Kolumne: Ganz naher Osten
Der Opa von Hape Kerkeling und die historische Fehlertoleranz der AfD

Er musste die AfD nicht erwähnen: Hape Kerkeling in Buchenwald
Hape Kerkeling musste die AfD nicht erwähnen, als er in der Gedenkstätte Buchenwald sagte: „Wer die Erinnerung an die Opfer als Belastung empfindet, vergisst, dass diese Erinnerung das einzige ist, was uns vor einer Zukunft als Täter schützt“
© Matthias Gränzdörfer / AP
Warum die AfD die deutsche Geschichte am liebsten mathematisch streng betrachtet, und was in diesem Zusammenhang die Zahlen 6117 und 1188441 zu bedeuten haben könnten.

Wie womöglich an der einen oder anderen Stelle dieser Kolumne durchgeschimmert sein könnte, stamme ich aus Thüringen, lebe in Thüringen und habe recht lange über die Landespolitik in Thüringen berichtet. Böswillige Menschen behaupten, dass ich das noch immer tue, aber das stimmt nicht, denn jetzt darf ich zum Beispiel auch aus dem schönen Magdeburg rapportieren. Dazu gleich mehr. 

Mein thüringenzentriertes Dasein bringt es mit sich, dass ich, auch das war hier womöglich schon mal dezent Thema, mit der Thüringer AfD sozialisiert wurde – die, wie es sich für Thüringen traditionell gehört, bis heute von westlichen Aufbauhelfern dominiert wird. Die meisten kommen aus Nordrhein-Westfalen und haben es dank unserer patentierten Diät aus Fleisch- und Kartoffelprodukten weit gebracht.

Dazu gehört Stephan Brandner, einst CDU und CSU, der sich mit extremer Stammtischlerei zum AfD-Bundesparteivize hochwitzelte. Dann ist da noch René Aust, ein schneidiger Ex-Sozialdemokrat, der inzwischen die rechtsäußere Fraktion im EU-Parlament führt. Und da ist natürlich Björn Höcke, aka Landolf Ladig, der ewige Landes- und Fraktionschef, der in der Bundespartei nichts werden darf, aber sie dafür umso mehr aus seinem Eichsfelder Pfarrhaus von hinten zu führen versucht. Zuletzt klappt das wieder öfter.

Wie sehr Höcke die Partei prägt, zeigt sich in der Rückschau. Im Januar 2017 hielt er seine Ansprache in Dresden, in der er das forderte, was Rechtsextremisten seit dem 8. Mai 1945 fordern: einen Schlussstrich. „Diese dämliche Bewältigungspolitik, die lähmt uns heute“, rief er. „Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad!“ Nötig sei eine „lebendige Erinnerungskultur, die uns vor allen Dingen und zuallererst mit den großartigen Leistungen der Altvorderen in Berührung“ bringe.

stern-Autor Martin Debes
© Sascha Fromm

Ganz Naher Osten

Martin Debes berichtet als Reporter im Hauptstadtbüro des stern oft über Ostdeutschland. In seiner Kolumne schreibt der gebürtige Thüringer auf, was im "Ganz Nahen Osten" vorgeht – und in ihm selbst

Die damalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry nutzte die Rede gemeinsam mit dem Vorstandsmitglied Alice Weidel, um ein Parteiausschlussverfahren gegen Höcke einzuleiten. Ein Rechtsgutachten unterstellte Höcke eine  „Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus“. Er wolle „sowohl einen anderen Staat als auch eine andere Partei“.

Fast eine Dekade später lässt sich bilanzieren, dass das mit der anderen Partei inklusive der konvertierten Vorsitzenden Weidel einigermaßen geklappt hat. Nur das mit dem anderen Staat zieht sich noch ein wenig. In drei Jahren aber will Höcke nun endlich Ministerpräsident werden und mit seiner Simson in die Staatskanzlei einfahren. 

Vorher ist aber noch Ulrich Siegmund dran, in Sachsen-Anhalt wird ja schon diesen September gewählt. Der AfD-Spitzenkandidat fährt Schwalbe, hellblau natürlich, und ist sogar eingeboren. Deshalb war ich also in Magdeburg, wo ich wieder feststellte, dass die AfD tatsächlich nicht mehr das ist, was sie mal war. Anstatt dass sich, wie einst bei AfD-Landesparteitagen üblich, aberhunderte Mitglieder in einem muffigen Dorfsaal vor eine Art Kaninchenzüchtervereinsversammlungspodium quetschten, saßen sorgfältig kuratierte Delegierte in der lichtdurchfluteten Halle der „Hyparschale“, in der vor einigen Monaten auch schon die regierende CDU mit dem Kanzler getagt hatte. 

