von einem Gebäude in den Tod - vor den Augen von Kommissarin Inga Lührsen (Sabine Postel).

Anomalien und Schizophrenie attestiert die Pathologin rasch nach der Untersuchung der Leiche. Schließlich war Sabine Vegener schon mal in der Nervenklinik. Sogar ihr Mann ist so genervt von den Verschwörungstheorien seiner Frau, dass er hinter ihrem Rücken Schweigegeld von der Mobilfunkfirma angenommen hat. Nur ihr 18-jähriger Sohn Daniel (Constantin von Jascheroff) ist überzeugt, dass seine Mutter nicht verrückt war und startet einen Rachefeldzug.

Komplott aus Wirtschaft und Politik

Eine Verbündete findet er in Inga Lührsen. Starrsinnig wie immer vertraut die Kommissarin auf ihren Instinkt und bohrt hartnäckig nach. Dabei stößt sie auf Handys, die zu Waffen umgebaut sind, gefährliche Strahlenattacken, die lediglich wie ein Sonnenbrand auf der Haut aussehen und Strahlenwaffen, die per Mikrowellen den Gegner kampfunfähig machen. Die so verrückt scheinenden Verfolgungstheorien der verzweifelten Selbstmörderin bekommen Hand und Fuß, als Lührsen ein Komplott zwischen Wirtschaft und Politik aufdeckt.

Darin verwickelt sind: die eiskalte Pressesprecherin eines Mobilfunkkonzerns (Ann-Kathrin Kramer), die für ihre Karrieresicherung einen Profikiller engagiert; ein Professor, der sich für falsche Gutachten kaufen lässt; und ein Staatsanwalt, der aus politischem Kalkül Kritiker mundtot macht, indem er sie in die Klapse bringt. Um Arbeitsplätze für Bremen zu suchen, drückt sogar der Senator beide Augen zu angesichts gesundheitlicher Langzeitfolgen.

Gewagtes Polit-Drama steigert sich an Dramatik

Aus der persönlichen Betroffenheit von Kommissarin Lührsen, die zufällig Augenzeugin des Selbstmordes ist, rollt Drehbuchautor Christian Jeltsch sein Polit-Drama auf. Nach der unmotivierten Hetzjagd auf den emotionsgeladenen Sohn der Selbstmörderin zu Beginn entwickelt der mit hochkarätigen Schauspielern besetzte Krimi seine Substanz und gewinnt von Minute zu Minute an Brisanz, Spritzigkeit und Tiefe.

Die Geschichte ist mit viel moderner Technik umgesetzt. Beweise werden als MMS verschickt, sogar ein Mord wird per Handykamera wird live mitgeschnitten, es gibt Computeranimationen, mit denen High-Tech-Waffen wie im Science-Fiction-Thriller vorgeführt werden. Dass Mitarbeiter der Mobilfunkindustrie per Strahlenwaffen Jagd auf Gegner machen, erscheint allerdings reichlich überzogen - auch wenn die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber Interessen großer Konzerne anschaulich demonstriert wird. Und wer demnächst ein komisches Surren im Ohr vernimmt, nachdem er telefoniert hat - wer weiß, was dran ist. Dass Handy-tragen-in-der-Hosentasche männlichen Samen schädigen kann, gilt als relativ wahrscheinlich. Vielleicht wird irgendwann Handytelefonieren nur in strahlenisolierten Glaskästen erlaubt sein. Schwer vorzustellen - aber wäre eine Bar ohne Raucher vor 30 Jahren denkbar gewesen?

