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6. November 2011, 09:15 Uhr

Carmen Nebel, übernehmen Sie!

Kerkeling tritt nicht die Gottschalk-Nachfolge an. Wie goldrichtig er mit der Entscheidung liegt, zeigte die Show. Die ist so morsch, dass nur noch eine einzige Frau als Nachfolgerin infrage kommt. Von Mark Stöhr

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Sie klatschen sich ab, aber Hape Kerkeling (r.) wird nicht Nachfolger von "Wetten, dass..?"-Moderator Thomas Gottschalk© Ronny Hartmann/Getty Images

Die Ringe wurden nicht getauscht. Dabei gab Thomas Gottschalk seine Show im Stile eines Brautvaters frei. "Würden Sie", fragte er Hape Kerkeling, den Bräutigam, "die Nachfolge von Herrn Gottschalk auf dieser Bank annehmen?" Würde er nicht. Kerkeling war gar nicht mehr der lustige Hape, als er sein Nein umständlich begründete. Er schwitzte sehr. Er sprach von den vielen unterschiedlichen Projekten, die er mache oder machen wolle und die mit einer Moderation von "Wetten, dass..?" unvereinbar seien. Filme, ein Buch, seine historischen Ausflüge für die ZDF-Reihe "Terra X". Was er nicht sagte: Dass er völlig wahnsinnig sein müsste, seine Zeit mit einer Show zu verplempern, die schon vor zehn Jahren so frisch war wie ein Stück gammeliger Gouda. Unter Unterhaltungsaspekten ist "Wetten, dass..?" inzwischen wirklich eine Farce.

Wie wenig Kerkeling in das 80er-Jahre-Ambiente der Show passt mit seinen miefigen Stadt- und Messehallen, in denen der Bürgermeister immer stolz wie Oskar in der ersten Reihe sitzt und jeder Bühnenweg eine halbe Weltreise ist, zeigte sich gleich zu Beginn. Der 46-Jährige eröffnete den Abend als Horst Schlämmer. Die Redaktion klatschte sich für diesen Einfall sicherlich ab. "Was für eine ironische Spitze gegen die hysterische Nachfolgedebatte im Vorfeld!", dachte sie sich vermutlich. In der Sendung jedoch wurde daraus ein echter Rohrkrepierer.

Das "Wetten, dass..?"-Schlafvirus lähmt Hape

Dass es Kerkelings ausgelutschte Paraderolle als Provinzreporter sein musste, war klar. Für das ZDF ist "ausgelutscht" nur ein anderes Wort für "ausgewogen". Immerhin sollen vom Enkel bis zur Oma alle mitkommen bei Europas größter Großfamilienshow. Kerkeling schleppte sich durch müde Gags ("Der Gottschalk hat Steiß, den sind hinter den Kulissen ein paar Thaifrauen am Durchkneten"), in denen er auch über seine eigene Person witzelte ("Der Kerkeling, die Hackfresse, hat zu hoch gepokert: Der wollte 5000 Mark pro Show"). Das war alles so wenig auf den Punkt, so zerfasert und verhauen, dass es schien, das "Wetten, dass..?"-Schlafvirus habe den Komiker schon bei seiner Fake-Premiere als Gastgeber flachgelegt.

Gottschalk selbst absolviert seine letzten Sendungen offenbar sowieso nur noch im absoluten Dös-Modus. Mit hängenden Augendeckeln schlurfte er hinter Michelle Hunziker her und musste sich von ihr ständig den weiteren Ablauf erklären lassen. Seine Sofagespräche waren von schon fast unverschämter Unterspanntheit. Zugute gehalten sei ihm: Worüber soll man sich auch mit Leuten wie Wladimir Klitschko oder Otto Waalkes noch unterhalten, die in jeder zweiten Show auf der Promicouch rumsitzen? Oder mit jemandem wie der Schauspielerin Andrea Sawatzki, die hauptsächlich ihre selbstentworfenen Möbel promotete und dabei so maskenhaft lächelte, als habe auch in ihrem Gesicht jüngst eine Neumöblierung stattgefunden?

Justin macht es!

Justin Timberlake, der Stargast aus Übersee, erklärte sich immerhin scherzhaft bereit, die Gottschalk-Nachfolge zu übernehmen. Da johlte die Halle und flippte kurz danach richtiggehend aus, als der Amerikaner einen deutschen Satz sagte, seinen einzigen: "Ich habe einen Schraubenschlüssel." In der Welt von "Wetten, dass..?" kann die transatlantische Allianz immer noch kein Wässerchen trüben.

Es gab nichts, was diese wahnsinnig langen und langweiligen drei Stunden verkürzt hätte. Als David Garrett, der Stadiongeiger auftrat, hoffte man beinahe, er möge sich mit seiner vier Millionen Euro teuren Stradivari langlegen, damit wenigstens irgendwas passierte. Oder Klitschko, der sie unbedingt mal anfassen wollte, würde sie mit seinen riesigen Händen auf den Boden knallen lassen. Oder Stefan, der Wettkönig, ein Superhirn vor dem Herrn, der mit verbundenen Augen einen Zauberwürfel lösen konnte, würde die Kontrolle über seinen neu gewonnenen Audi verlieren und sie zu Brei fahren. Doch es passierte: nichts. Eine Frau konnte 20 Labradore an ihrem Mundgeruch unterscheiden ("Der kommt von Zahnbelag und übersäuerten Mägen"), was Gottschalk auf den Ü60-Spruch brachte: "Die Hunde denken, es ist besser, die Frau erkennt mich am Geruch und nicht am Geschmack wie die Chinesen."

Der Showmaster muss unter Realitätsverlust leiden, wenn er wie gestern vollmundig erklärt: "Die jungen Leute haben das ZDF ja noch nicht gestrichen von ihrer Fernbedienung." Vielmehr möchte man behaupten, dass eine nicht unbeträchtliche Zahl der Zuseher von "Wetten, dass..?" Mühe hat, die Tasten auf der Fernbedienung noch richtig zu treffen. Was läge da näher, als eine Frau als Nachfolgerin ins Spiel zu bringen, die sich bestens auskennt mit Geisterschiffen der Fernsehunterhaltung, die aus der Zeit gefallen sind? Carmen Nebel, bitte übernehmen Sie! Oder wie sagt Horst Schlämmer vom "Grevenbroicher Tageblatt" immer so treffend: "Wenn die Zähne erst mal raus sind, hat die Zunge freies Spiel."

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Von Mark Stöhr
 
 
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