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11. April 2011, 07:40 Uhr

Die "Dicke von oben" ganz unten

Ungewohntes aus München: Die "Tatort"-Ermittler Batic und Leitmayr tauchen in der Folge "Jagdzeit" tief in die Welt der Hartz-IV-Empfänger ein. Dank ihres eigenen Humors entgehen sie gekonnt der Betroffenheits-Falle. Von Carsten Heidböhmer

Tatort, Ivo Batic, Leitmayr, Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec, Jagdzeit, 192018

Die Kommissare Batic (Miroslav Nemec, l.) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) verhören die 13-jährige Mordzeugin Nessi (Laura Baade)© BR/Stephen Power

Eigentlich ist der Kriminalfall im Sozialmilieu eine Spezialität des Kölner "Tatorts". Ob Rassismus, soziale Ungerechtigkeit oder die Ausbeutung der dritten Welt - in schöner Regelmäßigkeit ereifern sich Ballauf und Schenk über das Unrecht dieser Welt. Max Ballauf legt dann seine Stirn in Falten und ist einfach nur betroffen, während Freddy Schenk richtig sauer wird über die Missstände.

Dass man die soziale Realität auch anders einfließen lassen kann, zeigt dieser München-"Tatort". Er beginnt zunächst im gehobenen Milieu: Ein Mann verlässt früh am Morgen seine üppige Villa, um zur Jagd zu fahren. Doch er kommt nur bis zur nächsten Tankstelle, wo er mit seiner eigenen Flinte erschossen wird. Einzige Zeugin ist die 13-jährige Nessi (Laura Baade), die sich jedoch weigert, den Polizisten den Täter zu nennen.

Mit 13 trägt sie noch ihren Kinderschulranzen

Durch das Mädchen bekommen die Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) Einblick in die Welt der Hartz-IV-Empfänger. Die Mutter verbringt den Tag vorm Fernseher und schluckt dazu Tabletten und Alkohol. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft hat sie schon längst aufgegeben. Nessi verdient sich noch ein paar Euro dazu, indem sie eine alte Frau pflegt und die Tabletten ihrer Mutter vertickt. Sie ist übergewichtig - im Haus wird sie nur "die Dicke von oben" genannt -, und mit 13 trägt sie immer noch ihren Kinderschulranzen. Für einen neuen, altersgemäßen ist einfach kein Geld da.

Immer wieder staunen Batic und Leitmayr über die Armut, die sich - für sie bislang kaum sichtbar - im reichen München breit gemacht hat. Die trüben Einblicke ins Leben von Menschen, die zu viel Zeit und zu wenig Geld haben, werden immer wieder durch Frotzeleien zwischen den beiden Kommissaren aufgelockert. Dadurch bleibt der Kriminalfall frei von Sozialkitsch, nie versteigt er sich zu plakativen politischen Botschaften.

Im Laufe der Ermittlungen bekommt auch die Welt der vermeintlich Reichen Risse: Es stellt sich heraus, dass das Mordopfer Gerd Zach nicht so wohlhabend war, wie es den Anschein hatte. Er ist vor einiger Zeit als Personalchef entlassen worden, und kümmert sich seither vor allem um eine Armentafel, wo er kostenlose Lebensmittel an Hartz-IV-Empfänger verteilt. Unter den Bedürftigen sind auch Arbeitnehmer, die Zach in seiner Funktion als Personalchef entlassen hat. Ist hier auch der Täter zu finden?

Kommissare, keine Sozialarbeiter

Wie so oft im "Tatort" liegt jedoch auch hier das Motiv im Privaten. Wie sich herausstellt, hatte die Ehefrau des Toten (Angela Ascher als draller Uschi-Obermeier-Verschnitt) eine Affäre mit Xaver Heintel, der mit Zach die Armenspeisung betreibt. Heintel ist die Person, bei der beide Welten aufeinanderprallen. Er selbst stammt aus der "Hartzer"-Hochburg, hat es aber inzwischen zu einigem Wohlstand gebracht. Offenbar fehlte ihm nur noch die standesgemäße Frau, um den Aufstieg zu komplettieren. So schritt er dann zur Tat.

Weil Nessi den Mörder gesehen hat, ist sie nun selbst in Gefahr. Als sie verschwunden ist, wird es noch einmal dramatisch. Doch die Kommissare finden das Mädchen schließlich wohlbehalten. Ihre Mutter hat inzwischen Heintel getötet - damit dieser Nessi nichts antun kann. So hat das Mädchen am Schluss ihr Zuhause verloren.

Dieser deprimierende "Tatort" kommt ohne Anklage an Politik und Gesellschaft aus. Das Jugendamt wird sich um Nessi kümmern - alles geht seinen geregelten Gang. Die Armut freilich bleibt, das können auch Batic und Leitmayr nicht ändern. Sie sind eben Kommissare und keine Sozialarbeiter. Im Gegensatz zu den Kölnern wollen sie auch gar nichts anderes sein.

Von Carsten Heidböhmer
 
 
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