Oscar-Regisseur Roman Polanski erhitzt weiter die Gemüter. Sein Vergewaltigungsopfer habe ihm verziehen, heißt es. Doch so einfach ist das nicht. Porträt einer Frau, die den Schrecken Polanski nicht mehr los wird. Von Sophie Albers

Samantha Gailey (heute Geimer) als Schülerin© Bulls
Ein Kind wird vergewaltigt und muss den Rest seines Lebens mit schwersten psychischen Verletzungen klarkommen. Ein Kind wird vergewaltigt, und der Vergewaltiger ist so reich und berühmt, dass er der Gerichtsverhandlung fliehen und seine internationale Karriere weiterführen kann. 32 Jahre sind vergangen, seitdem der damals 43-jährige Regisseur Roman Polanski die damals 13-jährige Samantha Gailey (heute Geimer) nach einem Fotoshooting missbraucht hat. Seitdem gab es wohl kaum einen Monat, in dem die mittlerweile 45-Jährige nichts von ihrem Vergewaltiger gehört hat - weil Roman Polanski einen neuen Film gedreht hat, weil Roman Polanski den Oscar gewonnen hat, weil Roman Polanski beantragt, dass der US-Haftbefehl gegen ihn aufgehoben wird, weil Roman Polanski in Haft ist.
Seitdem der Filmemacher am 26. September 2009 bei der Einreise in die Schweiz festgenommen wurde und dort "wegen Fluchtgefahr" im Gefängnis auf die Entscheidung über den Auslieferungsantrag der USA warten muss, sitzen Prominente wie Nichtprominente, Experten wie Unwissende, zu Gericht darüber, was eine "richtige" Vergewaltigung ist, ob Schuld verjährt und ob Künstler anders behandelt werden müssen als andere Menschen. Polanskis Opfer kommt dabei nur am Rande vor. Wenn, dann meist mit einem Satz: "Sogar die Frau hat ihm schon verziehen", stellen Polanski-Verteidiger felsenfest in den Raum.
Während in fast jedem Stück das tragische Leben des Regisseurs beschrieben wird, bekommt Samantha Geimer eben diesen einen Satz. Das war's. Und zur Tragik in ihrem Leben gehört gerade, dass er immer wieder aus dem Zusammenhang gerissen wird.
Ja, Samantha Geimer hat im Januar dieses Jahres einen Antrag gestellt, das Verfahren gegen Polanski einzustellen. Schon in den 90ern hat sie öffentlich mitgeteilt, dass sie nicht an einem Prozess interessiert sei. Der "Vanity Fair" sagte sie im August 2008, dass sie gegen Polanski "keinen Groll" hege. Der Fall solle endlich zu den Akten gelegt werden. Und sogar mit den Worten "Er hat genug gelitten" ließ sie sich zitieren. Das Entscheidende an diesen Äußerungen allerdings sind die Sätze davor und danach. Nur werden die vor allem in diesen Tagen gerne weggelassen.
Fest steht, dass Samantha Geimer nach der Tat gegen Polanski ausgesagt und dass Polanski die Tat zugegeben hat. Nachdem er das Kind in der Nacht des 10. März 1977 gegen 22 Uhr ins Haus der Mutter zurückgebracht hat, erzählte Samantha ihrem damaligen Freund am Telefon, was ihr zugestoßen war. Dass der berühmte Regisseur von ihr Fotos für die "Vogue" machen wollte, dass er ihr Champagner gab, dass sie eine Pille zur Entspannung bekam, dass sie sich ausziehen sollte, dass Polanski zu ihr in den Jacuzzi gestiegen sei, dass sie nach Hause wollte, dass er sie nicht ließ, dass er sie bedrängte, dass er sie mehrfach missbrauchte.
Ihre Schwester hörte mit, sagte der Mutter Bescheid, die daraufhin die Polizei rief. Der Mediensturm, der dann losbrach, sei fast ebenso schlimm gewesen wie die Tat selbst, hat Geimer später einmal gesagt. "Es war die Hölle. Es war jeden Abend in den Nachrichten, Reporter und Fotografen kamen in meine Schule, fotografierten mich und versahen mein Foto in europäischen Klatschblättern mit der Unterschrift: 'kleine Lolita'. Es hieß: Der arme Polanski ist einer 13-jährigen Verführerin in die Falle gegangen", so Geimer in einem Gespräch mit dem "People"-Magazin im Jahr 1997.