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Rainer Langhans: Auf Sinnsuche im Dschungelcamp

Er sticht heraus im neuen Dschungelcamp: Zwischen all den B-Promis ist mit Rainer Langhans einer dabei, der Kulturgeschichte geschrieben hat. Medienaffin war der Star der 68er schon immer.

Von Bernd Gäbler

Irgendwo bei RTL sitzen ein paar Schlauberger. Sie sorgen dafür, dass die Konstellation der Teilnehmer am Dschungelcamp gehörig Spannung, Zoff und Dynamik erwarten lässt. In der Regel findet sich dann eine muntere Schar finanziell klammer B-Promis zum TV-überwachten Stelldichein im australischen Busch ein.

Diesmal aber ist ein besonderer Coup gelungen: Rainer Langhans ist mit von der Partie. Er ist prominent genug, um von den meisten Menschen als 68er, Hippie, Kommunarde oder zumindest männlicher Begleiter Uschi Obermaiers identifiziert zu werden. Das lockige Langhaar schimmert inzwischen silbern. Im Leinengewand wirkt Langhans leicht guruhaft, viele halten ihn für einen Spinner - und tatsächlich interpretiert er die 68er-Bewegung letztlich als spirituelle Erfahrung.

Rainer Langhans ist die Ikone einer revolutionären, aber sanften Selbstveränderung. Wie will man denn die Verhältnisse ändern, wenn nicht das eigene Verhalten verändert wird? Eingeübt werden soll ein Leben jenseits von Besitzdenken und Eifersucht, hinterhältiger Konkurrenz und Verklemmung. Im Spießer weckt dies zuverlässig die wildesten Phantasien: halb kopfschüttelnde Häme, halb Orgien-Neid. Als Langhans später wechselweise Mick Jagger und Keith Richards die schöne Uschi Obermaier ausspannten und diese dann auch noch mit dem Rocker-König Dieter Bockhorn davonzog, vereinten sich die Spießer und Machos schadenfreudig in der Ansicht, Langhans sei eben doch nur ein Weichei. Realistischer ist es, in Rainer Langhans einen Antipoden zum früh verstorbenen Rudi Dutschke zu sehen. Dutschke war ein Getriebener und Treibender, der die Welt verändern wollte; Langhans ein zarter Prediger, der sie zu transzendieren trachtete. Ein Politiker und ein Poet.

Künstler in Selbstvermarktung

Langhans, der als regelmäßiges Einkommen nur auf eine schmale Pension verweisen kann, die aus seiner Offiziersausbildung im Jahr 1963 resultiert, war immer medienaffin. Schon zu den Hochzeiten seines Daseins als "APOnaut" wusste er sich nicht nur medienwirksam in Szene zu setzen, sondern konnte sich auch schon vermarkten. Einst posierte er mit Uschi Obermaier als "schönstes Paar der Apo", dann gab es den Fotoband "K 1 - Das Bilderbuch der Kommune" und auch autobiografische Notizen.

Vor Vermarktung hatte er nie Scheu - vielleicht, weil ihm Geld und jedweder materielle Wohlstand stets von Herzen gleichgültig waren. So lebt er heute auf niedrigem Level in einem Mini-Appartment in München-Schwabing - manchmal sieht man ihn durch die Stadt radeln. Jetzt bessert er halt gehörig seine Rente auf. Noch nie im Leben habe er auf einen Schlag so viel Geld verdient wie die 50.000 Euro, die RTL ihm nun für die Teilnahme zahlt, sagt er.

Die Lebensform nach der Apo-Zeit nannte Langhans einen "Harem", fünf Frauen wisse er fest an seiner Seite. Wieder weckte dies wilde Phantasien, aber Langhans verwertete sie nicht mehr so massiv wie zu Kommune-Zeiten. Vor allem gehe es jetzt um Begegnung und Selbsterfahrung, bremste er, eine "Sinnsuchergemeinschaft" sei die Gruppe. "Ein Mann für mehrere Frauen", schrieb Langhans, "ist ein Mann in einer sehr abgeschwächten Form."

