Das gespaltene Urteil der Historiker

23. März 2013, 13:20 Uhr

Der ZDF-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" über das Leben junger Deutscher im Zweiten Weltkrieg hat Millionen gefesselt. Aber zeichnete der Film ein reales Bild? Das sagen Historiker. Von Nicolas Büchse, Stefan Schmitz und Matthias Weber

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"Unsere Mütter, unsere Väter" hat den zweiten Weltkrieg wieder in das kollektive Bewusstsein gehoben.©

Die Quote von "Unsere Mütter, unsere Väter", dem ZDF-Dreiteiler, war gewaltig. Das Medienecho ebenso. Der Film von Produzent Nico Hofmann fuhr geradezu hymnische Kritiken ein, auch auf stern.de. Doch in den vergangenen Tagen waren kritische Stimmen zu hören. Der Hauptvorwurf lautet: Die fünf Freunde, deren Erlebnisse im Film geschildert werden, stehen nicht für die Generation, die vorzustellen der Film vorgibt. Sie seien zu unpolitisch, zu wenig verbunden mit dem Regime. Nirgendwo werde deutlich, dass die Deutschen im Sommer 1941 – in dem der Film einsetzt – in ihrer großen Mehrheit an Hitler geglaubt haben, den Sieg herbeisehnten und mit Juden nichts zu tun haben wollten.

Scheitert der Film?

Natürlich kann ein Fernseh-Mehrteiler nicht alle Wünsche der Historiker erfüllen. Was aber muss er leisten? Und schafft "Unsere Mütter, unsere Väter" das? Die Einschätzung der führenden deutschen Historiker weicht weit voneinander ab. Sie reicht von "wichtig und neu" (Norbert Frei) bis "gescheitert" (Ulrich Herbert).

Weit verbreitet ist die Einschätzung, dass der Film – bei aller Kritik – über das hinaus geht, was bislang zu sehen war. Frei etwa sagt: "Der Film ist schon deshalb ein Fortschritt, weil wir den Krieg gegen die Sowjetunion im deutschen Fernsehen noch nie auf eine so ungeschönte Weise gesehen haben. Der Vorzug dieses Dreiteilers sind seine Grautöne: keine eindimensionalen, idealisierten Figuren, keine Einladung zur leichten Identifikation, kein Melodrama, sondern gebrochene Charaktere, die sich ihrer Mitschuld bewusst werden."

Umstritten ist jedoch insbesondere die Auswahl der Hauptfiguren. Der Historiker Martin Sabrow, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, findet es begreiflich, aber nicht unproblematisch, dass die Macher sich auf die Jahrgänge um 1920 konzentriert haben. Schließlich sind sie uns am nächsten; in manchen Familien wird es noch möglich sein, Eltern und Großeltern zu befragen. Das habe allerdings einen Preis: "Bis auf den Obernazi, der zum Mörder Gretas wird, sehen wir vor allem die Mitgerissenen, die in einem Strudel untergehen, den sie nicht gewollt haben." Und das ergebe eben kein vollständiges Bild der deutschen Gesellschaft von 1941 – die ihrem "Führer" nicht nur widerwillig nachstolperte, sondern auch gläubig vorarbeitete. Habbo Knoch, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, ergänzt: "Dem Film gelingt es nicht zu zeigen, warum der Nationalsozialismus funktionierte. Die fiktiven 20-Jährigen wirken wie Opfer der übermächtigen Kriegsgewalt, ohne Mitverantwortung. Was fehlt, ist die Generation der 30- bis 40-Jährigen, die das System auch im Kleinen bauten und trugen, und zwar mit einer Mischung aus Überzeugung und Nutzenkalkül. Dies müsste ein Film leisten: endlich einmal die vielen normalen Profiteure zu zeigen, ohne sich in Stereotypen zu verfangen."

"Atmosphärisch gut"

Wesentlich milder urteilt Hans Ulrich Wehler aus Bielefeld. Gerade die Ausgangssituation hat ihm gefallen. "Ich fand den ersten Teil atmosphärisch gut, weil da noch diese euphorische Grundstimmung herrschte: Nach dem Polen-Feldzug, nach dem Frankreich-Feldzug machen wir jetzt einen kleinen Blitzkrieg, und schon sind wir in den Vorstädten von Moskau." Es kam dann anders, was Wehler angemessen dargestellt findet. "Der Film zeigt, wie der Krieg durch seine Brutalisierung und Verrohung alles Schlechte im Menschen hervorruft." Sein Fazit: "Insgesamt gut hingekriegt."

