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Ich wollte Influencer werden - das ist daraus geworden

Unser Autor war ein Social-Media-Muffel. Bis es ihn verrückt machte, dass auf Instagram gefühlt jeder zum Star und unfassbar reich wird. Kann er das nicht auch? Ein Experiment im Egomarketing.

Influencer auf Instagram: Mein steiniger Weg zum Social-Media-Star

Drei Monate lang führte ich ein Doppelleben, mein digitale Alter Ego taufte ich @herr_piltz

Ich habe mich in den vergangenen drei Monaten seltsam verhalten. Ich habe Joghurtbecher fotografiert und Kaffeetassen, Unmengen an Kaffeetassen. Ich stand in Restaurants auf Stühlen, um Bilder von veganem Käsekuchen und einer "Açaí-Bowl Classic Brasil" zu schießen. Ich ließ mir Bärengesichter in meinen Cappuccinoschaum malen und habe Hunderte von Euro ausgegeben, damit Fremde mich mögen. Wachte ich nachts auf, sah ich auf mein .

Freunde haben mir geschrieben.

"Christopher, was machst du da?"

"So langsam wirst du unsympathisch."

"Muss ich mir Sorgen machen?"

Wenn ich heute, Monate später, daran denke, erkenne ich mich selbst kaum wieder. Eigentlich war ich immer ziemlich faul, was soziale Medien angeht. Meine Bilanz für 2016:

Facebook: 20 Posts (meist beruflich)

Twitter: 15 Posts (alle beruflich)

: kein Account

Ich nutze Whatsapp, schreibe E-Mails. Ansonsten lebe ich als digitaler Minimalist. Doch dann bemerkte ich, wie immer mehr Freunde Instagram für sich entdeckten. Wie sie ganze Abende damit verbrachten, sich durch fremde Profile zu klicken. Ein Freund lud Picknickbilder hoch, eine Freundin dokumentierte ihren Israelurlaub, postete 47 Bilder in zwölf Tagen.

Influencer auf Instagram - kann ich das nicht auch?

Instagram zählt zurzeit 700 Millionen Nutzer weltweit, Anfang 2018 sollen es über eine Milliarde sein. 80 Millionen Bilder werden schon jetzt täglich hochgeladen, 3,5 Milliarden Likes verteilt. Die Profis unter den Instagramern: die Influencer. Für sie bedeuten Likes mehr als nur Bauchpinselei und Applaus aus dem Freundeskreis. Je mehr Follower, je mehr Zustimmung, desto größer ist ihre Bühne die dann von allerhand Firmen mit Produkten vollgestellt wird. Experten schätzen, dass die erfolgreichsten Instagramer damit sechsstellige Beträge verdienen im Monat. Dazu kommen die analogen Auftritte. Das Modelabel Dolce & Gabbana schickte auf der Schau ihrer Herbst-Winter-Kollektion 2017 neben den üblichen Topmodels auch Influencer über den Laufsteg.

Menschen wie der US-Blogger Cameron Dallas (20,1 Millionen Follower) oder die deutsche Instagramerin Caroline Daur (1,1 Millionen) sind die Stars unserer Zeit auch wenn die Welt um sie herum das immer noch nicht so ganz fassen kann. postete neulich ein Foto von Daur und sich mit dem Kommentar: "Hab sie nach ihrem Beruf gefragt, sie hatte keine Antwort". Auf das Bild regneten 115.000 Likes herab. Mehr bekommt M’Barek in der Regel nur, wenn er sich oberkörperfrei am Strand fotografiert. Inhaltlich ist sein Kommentar trotzdem ziemlich von vorgestern. Der Influencer-Hype funktioniert nach demselben Prinzip wie schon der Supermodel-Fame in den 90ern: Menschen sind für andere Menschen so interessant, dass das, was sie tragen/ hören/bereisen auch die anderen tragen und hören und bereisen wollen. Das einzig Neue: Einer von ihnen zu werden ist viel niedrigschwelliger als bei Musikern, Schauspielern oder Topmodels. Man muss weder toll aussehen noch musikalisch oder schauspielerisch begabt sein. Nur irgendwie zeigen, dass man da ist. So dachte ich.