Das wilde Zwillingspaar aus seinem "Haarem"

Zu den "Sinnsuchern" gehören auch Jutta Winkelmann und Gisela Getty, einst ein wildes Zwillingspaar, das aus der Provinz aus- und aufbrach, um die Flower-Power-Welt der Reichen, Schönen, Künstler und Exzentriker zu erobern. Die einst mit Dennis Hopper, Leonard Cohen, Timothy Leary oder dem Millionärserben Paul Getty III um die Häuser zogen, servieren heute schon mal bei Vox im "Promi-Dinner" ihren Gästen schmale, vegetarische Kost oder führen durch einen ZDF-Dokumentarfilm von Lutz Hachmeister und Stefan Aust zu "68", dem "Jahr der Revolution". Über den märchenhaften Lebensweg der beiden hat Rainer Langhans einen wundervollen Film gemacht: "SchneeweissRosenrot". 1994 bekam er dafür den Adolf-Grimme-Preis.

Der "Marsch durch die Institutionen" war Langhans' Sache nicht. Schon das "Marschieren" wäre ihm vermutlich zu martialisch gewesen. Auf den Film folgte das Interesse am Internet. Langhans ist ein leidenschaftlicher Surfer und Chatter. Da ihm die körperliche Begegnung zwischen Menschen längst nicht mehr das wichtigste ist, sinniert er gerne über das Netz als neuen Ort menschlicher Verhaltensänderung. "Was ist das Hippietum gewesen: ein Einstieg in ein besseres Leben. Und wo, wenn nicht im Netz, kann man kreativ ohne diese geistige Enge des bürgerlichen Lebens leben?", fragte er in der "taz".

Das Dschungelcamp ein Verrat?

Nun aber das Dschungelcamp. Ist das nicht sein Verrat an allen Idealen? Rainer Langhans kennt diese Vorwürfe, aber für ihn sind sie kein Problem. Er weiß, dass er sich von nun an immer rechtfertigen muss, aber die Verratsvorwürfe langweilen ihn. Im Gegensatz zum RTL-Dschungelcamp. Auch darin sieht der Ex-Kommunarde eine Schule menschlichen Miteinanders. Ist das Taktik oder Naivität?

Er werde auf jeden Fall alles mitmachen, was da von ihm gefordert werde, hat der 70-Jährige schon beteuert. Nur eines nicht - Tiere quälen, das werde er auf keinen Fall. Das hat sich Langhans dann vertraglich zusichern lassen. Was schon deswegen kein Problem war, weil der koboldartige Dirk Bach, der als Moderator der Sendung die Dschungelcamp-Insassen verbal stets diabolisch drangsaliert, dieselben Prioritäten hat. Kennt er auch mit den Kandidaten kein Pardon - die Tiere müssen geschont werden. Das steht auch in Bachs Vertrag. Also wird Rainer Langhans zwar Ratten, Kakerlaken und ähnlichem Getier nicht ausweichen, wahlweise Hoden oder Larven futtern, aber nie einen Krebs oder Hummer in den Kochtopf werfen.

Noch interessanter aber dürften die Dialoge werden, wenn er ehemaligen Soap-Mimen Sanftmut predigt oder Girl-Band-Sternchen "68" erklärt. Da wird RTL gewiss für pointierte Zusammenschnitte sorgen. Ist das alles nun Komik, Tragik - oder gar ein Triumph der 68er? Von allem wohl etwas. Irgendwer hat einmal erklärt, Rita Süßmuth als erste Aids- und Frauenpolitikerin der CDU stünde für den späten Sieg der 68er. Was wäre dann Rainer Langhans als RTL-Dschungelkönig? Eine Farce als Abschluss einer Epoche?