Dem widerspricht Ulrich Herbert. Auch den Freiburger Professor haben viele Szenen fasziniert ("Ein schlechter Film ist das nicht"). stern.de verwies er auf seinen Beitrag in der "taz". Dort beklagt er, dass die Protagonisten am Ende entweder Opfer seien oder sich gegen den NS-Staat stellten. "So wären die Deutschen gern gewesen", schreibt er. Auch er vermisst die Darstellung der Träger des Regimes. Verstehen, was damals geschehen ist, könne man erst, wenn es gelänge, einen anderen Typus darzustellen: nämlich einen überzeugten Nazi, der weder sadistisch, naiv noch verrückt ist; der völkisch denkt, die Juden weg haben will und einen kompromisslosen Krieg gegen die Sowjetunion befürwortet. So einen gebe es in dem Film aber nicht.

Diese Kritik teilt Volkhard Knigge von der Universität Jena, der die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald bei Weimar leitet. Er findet auch die Darstellung der jungen Leute im Krieg fragwürdig: "Der Film wird dem Anspruch, prototypisch unsere Mütter und Väter dieser Zeit zu zeigen, nicht gerecht." In Wahrheit sei dies die "Generation mit den glühenden Herzen gewesen, das ist die völkisch überzeugte Generation, die hinter ihrem Führer stand". Durch ihre Sozialisation unter dem Hakenkreuz sei sie viel politischer gewesen als die gezeigten jungen Leute. "Was bleibt, ist der Krieg, in den man dummerweise zur falschen Zeit am falschen Ort geboren und dann durch den Krieg in die Verrohung, in die Entmenschung und den Verlust der eigenen Seele getrieben wird." Diese "Idealisierung" sieht er auch dadurch nicht geheilt, dass der Film viel zeige oder andeute, was zuvor so nicht zu sehen gewesen sei.

"Gekonnte Verarbeitung zeitgeschichtlicher Forschung"

Gerade das begründet Freis viel positiveres Urteil. "Das Drehbuch verarbeitet sehr gekonnt Ergebnisse der jüngeren zeitgeschichtlichen Forschung: die Beteiligung der Wehrmacht an der Ermordung der Juden, Geiselerschießungen im Partisanenkrieg, den Kommissarbefehl - aber etwa auch die Kaltschnäuzigkeit, mit der sich Volksgenossen in den Wohnungen der deportierten Juden breitmachen. Dass die Erfahrungsgeschichte des Krieges in dieser Eindringlichkeit und Differenziertheit aufgegriffen wird - das ist wichtig und neu."

Wo war Opa im Krieg? Wie stark der Film die Deutschen bewegte, zeigt auch diese Zahl. Bei der Deutschen Dienststelle (WASt) gingen diese Woche 1407 schriftliche Such-Anträge ein, doppelt so viele wie üblich. Telefonisch erbaten 412 Deutsche Auskunft über die Militärzeit ihrer Väter oder Großväter, dreimal so viele wie in der Vorwoche. In der Berliner Dienststelle kann der militärische Werdegang aller Wehrmachtssoldeten verfolgt werden. Eine Internet-Auskunft kostet im Schnitt 20 Euro. Sprecher Wolfgang Remmers sagt, dass in den letzten Jahren die Enkelkinder wesentlich häufiger nachfragen. Remmers zu stern.de. "Sie haben das Tabu nicht mehr, einfach nachzufragen. Die wollen wissen, was hat mein Großvater im Krieg gemacht, wo ist er eingesetzt gewesen, die wollen ganz gerne den Ort, wo er gefallen ist, oder den militärischen Werdegang berichtet bekommen." Die Dienststelle erhält im Jahr noch immer 40.000 Anfragen, viele drehen sich um Klärungen von Vermisstenschicksalen. In der Ukraine, Russland oder Weißrussland werden auch heute noch sterbliche Überreste von deutschen Soldaten gefunden. Anhand ihrer Erkennungsmarke können sie identifiziert werden. Pro Monat sind es 20 bis 25 ehemalige Soldaten. Den Angehörigen wird dann der Nachlass, etwa ein Ring, zugeschickt.

Die Deutsche Dienststelle verwaltet etwa 4300 Tonnen Akten- und Karteimaterial. Darunter befinden sich die Zentralkartei mit rund 18 Millionen Karteikarten über Angehörige der ehemaligen deutschen Wehrmacht und anderer militärischer und militärähnlicher Verbände.

Matthias Weber

 
 
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