Warum Boerne und Thiel die Größten sind

25. November 2012, 12:00 Uhr

Seit zehn Jahren amüsieren die Münsteraner Ermittler die "Tatort"-Nation. Heute Abend kommt ihr Jubiläums-Fall. Beim Publikum sind die zwei schon lange die Größten. Wir erklären, warum. Von Carsten Heidböhmer

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Sie sind seit zehn Jahren auf Sendung: Die Münsteraner Ermittler Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) und Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl, r.) sind inzwischen das populärste "Tatort"-Gespann.©

Ist das wirklich der Sonntagabend-Krimi, auf den wir uns alle einigen können? Ein komplett versnobter Gerichtsmediziner und ein prolliger Kommissar im Kapuzenpulli, die Tür an Tür wohnen und miteinander permanent im Clinch liegen. Dazu ein ständig bekiffter Taxifahrer, eine sehr männliche Staatsanwältin und ein Zwerg in der Pathologie - willkommen in Deutschlands beliebtestem Kuriositätenkabinett!

Seit zehn Jahren begeistert das schräge Team aus Münster mit inzwischen 21 Fällen Millionen Krimifans. Die Bilanz spricht für sich: Die absurden Abenteuer aus der westfälischen Stadt kommen regelmäßig auf mehr als zehn Millionen Zuschauer. Im Mai 2011 schalteten eine Folge sogar rund zwölf Millionen Menschen ein - das ist der höchste Wert für einen "Tatort" seit 1993. Bei Zuschauerbefragungen liegen Thiel und Boerne regelmäßig vorn. Wie konnte es passieren, dass ausgerechnet die schrägen Vögel aus dem Münsterland Deutschlands beliebteste "Tatort"-Ermittler werden konnten? Vier Gründe, warum Thiel und Boerne die Größten sind.

1. Die Hauptdarsteller

Ein Film ist immer nur so gut wie seine Hauptdarsteller - und Jan Josef Liefers und Axel Prahl sind die Idealbesetzung für das schrullige Pärchen. Nicht nur sind sie zwei der besten deutschen Schauspieler, sie passen auch perfekt zu ihrer Rolle - und haben sie mit liebevollen Schrullen ausgestattet. Professor Karl-Friedrich Boerne ist ein waschechter Snob: Er fährt einen Sportwagen, spielt Golf, reitet, war selbstverständlich in einer schlagenden Verbindung und zählt sich zur besseren Gesellschaft. Daneben schwört er auf Musik von Gustav Mahler und schweren Rotwein. Seinen Mitmenschen tritt er äußerst arrogant und selbstgefällig gegenüber. Kurzum: Er ist ein Großkotz, wie er im Buche steht.

Ganz anders sein Kollege Thiel. Der leidenschaftliche St.-Pauli-Fan schwört auf die einfachen Dinge des Lebens wie Bier und Fußball, läuft zumeist in seinem ungewaschenen Kapuzenpulli herum und hält Körperpflege für einen Luxus, den man sich maximal einmal pro Woche leisten sollte.

Da Boerne zudem Thiels Vermieter ist, haben die beiden auch jede Menge private Probleme zu klären - was zu allerlei lustigen Wortwechseln führt. Dass das auch nach 21 Folgen nicht fad wird, sondern immer wieder für Lacher sorgt, ist der größte Verdienst der beiden Schauspieler. Die Chemie stimmt zwischen ihnen: Dass sich Axel Prahl und Jan-Josef Liefers auch privat verstehen, merkt man dem "Tatort" an.

2. Das Mini-Universum der Nebendarsteller

Die Welt ist unendlich groß und kompliziert - ist es da nicht schön, wenn sie wenigstens am Sonntagabend beschaulich klein wird? Die Komplexität menschlicher Beziehungen wird hier auf ein überschaubares Tableau von Nebenfiguren geschrumpft, die in jedem Münster-"Tatort" mit dabei sind und die Fälle bereichern. Es fängt damit an, dass Thiel und Boerne Tür an Tür wohnen. Sobald ein Taxi gebraucht wird, ist Thiels Vater zur Stelle - als gäbe es in der ganzen Stadt keine anderen Taxifahrer.

