. .
TV und Fernsehen
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
26. November 2007, 11:41 Uhr

Zyankali im Tampon

Der Frankfurter "Tatort" unternimmt mal wieder einen Ausflug ins Hartz-IV-Milieu: Er jongliert zwischen Sozialkritik und tragischem Einzelschicksal, kokettiert mit dem Thema Schuldenfalle, um am Ende zwei Giftspritzen gegeneinander antreten zu lassen. In "Bevor es dunkel wird" wird eine Halb-Blinde zum Racheengel. Von Kathrin Buchner

Abschied von Job, Ehe, ungeborenem Kind und Augenlicht - und das alles in einem Jahr: die Frührentnerin Anne Zimmer-Haustein (Ina Weisse) wird zum Racheengel, Kommissarin Sänger (Andrea Sawatzki) durchschaut sie© Bettina Müller/HR

Alarm im Frankfurter "Mittagstisch": Eine ehrenamtliche Helferin bricht zusammen, sie wurde vergiftet. Ein Aufruhr geht durch die Warteschlange. Menschen raffen Lebensmittel zusammen und flüchten, bevor die Polizei die Waren konfisziert. Der Leiter der sozialen Einrichtung, Jochen Bendel (Fritz Karl), der ohne Schnösel-Attitüde freimütig zugibt "Armut kotzt mich an", fürchtet einen politisch motivierten Anschlag.

Was in Frankfurt unter "Mittagstisch" firmiert, ist auch in anderen deutschen Städten eine beliebte karitative Einrichtung, beispielweise die "Hamburger Tafel". Und längst sind es nicht nur Obdachlose oder Hartz-IV-Empfänger, die dort anstehen, sondern auch ganz "normale" Familien, die einer geregelten Arbeit nachgehen und trotzdem nur knapp über dem Existenzminimum leben.

Wie knapp sie selbst davon verschont wurde, muss auch die halbtags tätige, alleinerziehende Polizeibeamtin Ina Springstub (Chrissy Schulz) feststellen, als sie die betroffenen Menschen in ihren Wohnungen aufsucht, um die ausgegebenen Lebensmittel aufgrund der Vergiftungsgefahr wieder einzusammeln. Dank der finanziellen Zuwendungen ihres Vaters kommt sie an Hartz IV vorbei. "Neue Armut" heißt dieses Phänomen, das der Frankfurter "Tatort" ja gerne aufgreift, und dem auch das vergiftete Opfer, Mechthild Stemmler (Nicola Thomas) zum Opfer gefallen ist.

Nach der Scheidung ist sie Hartz-IV-Empfängerin, wohnt im Hochhaus-Ghetto, hat drei Kinder durchzubringen. Der halbwüchsige Sohn rebelliert, opponiert gegen die Mutter. Die Tochter hält zur Mutter, die jahrelang von ihrem Ex-Mann misshandelt wurde. Schlimm sieht sie aus, die Leiche, die Haut am Rücken ist verbrüht, auf den Beinen sind Narben von schlecht verheilten Knochenbrüchen.

Kommissar Sängers Instinkt wird immer besser, ihr Zustand immer schlechter

Doch die tatsächliche Todesursache ist fast unsichtbar. Und wieder ist es Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki), die durch ihre intuitive Ermittlungsweise auf die entscheidenden Hinweise stößt: Sie guckt in der Damen-Toiletten auf einen Hygienebehälter und kommt auf die Idee, dass sich das Zyankali im Tampon befinden könnte. Sie wird von einer Kollegin nach ebensolch einem Hygieneartikel gefragt und entdeckt, dass die falsche Frau vergiftet wurde.

Sängers Wechselfähigkeit zwischen Einfühlsamkeit und Härte ist beachtlich. Doch sie wirkt immer unglücklicher, diese Sänger, ist reizbar. Die Einheit zwischen ihr und ihrem Kollegen Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) ist gebrochen, seit der eine neue Freundin hat. Eifersucht scheint es, plagt die Kommissarin. Umso sensibler sind ihre Antennen, mit Röntgenaugen analysiert sie das eigentliche Opfer Regina Schottmüller (Kirsten Block), die zugleich Täterin ist.

Giftspritzen im Nebel

"Charity ist die beste Werbung", sagt die Unternehmerin Regina Schottmüller und beweist beim "Mittagstisch" ihre Wohltätigkeit, indem Lebensmittel an Bedürftige spendet und bei der Warenausgabe aktiv mithilft. Ihre soziale Ader ist lediglich Mittel zum Zweck. Eigentlich ist diese verwitwete Frau Schottmüller eine harte Geschäftsfrau, eiskalt kalkulierend bis in ihre Intimsphäre. Angestellte, die nicht mehr funktionieren, feuert sie gnadenlos. Und so galt auch der Anschlag ihr und nicht der ermordeten Mechthild Stemmler. Der Krimi kumuliert in einem Duell der Giftspritzen im düsteren Lagerraum der "Mittagstafel". Die eiskalte Unternehmerin wimmert um ihr Leben und das ihres ungeborenen Kindes, während die verzweifelte Halb-Blinde sich an ihrer Ex-Arbeitgeberin rächen und diese mit einer Ladung Zyankali ins Jenseits befördern will.

