Sie spreche nur drei Worte Französisch, hat Lady Di einmal gesagt: Yves, Saint und Laurent. Der verwöhnte Knabe eroberte als Revolutionär mit Samt und Seide Paris - und wurde doch sein Leben lang von Ängsten gequält. Am Sonntagabend ist er gestorben. Von Dirk van Versendaal

Sein großer Abgang: Am 7. Januar 2002 verkündet Yves Saint Laurent auf einer Pressekonferenz seinen Rückzug aus der Modewelt© Philippe Wojazer/Reuters
Spät am Vormittag verlässt er seine Wohnung in der Rue de Babylone, dreht mit Hündchen Moujik eine Runde um den Invalidendom und lässt sich in die Avenue Marceau 5 chauffieren. Dort erledigt er seine Post, isst zu Mittag mit Pierre Bergé, seinem noch immer besten Freund, und besorgt sich zwei Schachteln Kräuterzigaretten in der Apotheke. Auch den Rest des Tages geschieht dann nichts mehr, was nicht auch schon gestern geschehen ist. "Yves macht gar nichts, rein gar nichts mehr", klagt Bergé. "Er langweilt sich zu Tode." Wie sollte es anders sein, wenn man alles, was zu tun war, schon getan hat?
Das war vor drei Jahren, kurz nachdem Laurent seine Karriere als Modeschöpfer beendet hatte. Am Sonntagabend musste Bergé den Tod seines Freundes verkünden. Der weltberühmte Modeschöpfer starb nach langer Krankheit im Alter von 71 Jahren.
Das Leben von Yves Henri Donat Mathieu-Saint- Laurent beginnt am 1. August 1936. Er wird in Oran geboren, in eine der wohlhabenden Familien der algerischen Hafenstadt. Seine Eltern besitzen ein Stadthaus und eine Villa am Strand von Trouville; auf ihre französische Dienerschaft sind sie stolz, arabisches Gesinde wollen sie in ihrer Nähe nicht haben. Yves` Vater Charles lässt die Familie oft allein, er verwaltet eine Reihe von Kinos in Tunesien und Marokko. Seine Mutter Lucienne ist eine Provinzschönheit mit Geschmack und einem Hang zur Koketterie. Sie abonniert französische Modemagazine und bespricht die Details neuer Kleider mit ihren Schneidern.
Ihren Sohn vergöttert sie. Das bleibt auch so, als während des Krieges noch zwei Mädchen zur Welt kommen. "Ich habe meine Töchter natürlich lieb. Aber für Yves habe ich immer etwas ganz Intensives und Besonderes empfunden", wird sie später sagen. Auf Familienporträts steht ausnahmslos er im Zentrum der Aufmerksamkeit: ein schmächtiger Junge mit nachdenklichem Gesicht. Er sei ein glückliches Kind gewesen, hat er später immer wieder gesagt.
Das ändert sich in der Schulzeit. Auf dem katholischen Gymnasium von Oran wird er verspottet, denn er ist anders. Seine Homosexualität, seine Liebe zur Mode machen ihn zum Außenseiter. Er hat "nicht genug von einem Jungen" an sich, Saint Laurent lernt es schnell. Seine Mitschüler schlagen ihn, sie sperren ihn auf dem Klo ein. An Schultagen ist ihm morgens schlecht, die Angst wird sein ständiger Begleiter.

Laurent in den fünfziger Jahren auf seiner ersten Reise nach Amerika© AFP
Aber das Rückgrat brechen lässt er sich nicht. "Immer, wenn sie auf mir herumhackten, sagte ich mir, eines Tages wirst du berühmt sein. Das war meine Art, es ihnen heimzuzahlen." Zu Hause wird er von der Mutter verhätschelt, vom Vater missverstanden. Anwalt soll er werden, nicht Kostüme schneidern, kein Puppentheater für seine Schwestern aufführen. Die Mutter ermuntert seine Talente, sie lässt seine schönsten Entwürfe schneidern. Aus ihren Illustrierten erfährt Yves von den neuesten Pariser Opern und Ballettaufführungen. Seine ersten sexuellen Erfahrungen sammelt er verschämt mit arabischen Strichjungen in Oran.
Im September 1954 reist der 18-jährige Yves zum ersten Mal allein nach Paris. Er kommt als Teilnehmer des wichtigsten Designerwettbewerbs, ausgeschrieben vom Internationalen Woll-Sekretariat. Die Trennung von der Mutter empfindet er als qualvoll. "Sie stand an der Straßenecke und weinte. Ich weinte auch. Sie sagte adieu. Ich blickte noch einmal von weitem zurück, es war so traurig." Yves ist verklemmt und wehleidig bis melodramatisch - aber er ist auch ehrgeizig und hat ein Ziel vor Augen: Bei Christian Dior, dem berühmtesten Couturier seiner Zeit, will er in die Lehre gehen.
Tatsächlich streicht der Junge aus Oran drei von sieben Preisen ein; ein Deutscher namens Karl Lagerfeld gewinnt einen Preis für seinen Mantel- Entwurf. Auf den Fotos der Siegerehrung sieht Yves jünger aus als 18. Das liegt an dem Mund, der sich ständig zu höflichem Lächeln verziehen will, an seinen scheuen Augen hinter der strengen Stahlbrille, an "diesem Blick, unerträglich von Sanftheit", wie die Schriftstellerin Marguerite Duras schreibt. Sein Talent aber ist überragend: Nach einem kurzen Blick auf seine Entwürfe bietet Dior ihm sofort eine Stelle an. Er verwendet viel Mühe auf die Ausbildung seines begabtesten und fleißigsten Assistenten.
Am 24. Oktober 1957 stirbt Dior während einer Kur im italienischen Montecatini mit 52 Jahren an Herzversagen. Nur Tage nach der Beerdigung wird Saint Laurent sein Nachfolger - mit 21 Jahren! Dass der Junge zu Recht auf dem Thron sitzt, beweist er umgehend: Seine "Trapez"-Linie für Dior ist kühner, lebhafter, moderner als alles, was die Couture je gesehen hat. Das Publikum ist hingerissen und drängt so begeistert nach vorn, um Yves zu gratulieren, dass er auf einen winzigen Balkon des Hauses Dior gerettet werden muss. Da steht er mit blassem Gesicht, eine Bohnenstange im altmodischen Jackett, und nimmt die Ovationen entgegen.