In der Gerichtsmedizin sieht sich Silke "Alberich" Halle (ChrisTine Urspruch) den ständigen Herabwürdigungen ihres Chefs ausgesetzt, doch damit endet das Verhältnis nicht: Als sich Boerne mit einer schönen Unbekannten auf ein Blind Date verabredet, erwartet ihn im Restaurant niemand Geringeres als Alberich. Und wo die Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) auftritt, ist der nächste Feueralarm nicht weit, den die Kettenraucherin mit ihrer notorischen Qualmerei auslöst.

Es ist genau diese Vorhersehbarkeit, die den Charme der Fälle ausmacht. So ist es kein Wunder, dass die maskuline Staatsanwältin, als sie ihre weiblichen Bedürfnisse entdeckt, nicht mit irgendwem im Bett landen, sondern mit dem Nächstbesten - Thiels Vater. Münster-"Tatort" bedeutet immer auch eine sympathische Form von inzestuösem Verhalten.

3. Der Dialogwitz

Die Frotzeleien zwischen Thiel und Boerne sind legendär - und tragende Säule dieses "Tatorts". Das ist alles andere als neu: Auch in anderen Teams gibt es regelmäßig amüsante Sticheleien zwischen den Kommissaren, etwa Batic und Leitmayr in München, oder Ballauf und Schenk in Köln. Der Clou im Münster-"Tatort": Hier ist die Stichelei zum Prinzip erhoben. Jeder teilt hier gegen jeden aus, Boerne gegen Alberich, Thiel gegen seine Assistentin Nadeshda, Staatsanwältin Klemm gegen Boerne, "Vaddern" Thiel gegen seinen Sohn. Und so wird in jeder Folge ein Feuerwerk an Bonmots abgebrannt: "Wenn der Kuchen spricht, schweigt der Krümel", schleudert Boerne seiner kleinwüchsigen Assistentin gerne mal entgegen.

Die Dialoge sind in dieser Reihe voller scharfer Pointen und schlagfertiger Erwiderungen. Wie in dieser absurden Diskussion, die Nadeshda und ihrem Chef am Tatort führen muss: "Was soll ich jetzt hier machen, bitte schön? Den Fuß befragen?", fragt ein entnervter Thiel. "Was Sie sonst so bei Leichen machen, die befragen Sie ja auch nicht", erwidert seine Assistentin Nadeshda. Woraufhin Thiel kontert: "Das ist aber keine Leiche, das ist ein Fuß!"

4. Die absurden Fälle

Da die Protagonisten im Münster-"Tatort" nichts und niemanden ernst nehmen, funktionieren die Folgen desto besser, je absurder die Handlung ist. Sozialdramen, wie sie in Köln gerne produziert werden, würden hier ins Leere laufen. Aus diesem Grund spielen viele Fälle in einer absurden Miss-Marple-Welt voller Räuberpistolen. Mal soll es sich bei einer Leiche um einen Sohn des Großkönigs Xerxes von Persien handeln, ein anderes Mal geht es in die Gruftiszene. Immer wieder wird auch die bessere Gesellschaft Münsters aufgesucht: Die Fälle spielen auf Reiterhöfen, Golfplätzen und in Verbindungen. Gerne geht es dabei um alte Bekannte von Professor Boerne - ganz nach dem Prinzip der Weltverkleinerung hängt hier wirklich alles mit allem zusammen.

Alles in allem ist der Münster-"Tatort" alles, nur keine straighte Kriminalgeschichte. Und vielleicht ist er genau deshalb der Sonntagabend-Krimi, auf den sich (fast) alle einigen können. Die Zeiten sind hart genug, wenigstens am Sonntagabend wollen wir's mal gemütlich haben.

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