 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
abutom (28.08.2007, 09:09 Uhr)
Schade
um meine Gebuehren. Ich bin ein Tatort Fan, aber solch eine an den Haaren herbei gezogenen Geschichte konnte ich mir nicht antun. Der ueberaus duestere Beginn des Films liess auf Schlimmeres schliessen.
Hab den Leierkasten nach 5 Minuten abgeschaltet. Die Kommentare hier (nicht der des Sterns) geben mir recht.
Gerdd (27.08.2007, 20:34 Uhr)
Falsch verstanden!
Das war mal wieder so ein Tatort, wo man die ersten 40 Minuten nur raten kann, worum es eigentlich geht. Und dann muß man anscheinend noch höllisch aufpassen, daß man es nicht doch noch vergeigt. Die Story ist also entweder viel zu kompliziert oder miserabel erzählt.
Die Selbstmörderin hielt wohl wirklich die Handystrahlung für die Todesursache ihrer Tochter. Tatsächlich aber - und damit ist dies offiziell der erste Science-Fiction-Tatort - hatte die Firma eine lukrative aber höchst illegale Nebenlinie am Laufen - eine Kollektion an höchst tödlichen Strahlenwaffen, die an Captain Kirk's Arsenal erinnert. Die Sender auf dem Dach gehörten wohl zu dieser Produktlinie und war womöglich tatsächlich ursächlich für die diversen Probleme der Vegeners.
Gut und schön, aber Michael Crighton schreibt solche Stories viel professioneller.
Was mich aber nächstes Mal doch wieder zum Wegschalten verleiten wird, ist die nervige Panikmache der Kommissarin Lührsen. An die Frauenquote von gefühlten 80% in Fernsehkrimis hat man sich ja inzwischen schon gewöhnt, aber die "Coolen" sind mir da lieber - die beiden Bulletten von Tölz zum Beispiel ... die eine Katharina (Jacob) war schon ganz gut und hätte gerne bleiben können (ihr neuer Job als Staatsanwältin ist vergleichsweise undankbar), aber Katharina die Zweite (Abt) erweist sich als echtes Schätzchen, das dem King Size Benno und der übermächtigen Mamma hier und da schon einmal paroli bieten kann. Auch Andrea Sawatzki hat was, zum Beispiel.
leichtschwer (27.08.2007, 17:44 Uhr)
Tja, atticus, so ist es leider
in der Wirklichkeit: Die Polizei ist noch dümmer, als im Film gezeigt. Glauben Sie mir, ich weiß wovon ich rede.
Und zu Merzer: Ihre Monitore sind leider defekt, es liegt nicht an der Umgebungsstrahlung, wenn diese Dinge in der Helligkeit schwanken!
Der Film selbst war an Eigenblödheit nicht zu überbieten, die Schauspieler bekämen in Amiland noch nicht mal einen Job als Putzhilfe. Lauter Knallchargen! Oh, Frau, gib Hirn!!!
atticus (27.08.2007, 15:02 Uhr)
Dieser Tatort
war so blöd, blöder gehts nimmer. Diese Geschichten um Tante Lürsen geht mir so auf den Zeiger, allein den ganzen Film darauf aufzubauen, dass sich eine PHKin in Ihrem Büro (!) Ihre Dienstwaffe (!) von einem 18 jährigen Kiddie (!) klauen lässt. Oh mann. Als sie seine Freundin verfolgen, wird über die ganze Szenerie gebrüllt, dass man doch den Standort ihres Freundes über sine Handy orten könne. Wenn die Polizei in echt so blöd wäre, wie die in diesem Tatort, dann würde ich auch umsatteln...
ossi48 (27.08.2007, 14:03 Uhr)
Der Film
war eine einzige, an den Haaren herbeigezogene Zumutung. Schade um den Strom.
Merzer (27.08.2007, 13:14 Uhr)
Was wirklich extrem stark strahlt...
... sind die Oberleitungen unserer politisch so korrekten öffentlichen Verkehrsmittel (Zug, S-Bahn, Straßenbahn usw.). In einem Büro nahe eines S-Bahnhofs waren die elektrischen Felder so stark, daß die Röhrenmonitore ständig ihre Helligkeit änderten. Jetzt warte ich nur noch auf ein Einschreiten der Politik. Zum Beispiel könnten die Grünen doch mal eine Aktion gegen Straßenbahnen starten... oder gegen Hochspannungsleitungen, ganz normale Schnurlostelefone (für das Festnetz) oder auch Stromleitungen in der Wand. All dies strahlt um Potenzen stärker als ein Sendemast für den Mobilfunk.
Mansfield (27.08.2007, 12:37 Uhr)
Die
ganzen Idioten die ganztägig mit dem Laberkasten am Ohr rumlaufen scheinen mittlerweile mit dem Ding verwachsen zu sein.
Wo du gehst und stehst mußt du dir das Gelaber (und Geschrei) deiner Mitmenschen anhören.
Bitte Herr, laß beim nächsten Unwetter den Blitz in alle Handys einschlagen!
MEHR ZUM ARTIKEL
"Tatort"-Kritik Eine Leiche zum Frühstück

Der Patriach, der die Familie jahrelang schikaniert hat, liegt tot in seinem Hotel. Die Erben zeigen keinerlei Trauer, sondern betreiben Leichenfledderei. Die Ludwigshafener "Tatort"-Folge "Sterben für die Erben" ist in bester Agatha-Christie-Tradition gestrickt - mit gnadenlos überzeichneten Charakteren.

"Tatort"-Kritik Watergate an der Waterkante

Starker Tobak am Sonntagabend: Die Pressefreiheit ist in Gefahr, der Senat der Hansestadt wird von einer Mafia-Bande unterwandert. In seinem vorletzten "Tatort"-Auftritt übt sich Atzorn in vornehmer Zurückhaltung der eigenen Person und lässt die ganz brisanten Themen im Vordergrund.

"Tatort"-Kritik Experimente mit Finger Food

Nicht gerade magenfreundlich war das ARD-Programm am Sonntagabend: Im "Tatort" gab es einen abgeschnittenen Finger in der Gourmet-Küche, danach servierte Christiansen Speckschwarten zum Thema "Dicke am Pranger". Zumindest der Krimi erwies sich als echtes Schmankerl.

Verwandte Fragen

Sie kennen die Antwort? Beantworten Sie die Frage hier oder senden Sie selber eine Frage

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2013)
Hoffen oder handeln?