Und genau an diesem Punkt hat Instagram mein Interesse geweckt. Nicht, weil ich die neusten Designerklamotten umsonst bekommen möchte. Oder weil mir Aufmerksamkeit in meinem Leben fehlt. Eher aus sportlichem Ehrgeiz. Wie schwer kann es schon sein, das Geld aufzuheben, das auf der virtuellen Straße liegt? Ich will wissen, wie gut ich mich anderen verkaufen kann, wenn ich es will. Letztlich lautet die Frage: Was bin ich der Welt da draußen wert?

On my cousins wedding #freiburg #sunnyday #enjoylife #summervibes

Ein Beitrag geteilt von Christopher Piltz (@herr_piltz) am

WOCHE 1. FOLLOWER: 0

Mein neues Leben als digitale Litfaßsäule beginnt auf der Hochzeit meines Cousins. Ich stehe vor einem Brunnen, in der Hand ein Glas Sekt. Hinter mir das Freiburger Standesamt, vor mir meine Freundin mit ihrem Handy. Ob ich nicht komplett overdressed sei, fragt sie mich und blickt auf den Bildschirm. "So läufst du doch sonst nie rum." Ich trage ein blaues Sakko, eine graue Hose, ein weißes Einstecktuch. Ich finde die Kleidung angemessen, um mein Leben als Lifestyle-Blogger zu beginnen. Mein erster Post soll begeistern, ein Foto wie ein Ausrufezeichen.

Ich habe mich auf diesen Moment vorbereitet. Ich habe mit einem Experten gesprochen, der mir riet, mich zu entscheiden. Welches Thema soll mein Account haben? Ich tippte in meine Profilbeschreibung: "Based in . Love to travel. Addicted to food." Mein Slogan stand. Was fehlte, war ein Name, meine Marke.

Am Vorabend der Hochzeit saß ich mit meiner Familie zusammen und diskutierte. Frisch sollte er klingen, männlich. Man soll auf meinen richtigen Namen schließen können. Englisch sollte er sein, um internationale Follower nicht zu verschrecken. Und lokal verwurzelt, in Hamburg. Ich entschied mich für @north_coast_chris.

In Freiburg, auf der Hochzeit, schaue ich auf mein Smartphone. Seit 20 Minuten ist mein Post online. Was hatte ich erwartet? Likes? Kommentare? Tatsächlich passiert: nichts. Ich verknüpfe meinen Instagram-Account mit meinen -Kontakten. Am Ende habe ich 55 Follower, 27 Menschen gefällt mein Freiburg-Bild. Dem Rest der Welt ist es egal. Woher soll der auch wissen, dass es meinen Account gibt? Genauso gut könnte ich eine Anwaltskanzlei in Manhattan eröffnen, in einer Seitenstraße, ohne Namensschild. Ich muss Leute auf mich aufmerksam machen.

Influencer auf Instagram: Mein steiniger Weg zum Social-Media-Star

Instagram gilt als das am schnellsten wachsende soziale Netzwerk der Welt. Die perfekte Bühne für Selbstdarsteller, und dort wollte ich auch auftreten, meine persönliche Realityshow

Erster Schritt also: Wegweiser aufbauen. Spezielle Apps zeigen mir die beliebtesten Hashtags zu einem Thema an. #coffeeart, #malefashion, #foodporn. 30 davon darf man unter ein Bild posten, sonst löscht Instagram es. Die Selbstdarstellung, dämmert mir, verläuft nach Spielregeln.

Zweiter Schritt: Ich muss auf anderen Accounts Bilder liken, Posts kommentieren, in der Hoffnung, die Instagramer folgen mir zurück. #like4like, #follow4follow, eine Art virtuelles Klinkenputzen.Am Abend habe ich zehn neue Abonnenten und große Motivation.

In den folgenden Tagen bin ich vollbeschäftigt. Sitze ich beim Frühstück, im Bus, am Schreibtisch, im Fußballstadion immer klicke ich mich durch Instagram. Mir gefällt alles. Jeder Sonnenuntergang, jeder Espresso, jedes Männermodel. Hauptsache, Reichweite.

