Das ZDF verfilmt das Leben des revolutionären 68er-Studentenführers Rudi Dutschke als Dokudrama. Das Resultat: Es gab wohl mehr Dutschkes, als wir geahnt haben. Von Lutz Happel

Der echte und der falsche Dutschke: Schauspieler Christoph Bach (li.) sieht dem Studentenführer verblüffend ähnlich© DPA
Es sind immer die gleichen grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bilder, die über den Bildschirm flackern, wenn es um die 68er geht: Dutschke mit geballter Faust an der Spitze eines Demonstrationszuges, Dutschke im rot-schwarz gestreiften Strickpulli am Mikro - als Großmeister akademischer Bandwurmsätze. Es sind Bilder eines Menschen, der zur Ikone einer ganzen Generation geworden ist. Doch was war das eigentlich für ein Mensch? Warum wirkt er auf viele noch heute polarisierend? Und was verrät sein Leben über die Bewegung, der er sich so bedingungslos verschrieben hatte?
Keine einfache Aufgabe für die Filmemacher Daniel Nocke und Stefan Krohmer, die in ihrem Dokudrama "Dutschke" den Mensch Rudi Dutschke zeigen wollten. Denn so viele unterschiedliche Meinungen es zum Stellenwert der 68er gibt, so viel wird seit Jahrzehnten über den Westberliner Vorzeige-Revoluzzer diskutiert, der bereits 1979 an den Spätfolgen eines Attentats starb. Ob Bürgerschreck, Demagoge, Charismatiker, Revolutionär, Intellektueller, Straßenkämpfer oder einfach nur glänzender Rhetoriker: Dutschke diente schon früh als Projektionsfläche für seine Anhänger wie Gegner. Das Filmteam Nocke und Krohmer hat erkannt, dass solch ein Mann mit derart komplexen gesellschaftlichen Verflechtungen nicht einfach so aus einem Guss heruntergefilmt werden kann wie die Buddenbrooks. Zum Glück.
"Wir sind der Meinung, dass man Dutschke und seiner Zeit am besten gerecht wird, wenn man Widersprüche herausstellt, statt sie zu verstecken", sagen die beiden Filmemacher. Dazu haben sie gespielte Szenen, Interviews und Archivmaterial zu einer multiperspektivischen Kollage zusammen geschnitten. Gezeigt werden Ausschnitte aus Dutschkes Leben ab 1964, als Dutschke allmählich bekannt wurde. 1967/68 war er bereits ein einflussreicher Akteur in West-Berlin. Man spürt die steigende Feindseligkeit in den Monaten vor dem Berliner Vietnam-Kongress bis zum Attentat im April 68. Es folgt seine Tour durch Europa auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Die Erzählung endet in den 70er Jahren.
Zu Wort kommen Freunde und Weggefährten, politische Kontrahenten, Dutschkes Frau Gretchen Klotz, ehemalige Mitstreiter wie Gaston Salvatore, Peter Schneider, Helga Reidemeister oder Bernd Rabehl, aber auch Zeitzeugen wie Eberhard Diepgen.
Die gespielten Szenen zeigen, wie Dutschke mit seinem engsten Gefährten Salvatore fieberhaft an Reden und Artikeln feilt, sich die Nächte um die Ohren schlägt, in überfüllten Hörsälen in ganz Deutschland spricht, mit dem Duktus eines hitzigen Soziologie-Professors, dem die Leute an den Lippen hängen. Wie er im Umfeld des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) bis zur Erschöpfung arbeitet. Eine Zeit "ohne Atem", so beschreibt Salvatore jene Hochzeit der politischen Aktivität seines Freundes.