Nichts Richtiges im Falschen

6. April 2013, 08:21 Uhr

Die sanfteste Versuchung seit es Castingshows gibt: "The Voice of Germany" sortierte das Phänomen Talentshow neu. Jetzt feierte die Mini-Playback-Variante Premiere. Muss das sein? Von Ingo Scheel

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Und. Wiege. Schritt. Vortänzerin Lena macht, was sie am besten kann: begeistert sein und "Oh, mein Gott" sagen.©

Das zeitgenössische Mantra-Portfolio aller hilflosen Eltern ist um eine weitere Formel reicher: Mädchen lieben rosa. Und wollen natürlich "Hello Kitty". Jungs brauchen unbedingt "St.Pauli"-Totenköpfe auf der Pudelmütze. Und alle, aber auch wirklich alle zusammen wollen so, so, so gerne ins Fernsehen. Sie wollen singen. Einfach nur singen. Die neueste Möglichkeit, den armen Junioren ihren, ja was eigentlich?, Willen zu lassen, bietet SAT1 jetzt mit "The Voice Kids".

Die "Mini-Playback-Show" hat ausreichend Staub angesetzt, selbst über Roberto Blancos Knie ist mittlerweile Gras gewachsen, die Zeit war einfach reif. Nach dem immensen Erfolg von "The Voice of Germany" und dem allerorten dran gebappten "Die sind echt nicht so gemein wie Dieter Bohlen"-Gütesiegel war es nur eine Frage der Zeit, bis die Programmmacher mit der Castingschaufel über die Spielplätze der Republik gehen und die sangeswilligen "Kids" - benutzt dieses Wort tatsächlich noch jemand? - einzusammeln, um sie, in Röhrenjeans und Hipsterhemdchen, aufs Tanzbärenpodest zu schieben.

Wiedergänger aus den 90ern

Die Jury diesmal: Pop-Sensibelchen Tim Bendzko, ESC-Gewinnerin Lena und Henning Wehland. Henning Wehland? Wer war denn noch gleich Henning Wehland? Ach genau, jener knuffige Münsteraner, der irgendwann Mitte der 90er die US-Band Rage against the Machine so derart tofte fand, dass er eine deutsche Variante namens H-Blockx auf die Beine stellte.

Der Rest der Geschichte ist bekannt: Wehlands Pendant, RATM-Sänger Zack de la Rocha installierte den Crossover-Furor auf immer in der jüngeren Pop-Historie und keifte sich durch Power-Preziosen wie "Killing in the Name of" oder "Sleep Now in the Fire". Wehland nahm einen anderen Abbieger, wurde gläubig, ein Sohn Mannheims, Musik-Manager und nun schlussendlich auch Jury-Mitglied im deutschen TV. Casting in the name of was auch immer. Und als solcher sitzt er da, mit Rea-Garvey- (oder war es Chris Rea?)-Bärtchen und bringt im Angesicht 11-jähriger Mädchen Sätze wie "Ich habe Gänsehaut am ganzen Körper" unters Publikum.

Lena zwischen Sugardaddy junior und Sugardaddy senior

Als wäre das nicht ekelhaft genug, legt die Jury noch einen drauf: "Wie du dich bewegst, also das war schon gut. Ich werde dir schon die richtigen Schritte beibringen." Derlei Worte, am Rande irgendeines Spielplatzes in diesem Land gesprochen, und als Normalsterblicher könnte man sich nur noch mit Aktenordner vorm Gesicht vor Fernsehkameras trauen. Und Lena? Die sitzt zwischen Sugardaddy junior und Sugardaddy senior und tut das, was ihr am besten zu Gesichte steht: Wasser in die Augen lassen, Hände über dem Kopf zusammen schlagen. "Oh Gott, ist das süß" hier, "Wow, ist das geil" da.

Wie ernst dem tristen Trio sein Job ist, flackert auf, als Kieu, sie ist vierzehn Jahre alt, tatsächlich eine klassische Arie aus der "Zauberflöte" zum Besten gibt. "Kannst Du noch was anderes?" bekommt sie von den dreien zu hören. Klar kann sie auch das. Zuviel für Lena, Henning, Tim. Die rezitieren Hape Kerkelings "Hurtz" während des Kamera-Umbaus und lassen so ungewollt hinter den Vorhang schauen: Die x-te Zergniedelung eines Whitney-Houston-Klassikers kann die Jury verarbeiten, ein Schritt außerhalb ihres enggesteckten Koordinatensystems wird mit dumpfer Ironie gebrochen.

Schinden um die Quote

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Marie und Tim, Kieu und Finn, Maira und Olivia, Pablo, Alexandra, Aulona - sie alle singen - ja, wirklich - ganz famos. Und viel zu gut für die drei Nasen in ihren Drehstühlen. Und auch dass die Eltern, zermürbt von erfolglosen "Frauentausch"-Castings, dem x-ten Weight-Watchers-Meeting und dem wieder einmal doch nicht ganz so gelungenen 10-Euro-Haarschnitt backstage vor Glück in den Kirmesteddy weinen, ist ebenso menschlich wie nachvollziehbar. Das Schinden um die Quote mit derlei Tragik ist es nicht.

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