WOCHE 2. FOLLOWER: 89

@north_coast_chris gibt es nicht mehr. Ich ertrug die Häme meiner Freunde nicht. Ob ich neuerdings unter die HipHopper gegangen sei, fragten sie. Ob ich aus der Bronx käme. Was mit west_ coast_chris und east_coast_chris sei. Ich nenne mich jetzt herr_piltz. Unverfänglicher. Aber auch unscheinbarer?

Fünf Tage später. Instagram beginnt, mich zu nerven. Ich bin nicht fortschrittsverweigernd oder altmodisch. Sondern einfach überfordert. Es gibt so viel zu sehen, zu klicken, Sale, Fußball, Porno. Tausendfache Versuchung, nie Stillstand. Mich stresst das. Diese schöne Welt, glatt poliert und widerspruchslos. Leicht zu durchschauen. Aber eben nicht so einfach zu überlisten, wie ich dachte. Zum ersten Mal zweifle ich an meinem Experiment.

WOCHE 3. FOLLOWER: 137

Seit Tagen kriege ich keinen neuen Follower. Ich habe inzwischen 17 Fotos gepostet. Mein erfolgreichstes Bild zeigt bunte Tomaten vor einem Marktstand, 68 Likes. 68-mal ein "gut gemacht!" wo bekommt man das im Alltag schon sonst? Nur: 168 "gut gemacht"s wären halt viel besser.

In einem Café in der Hamburger Innenstadt treffe ich Daniel Fuchs. Fuchs, 29, ist Deutschlands erfolgreichster Blogger für Männer-Lifestyle, 1,2 Millionen Menschen folgen ihm, sein Instagram-Name: @magic_fox. Am Morgen unseres Treffens postete er ein Bild von sich, lässig auf einem Tisch sitzend, daneben eine Louis-Vuitton-Tasche. "Well arrived in Hamburg. Have a good day guys!" 32.109 Likes. Er soll mir helfen. Fuchs hat vor drei Jahren angefangen, auf Instagram Bilder zu posten. Er arbeitete damals in der Industrie, ein junger Mann mit einem normalen Leben. Irgendwie ähneln wir uns, denke ich und schöpfe kurze Verbrüderungshoffnung. Bis Fuchs mir Bilder aus seiner Anfangszeit zeigt. Was ich da sehe, ist kein Sixpack, das ist ein Tenpack. Fuchs hat einen perfekten Körper. Automatisch ziehe ich mein Feierabendbierbäuchlein ein.

Damals, vor drei Jahren, ging Fuchs am Wochenende mit zwei Freunden in die Stadt, Klamotten kaufen. Danach fuhren sie auf einen Parkplatz und fotografierten sich gegenseitig. Ein Look für jeden Wochentag, jeden Tag posten, Follower gewinnen. Nach knapp zwei Jahren hatte @magic_fox über 600.000; er wurde zu Festivals und Fashionevents eingeladen, eine Agentur übernahm sein Management. Fuchs kündigte seinen Job, jettet seither um die Welt, reiste allein in den vergangenen Monaten nach Barcelona, Los Angeles, Rom, auf die Bahamas. Von einigen Orten bekommt er nicht viel mit, sagt er. "Meine Bilder sollen authentisch sein. Das Erste, was man sucht, ist eine gute Foto-Location. Erst danach schaut man sich entspannt um." Und dann der Satz, der mich lange beschäftigt: "Leider entstehen bei vielen Accounts wenige Bilder spontan."

WOCHE 5. FOLLOWER: 163

Ich gehe mittags kaum noch in die Kantine, sondern in Restaurants, Cafés, Bistros. Ich gebe fünfmal so viel aus wie sonst. Achte weniger auf die Speisekarte, dafür mehr auf die Einrichtung. Blanke Holztische, Vintage-Geschirr, helle Wände? Gut, weil fototauglich. Das Essen? Ja, ja, das wird schon irgendwie schmecken. Was @herr_piltz braucht, ist die perfekte Kulisse. Ich, Christopher Piltz, kann mir hinterher ja immer noch ein Käsebrot schmieren. Keine Ahnung, wie es den professionellen Influencern geht, aber so richtig sympathisch ist mir mein Insta-Me nicht.

