BOCHUM »Wir stellen uns nicht auf den Feldherrnhügel der Erkenntnis«


Forschungen von Bochumer Historikern dienen als Vorlage für ARD-Dokumentation

Forschungen von Bochumer Historikern dienen als Vorlage für ARD-Dokumentation

Am Anfang war da dieses Buch. Ein Buch voller hochbrisantem Stoff, über den in den Jugendjahren des bundesrepublikanischen Staates eher der Mantel des Schweigens ausgebreitet wurde, als sich mit diesem brisanten Thema auseinander zu setzen. Die Rede ist von »Karrieren im Zwielicht - Hitlers Eliten nach 1945«, herausgegeben von Norbert Frei, seines Zeichens Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum.

Erschienen ist das Werk des Historikers bereits im vergangenen Jahr. Im Zentrum der Aufsatzsammlung stehen beispielhafte Karrieren namhafter Deutscher, die als Ärzte, Juristen, Militärs und Industrielle aber auch als Journalisten im Dritten Reich von ihrem Einfluss Gebrauch machten und sich an der Herrschaft der Nationalsozialisten bereicherten. Nicht selten verübten jene Deutsche im Namen der NS-Ideologie Gräueltaten, verfassten Hetzartikel oder fällten Todesurteile. Doch anstatt sie dafür nach 1945 zu belangen oder aus dem Verkehr zu ziehen, setzten Hitlers Eliten ihre »Laufbahn« oft unvermindert fort und passten sich dem westdeutschen System an. Nicht selten auch, indem sie Spuren verwischten. Jetzt dient »Karrieren im Zwielicht« als Vorlage für eine sechsteilige ARD-Dokumentation.

»Wir stellen uns nicht auf den Feldherrnhügel der Erkenntnis, sondern müssen den Leuten spannende Fragen vorstellen.« Aus Dr. Thomas Fischer vom Südwestrundfunk spricht der »Fernseh-Historiker«. Auf einer Podiumsdiskussion mit den Autoren von »Karrieren im Zwielicht« stellte er sich den Fragen des Auditoriums im Mediziner-Hörsaal. »Wir bringen keine großen Skandale ans Licht. Vielmehr wollen wir mit Hintergrundinformationen überzeugen«, gibt Fischer den Inhalt der von ihm mitkonzipierten Sendereihe wieder.

Deshalb haben die SWR-Macher auch völlig auf szenische Nachstellungen verzichtet. Sie konzentrieren sich vielmehr auf das, was in öffentlichen Archiven an Ton- und Bilddokumenten zu finden war.

»Die Verrenkungen waren nicht so groß«

Die Initiative für die Zusammenarbeit des SWR und der Bochumer Wissenschaftler ging von der Rundfunkanstalt aus. »Wir suchten kompetente Partner. Da fiel uns Professor Freis Werk in die Hand«, gibt sich Fischer auskunftsfreudig. Die Zusammenarbeit mit den RUB-Historikern sollte sich als äußerst fruchtbar erweisen. »Die Verrenkungen waren nicht so groß«, resümiert Matthias Weiß, einer der Bochumer Autoren von »Karrieren im Zwielicht« den anschließenden »Stoffaustausch«. Eine besonders brisante Rolle nahmen laut Weiß Journalisten in der Nachkriegszeit ein: »Anstatt sich mit ihrer eigenen Vergangenheit zu beschäftigen, sind viele dazu übergegangen, über die anderen Elitengruppen zu berichten.«

Nähern wird sich die Fernseh-Dokumentation dem Stoff auf drei Ebenen. Zum einen beleuchtet die Serie die Individuen auf der charakterlichen, persönlichen Ebene. Zweitens soll der gesamte jeweilige Berufsstand beleuchtet und auf der dritten Ebene die Einordnung in den zeitgeschichtlichen Kontext mit Blick auf den Beginn des Kalten Krieges vorgenommen werden.

Eine sachliche Herangehensweise an den Stoff ist allein schon durch die chronologische Distanz gegeben. »Wir sind mittlerweile in einer Zeit angekommen, in der sich das im Buch beschriebene Problem generationsbedingt und rein biologisch erledigt hat«, ist sich Norbert Frei sicher. »Es gibt sicherlich leichter zu erzählende historische Stoffe«, dankte der Professor dem SWR für seinen Mut, das Thema »Eliten-Kontinuität« zu verarbeiten. Das Ergebnis wird voraussichtlich ab dem 15. April 2002 um 21.45 Uhr im Ersten zu sehen sein.

Übrigens: Sowohl Freis Herausgeberband als auch die gleichnamige Fernsehserie lassen eine Elite völlig außer Acht. Auf Kontinuitäten in Politikerkarrieren nach der Nazidiktatur gehen die Historiker nicht ein. Fischer: »Dort ist eben eine deutliche Zäsur festzustellen.« (sf)


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