Seit 18 Jahren sitzt sie auf dem Thron der US-"Vogue" und herrscht über die Modewelt mit hartem Herzen. Wer ist diese Anna Wintour, über die jetzt ein Film in den Kinos läuft? Von Lars Jensen

Versteckspiel: Anna Wintour verbirgt ihren strengen Blick oft hinter schwarzen Gläsern© Stephen Chernin/AP
Nichts in New York vergeht schneller als der Ruhm. Bei der Fashion Week Mitte September musste dies auch Anna Wintour erfahren, die mächtigste Dame im US-Modezirkus. Bei der gewaltigen Anhäufung von Celebrities ging sie völlig unter, im wahrsten Sinne des Wortes: Die beiden Bodyguards des Rap-Stars 50 Cent standen ihr so lange auf den Füßen und drohten ihr die Sicht auf den Laufsteg zu nehmen, dass sie sich einen anderen Platz suchen musste - mit gewohnt regloser Miene.
Ohnehin ist die zierliche Wintour um einen Kopf kleiner als die meisten Gäste der Schau von Marc Jacobs. Doch ihre Gegner, und von denen gibt es nicht wenige, würden sie auch im dichtesten Gedränge zwischen all den anderen schwarz gekleideten Personen finden. Und so muss die Chefredakteurin der amerikanischen "Vogue", die sich gern in Pelz jeglicher Tierart kleidet, jederzeit damit rechnen, angegriffen, bepöbelt, mit Nahrungsmitteln oder Müll beworfen zu werden. Aus diesem Grund umgibt auch sie sich gern mit großen Männern, die auf sie aufpassen - einer von ihnen ist André Leon Talley, der exzentrische Chefkolumnist der US-"Vogue". Talley misst fast zwei Meter, kleidet sich gern in gelbe Trainingsanzüge aus Samt und wärmt seine Hände bei Bedarf mit einem Pelzmuff.
Als 2005 in Paris bei der Chanel-Schau jemand von der Tierschutzorganisation Peta Anna Wintour eine Torte an den Kopf schmiss, lächelte sie freundlich, ließ sich Gesicht, Sonnenbrille, Frisur und Zobel hinter der Bühne säubern und verfolgte die Schau ungerührt weiter. Am Tag darauf bei Dolce & Gabbana bewarf man sie mit einer Mehlbombe. Später in der Woche landete Kunstblut auf ihrem Mantel. Wie jedes Mal strafte sie die Täter mit totaler Gleichgültigkeit.

Des Teufels Tochter: Bee Shaffer begleitet ihre Mutter oft auf Modenschauen und arbeitet für die "Teen Vogue"© Kathy Willens/AP
Anna Wintour, die 1988 die Macht bei der US-"Vogue" übernahm, kann aber auch austeilen: Ihr Werdegang zur einflussreichsten Frau der Modewelt verlief wie ein Krieg, dessen Schlachten immer nur eine gewann - Wintour. Seit fast zwei Jahrzehnten bestimmt sie mit ihrem Magazin, wer in der Modeindustrie etwas gilt. Marc Jacobs, John Galliano, Stella McCartney haben Karriere gemacht, weil sie es so wollte. Den Thron verteidigt sie unnachsichtig wie ein mittelalterlicher Despot, was ihr den Spitznamen "Nuclear Wintour" eingebracht hat. In der Öffentlichkeit umweht sie eine Darth-Vader-hafte Aura - ihre Mäntel sind oft schwarz, und die Bobfrisur sitzt wie ein Helm.
Privat, heißt es, sei sie gar nicht so fies. Ihren zwei Kindern soll sie eine liebevolle Mutter sein: Ihrer Tochter Bee Shaffer hat sie vor kurzem einen Job bei "Teen Vogue" vermittelt. Doch wenn es sein muss, feuert sie auch ihre einzige Freundin: Die Stylistin Grace Coddington verließ die Redaktion heulend, als Wintour ihr kündigte - inzwischen haben sich die beiden wieder vertragen, und Coddington kehrte zurück zur "Vogue".
Die Machenschaften dieser Chefredakteurin sind so faszinierend, dass im vergangenen Jahr der Journalist Jerry Oppenheimer die Biografie "Front Row - Anna Wintour" veröffentlichte. Die ist ähnlich aufschlussreich wie Lauren Weisbergers Bestseller "Der Teufel trägt Prada", der am 12. Oktober als Filmversion in die deutschen Kinos kommt - mit Meryl Streep in der Hauptrolle. Weisberger hatte in ihrem Buch die Erinnerungen an ihre Zeit als Assistentin Wintours zu Papier gebracht - eine Rachegeschichte. Die Verfilmung aber gleicht über weite Strecken einer Reinwaschung Wintours; sie ist eine Lektion darin, den Teufel lieben zu lernen. In der Verkörperung durch Meryl Streep erhält Wintour (ihr Filmname lautet Miranda Priestly) eine fast aristokratische Würde, ja, überraschende Güte.
Ein Problem mit der echten Wintour: In all den Geschichten, die über sie erscheinen, äußern sich entweder von ihr entlassene oder namenlose Mitarbeiter. Das Bild von Wintour mag deswegen ein wenig verzerrt sein - umso toller sind dadurch die Anekdoten, die über sie existieren. Etwa die von der Praktikantin, der eine Kollegin geraten hatte, Wintour niemals zu grüßen, direkt anzusprechen oder in die Augen zu sehen. Als die Praktikantin sich einen Kaffee holte, stolperte Wintour direkt vor der Küche über ihre hohen Hacken und schlug der Länge nach hin. Die Praktikantin ließ sich nichts anmerken, bot keine Hilfe an, ging zurück an ihren Platz - die Kollegin lobte: "Du hast genau das Richtige getan."
Gefunden in ...
Stern
Ausgabe 40/2006