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68er-Ikone Langhans: "Das Dschungelcamp - die Urszene der Kommune"

Es klingt absurd: Die 68er-Ikone Rainer Langhans soll ins Dschungelcamp von RTL. Im Interview mit stern.de verrät der 70-Jährige, warum das Camp die neue Kommune ist.

Von Sophie Albers

Herr Langhans, gehen Sie nun ins Dschungelcamp, oder nicht?
RTL steht in Verhandlung mit mir.

Möchten Sie denn in die Show?
Ich bin schon bei der letzten Staffel angefragt worden. Da habe ich gesagt, dass ich das interessant finde, aber dass ich bei dieser ganzen Tierfresserei nicht mitmache. Wir haben lange verhandelt, aber RTL meinte letztlich, dass sie ihre Regeln nicht brechen können. Aber jetzt haben sie wieder gefragt und wollen sich was überlegen. Das ist der Stand.

Hätten Sie ein Problem damit, das Camp mit Ronald Schill zu teilen?
Hätte ich nicht.

Was genau reizt Sie überhaupt daran?
Genau genommen ist das Dschungelcamp die Urszene der Kommune - und unserer damaligen Bewegung. Es geht darum, in sich zu gehen, sich neu zu erfinden und zu entwickeln. Diese intensive Begegnung bringt eine Menge Selbsterkenntnis und Möglichkeiten, an sich zu arbeiten. Anfang 1967 - und das weiß heute kaum jemand - haben wir uns drei Monate lang in eine winzige Wohnung eingesperrt und haben uns nur miteinander beschäftigt. In einer solchen spirituellen Ekstase kommt kein Sex auf, falls Sie das jetzt denken: Das ist viel mehr. Man sieht die Welt mit anderen Augen: Ihr seid verrückt mit eurem Krieg und Kapitalismus und Massenmord! Die anderen haben derweil demonstriert, und der SDS hat uns als Psychoamokläufer bezeichnet. Wir wollten richtige Menschen sein. Nur den Kapitalismus abschaffen - das ist zuwenig -, sondern den einzelnen Menschen ändern, der ihn hervorbringt. Also haben wir bei uns angefangen. Nach den drei Monaten waren wir deutlich anders als die anderen. Wir waren bunt, wir waren ohne Angst, wir hatten längere Haare (lacht). Es war doch so: Unsere größte Angst war, genauso zu werden wie unsere Eltern, die gerade einen gigantischen Massenmord hingelegt hatten. Wir waren die Kinder dieser Mörder und wollten, mussten uns neu erfinden...

Entschuldigen Sie, aber die Dschungelshow ist doch eine durch und durch kapitalistische Ausgeburt...
Natürlich. Aber was ist denn heute nicht kapitalistisch? Deshalb muss man innerhalb des Systems ansetzen. Adornos Spruch "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" ist nicht korrekt. Man kann etwas tun! Man darf nicht aufgeben. Deshalb habe ich immer weitergemacht. Deshalb kann ich heute sagen, dass ich weitergekommen bin. Sonst wäre ich wahrscheinlich auch so traurig wie meine Exkommunarden, die deprimiert in Berlin leben und nicht mehr mit mir reden.

Das heißt, Sie wollen im Dschungelcamp das Private politisch machen?
Das brauche ich gar nicht. Die Anordnung ist genauso wie sie damals war. Was für Leute gehen denn ins Dschungelcamp? Das sind abgehalfterte B- und C-Promis, Leute, die man nicht mehr sehen will, die diesen Strafbataillonsdienst leisten müssen, indem sie als Idioten noch mal so richtig durch die Mühle gedreht werden. Das finden die Zuschauer unterhaltsam. Jetzt übersetze ich das mal in meine Sprache: Das sind Leute, die nicht mehr ihren Beruf ausüben können, weil man sie nicht mehr sehen will, weil sie nicht mehr unterhaltsam sind. Das heißt, das sind Leute wie wir damals auch, die sagen, dass sie so nicht weitermachen können. Ihre einzige Chance ist, sich zu ändern, um sich der Gesellschaft dann erneut anzubieten.

Glauben Sie wirklich, dass die Leute sich ändern wollen?
Was heißt wollen? Sie gehen ja ins Dschungelcamp, weil sie das müssen.

Ich halte es eher für ein letztes Ausquetschen zwecks Belustigung des Publikums.
Das ist nur die eine Seite: Die Dschungelcampleute selbst sagen doch, dass die Kandidaten hinterher erhebliche Vorteile haben, dass sie wieder vermittelbar sind, gute Jobangebote kriegen. Das heißt, sie verbessern sich.

Und was versprechen Sie sich davon?
Ich verspreche mir davon, dass die Menschen sich angucken, wie ich lebe und sehen, dass man richtig leben kann. Ich wundere mich derzeit ehrlich gesagt ein bisschen über das Interesse - sowohl vom Dschungelcamp als auch von Zalando. Die wollen mich nutzen. Das war in den vergangenen Jahren ja nicht so der Fall. Bisher galt ich als Spinner oder ewiger 68er, der niemanden interessiert, außer zu den Jahrestagen. Und jetzt kommen die Werbung und die TV-Show und sagen: Du bist uns wichtig.

Aber Sie haben dem Schuhvertrieb Zalando doch mit Klage gedroht, weil sie sich durch deren Werbespot beleidigt gefühlt haben.
Ja, aber dass sie überhaupt so einen Werbespot machen, ist doch was. Sie könnten ja auch sagen, der taugt nicht mal zur Verarsche.

Worum geht es Ihnen denn dann, ums Geld?
Ich mache nichts für Geld, da bin ich sehr konsequent. Ich mache etwas, wenn ich es richtig finde. Bei Zalando möchte ich meinen virtuellen Status schützen, indem ich sage: Verbessert mein Bild. Dann wäre ich zufrieden.

Und das Geld vom Dschungelcamp?
Es wird vielleicht für meine Verhältnisse sehr viel sein. Dann kriege ich ein Problem, dann muss ich überlegen, was ich damit mache. Da werde ich mal mit den Frauen reden müssen.

Was halten die denn eigentlich vom Dschungelcamp-Plan?
Die waren natürlich zunächst einmal entsetzt. "Schrecklich, grauenhaft, RTL ist doch die 'Bild'-Zeitung des Fernsehens, wie kannst du nur..." Wir haben ja auch einschlägige Erfahrungen mit denen gemacht. Aber sie haben es jetzt auch verstanden, glaube ich, und finden es ganz gut. Sie trauen mir zu, dass ich etwas Gutes daraus mache. Wissen Sie, auch die Kommune hat damals die Menschen entsetzt.

Ist das Dschungelcamp die Kommune des 21. Jahrhunderts?
Eine! Ich bin eh der Auffassung, dass die Kommune gewonnen hat. Denn seit damals leben wir doch alle zunehmend mehr oder weniger in Kommunen. Aber sie nennen es eben sequentielle Monogamie, Patchworkfamilie oder auch soziale Netzwerke. Ich habe gewonnen. (lacht)