Die AfD wirkte wie ein wohlgenährter Ministerpräsidentenwahlverein, oder um ihre eigene Sprachregelung zu nutzen: wie eine „Altpartei“. Das 160-seitige Wahlprogramm war binnen vier Stunden durchgepaukt und beschlossen, so wie es die Antragskommission unter Anleitung des Genossen, pardon: Kameraden Hans-Thomas Tillschneider vorgeschlagen hatte. 

Die 1000 Jahre des Björn Höcke

Zur Erinnerungskultur stand dort das: Die „Verewigung eines Schuldkomplexes“ habe dazu geführt, dass „Nationalstolz grundsätzlich als anrüchig“ gelte, die „Verteidigung der eigenen Interessen als unanständig wahrgenommen“ werde und „Politiker jede positive Bezugnahme auf unsere reiche Geschichte vor 1933“ vermeiden. 

Aha. Nun gehört zu jedem ordentlichen Extremismus die Erfindung einer eigenen Realität. Der Bezug zur real existierenden Welt sollte darin nicht komplett fehlen, sonst funktioniert die Propaganda nicht. Aber er darf sehr klein sein und kann, wie in diesem Fall, alles ausblenden, was sehr viele Politiker tatsächlich über die „reiche Geschichte vor 1933“ sagen, was sehr viele Museen zeigen und was in noch mehr Büchern steht. 

„Wir möchten, dass wir stolz auf unser Land sind, stolz auch auf unsere ganze Geschichte, die mehr als nur ein kleiner Teil ist, sondern über viele Jahrhunderte Großes hervorgebracht hat“, sagte Siegmund in Magdeburg gegenüber  „Welt TV“. Das fügte sich kongenial zu dem, was Höcke schon 2015 rief, als er auf der anderen Seite der Elbe stand, neben dem Dom, in dem Kaiser Otto I. begraben liegt: „Ich will, dass Magdeburg und dass Deutschland nicht nur eine tausendjährige Vergangenheit haben. Ich will, dass sie noch eine tausendjährige Zukunft haben.“ 

Die AfD und der „Vogelschiss“

Und es fügte sich zu dem, was Alexander Gauland in Thüringen, wo sonst, drei Jahre später dekretierte. „Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die 12 Jahre“, sagte er. „Aber liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte.“

Jetzt ließe sich darüber nachsinnen, wie Verantwortung relativiert wird und in welchem Kontext Hitler selbst damals von „1000 Jahren“ sprach. Aber hey, vielleicht betrachtet die AfD die deutschen Zeitläufte rein mathematisch: 12 von 1000 sind 1,2 Prozent – damit bewegt sich doch alles innerhalb der historischen Fehlertoleranz.

Am Tag, nachdem die AfD in Magdeburg ihr Programm beschlossen hatte, stand Hape Kerkeling auf dem Appellplatz des vormaligen NS-Konzentrationslagers Buchenwald – unweit des thüringischen Städtchens Weimar, das eine durchrestaurierte Kultstätte der „reichen Geschichte vor 1933“ ist, weshalb übrigens schon der bereits genannte Hitler des Öfteren vorbeikam.

Im Namen des Großvaters

Kerkeling hielt die Hauptrede zum 81. Jahrestag der Befreiung des Lagers. Er erzählte von seinem Opa Hermann, der 1933 Flugblätter verteilt hatte und als „Hochverräter“ verurteilt wurde. Kerkelings Großvater gelangte nach der Haft in Zuchthäusern in das KZ auf dem Ettersberg nahe Weimar, wo er, wie sein Enkel berichtete, als Häftling 6117 bis 1945 „gefoltert, gedemütigt“ und „Zeuge unzähliger Morde“ wurde. "Wer diese wertvolle Erinnerung ausblenden will, wer diese Zeit zu einem ‚Vogelschiss‘ herabwürdigen will, der greift unser Fundament an", sagte Kerkeling.

Aber, wie die AfD rechnet: Es waren ja nur 12 Jahre. 

Als ich mit dem Zug von Magdeburg zurück nach Erfurt fuhr, dachte ich über noch ein paar andere Zahlen nach. Kurz zuvor hatte ich in der von der „Zeit“ aufbereiteten NSDAP-Mitgliederkartei nach meinen Großvätern gesucht, im „Gau Thüringen“ natürlich. Opa Georg war Mitglied 1188441, Opa Fritz Mitglied 6992496. 

Insgesamt wurden um die 8,5 Millionen Nummern vergeben.

PRODUKTE & TIPPS

Kaufkosmos