Man hätte sich ein wenig mehr gesellschaftliche Relevanz auch beim Mordmotiv erhofft. Doch im Endeffekt liegen die Probleme dieser Welt sowieso immer im Zwischenmenschlichen: Scheinheiligkeit, Kalkül, Bedürftigkeit und Hoffnungslosigkeit, verdichtet im individuellen Schicksal. So wird auch noch neben "Neue Armut" ein weiteres Schlagwort mit Leben erfüllt: "Schuldenfalle" nämlich, in die Protz-Polizist Jan Gröner (Sascha Göpel) tappt, der sich von Angeber-Porsche und Schickimicki-Designer-Kaffeemaschine trennen muss. Mit starkem Schauspieler-Ensemble steht "Bevor es dunkel wird" in bester "Tatort"-Tradition: vielschichtige Charaktere, eine ungewöhnliche Geschichte und ein überraschendes Ende.

Von Kathrin Buchner
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
Necros (26.11.2007, 18:43 Uhr)
Langsam reicht es
Ja, Deutschland ist kein Land ohne Probleme. Es gibt Armut, Turbokapitalismus und Lothar Herbert Matthäus... Aber muss man das in jedem Tatort sehen? Kann man nicht einfach einfach wieder einen Krimi sehen? Graue Gesichter in grauen Kulissen, Deutschland Jammertal... Andrea Sawatzki ist sicher eine klasse Schauspielerin, aber ihr immer gleiche, resigniert-angeekelte Gesichtausdruck ist kaum erträglich. 15 Jahre Tatort habe ich hinter mir, bald schalte ich ab...
Perkins1975 (26.11.2007, 14:46 Uhr)
Typisch Frankfurter Tatort
Habe ihn selbst noch nicht geguckt, sondern nur aufgenommen (und weiß noch nicht, ob ich ihn mir angucke).
Neben der Tatsache, dass ich Andrea Sawatzki nicht sonderlich mag, stört mich am Frankfurter Tatort die ewige Sozialkritik. Ich bin sicher, dass diese Kritik ihre Berechtigung hat und dass die Öffentlichkeit auch über die Lebensumstände beispielsweise von Hartz IV-Empfängern informiert werden sollte, weil man sich nur so ein Bild davon machen kann, wass in Deutschland geschieht (ich persönlich gucke dafür entsprechende Reportagen (außerdem unterstütze ich Hartz IV!). Gleichwohl muss dies meines Erachtens nicht ständig im Rahmen des Sonntagabend-Krimis erfolgen. Nach dem Angucken eines derartigen Films fühle ich selbst mich meistens leicht deprimiert und dass ist eigentlich nicht Ziel eines Krimis.
NightflyerX (26.11.2007, 12:41 Uhr)
Zyankali im Tampon?
Und wie soll man daran sterben? Kann ich mir nun beim besten Willen nicht vorstellen. Zuerst müsste das Zyankali mit einer stärkeren Säure zu Blausäure reagieren um dann über die Schleimhäute ins Blut aufgenommen zu werden.
raptor-xl (26.11.2007, 12:41 Uhr)
langsam ist ja mal gut...
kommissare, deren leben kaputt ist, ermitteln in familien, die noch kaputter sind. als gäbe es in diesem land nirgends mehr eine durchschnittsgesellschaft, wird wieder bis zum bitteren ende der gesellschaftliche notstand ausgerufen... bei aller liebe zum krimi, es muss nicht immer rolex-derrick sein, aber es muss auch nicht getan werden, als sind alle kriminalbeamte reif für eine therapie und der rest des landes verbringt seine zeit unter der brücke...
MEHR ZUM ARTIKEL
"Tatort"-Kritik Old Ehrlicher reitet davon

Eine Krimi-Ära ist zu Ende: Die einzigen Ost-"Tatort"-Kommissare Ehrlicher und Kain sind abgetreten. Das Muffel-Duo hatte zum Abschied mit "Die Falle" ihren schwersten, aber auch sinnlichsten Fall zu lösen: den Tod einer schönen jungen Frau. Am Ende gewinnen beide: Ehrlicher Ruhe, Kain Liebe. mehr...

"Tatort"-Kritik Kotzen, saufen und duellieren

Burschenschaften, Fechtkämpfe und Burgfeste - da wird ein Skelett im Wald gefunden mit einem Loch im Totenschädel, und Rechtsmediziner Boerne (Jan-Josef Liefers) erweist sich als tragischer Held im Kettenhemd. Die Münsteraner Krimi-Komödie der "Tatort"-Reihe war ein ziemliches Drama. mehr...

"Tatort"-Kritik Das verhungerte Kind von nebenan

Mehr Sozialstudie denn Krimi war die von Margarethe von Trotta inszenierte "Tatort"-Folge "Unter uns": ein achtjähriges Kind, das 14 Kilo wiegt, ein Arbeitsloser, der durchdreht, umgeben von Menschen, die vor allem gleichgültig sind - die Frankfurter Kommissare müssen gleich zwei verstörende Fälle lösen. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2012)
Dick im Geschäft