Influencer auf Instagram: Mein steiniger Weg zum Social-Media-Star

Mein Projekt gleicht dem Wahnsinn einer Diät: Irgendwann kommt der Punkt, an dem nichts mehr weitergeht. Ich bemühe mich, doch es stagniert

WOCHE 6. FOLLOWER: 353

Mein Daumen schmerzt. Ich spüre ein Ziehen im Unterarm, das ganze Liken, Wischen, Kommentieren, es macht mir zu schaffen. Ich kann das Smartphone nur noch auf den Tisch legen und mit dem Zeigefinger navigieren. Es sieht aus, als würde ich den Bildschirm kitzeln.

Ich schreibe Daniel Fuchs erneut an. Bei unserem ersten Treffen hatte er angeboten, mich zu pushen. Ich will sein Angebot nun annehmen. An seiner Stelle antwortet seine Social-Media-Managerin: "Hi Christopher, mir ist aufgefallen, dass die Qualität deiner Fotos oft nicht so gut ist. Die Konkurrenz auf Instagram ist einfach sehr hoch und daher müssen deine Bilder einfach extrem gut sein und sich von der Masse abheben."

Und: "Aktuell wird auch Daniel da nicht helfen können, da seine Follower dann nicht bleiben würden und er an Glaubwürdigkeit verliert."

Und: "Ich hoffe, du kannst das verstehen." Vernichtende Zeilen.

Ich fühle mich wie früher auf dem Schulhof, als die coolen Jungs auf der einen Seite standen, rauchten und mich nicht dabeihaben wollten. Aber Aufgeben ist keine Option. Ich bitte eine Kollegin aus unserer Bildredaktion um Hilfe. Fünf Stunden macht sie Fotos von mir in drei Cafés, am Hafen, in St. Pauli. Genug Stoff für zwei Wochen.

Influencer auf Instagram: Mein steiniger Weg zum Social-Media-Star

Ich bin getrieben von der Gier zu wachsen. Jeden Tag poste ich, like ich, kommentiere ich. Bis irgendwann mein Daumen schmerzt. Das Influencen macht mir zu schaffen

WOCHE 9. FOLLOWER: 799

Meine Geduld ist am Ende. Ich will jetzt endlich Fortschritte sehen, um jeden Preis.

Anruf in Paris, bei Julien Levêque. Julien ist Social-Media-Manager bei einer Marketingagentur. Sie sorgte im vergangenen Jahr für Schlagzeilen mit einer Instagram-Kampagne. Im Sommer 2016 begann eine Frau namens Louise Delage, Fotos zu posten. Eine schöne Frau, dunkelblondes Haar, sie ähnelt ein wenig Emma Watson. 150 Bilder postete sie in acht Wochen, hatte rasch über 8000 Follower. Was keiner der Follower bemerkte: Auf jedem Bild war Alkohol zu sehen. Ein Glas Wein auf dem Tisch, eine Flasche Bier in ihrer Hand, ein Cocktail am Poolrand. Louise Delage war ein Model, eine Fantasiefigur: eine Kampagne, die auf übermäßigen Alkoholkonsum aufmerksam machen sollte, wie nach 150 Posts verkündet wurde.

Julien kontrollierte damals den Account. Er hatte vorher ausgewertet, wie das ideale Instagram-Bild aussieht: welches Licht die Nutzer mögen (weiches Gegenlicht); welche Farben (eher matt); welche Motive (sollen spontan wirken, nicht zu perfekt). Am Ende erschuf er den vollkommenen Account. Und trotzdem, sagt er mir, hätte er es ohne technische Hilfe nicht geschafft. "Ich hatte im Hintergrund Bots laufen, die automatisch andere Bilder liken." Bots sind wie Doping. Unlautere Programme, in der Community verpönt. Denn als soziales Netzwerk will Instagram Leute dazu animieren, untereinander Kontakt zu suchen. Virtuellen, aber eben reellen Kontakt.

Über 1000 Bilder hat der Bot am Tag geliked, ohne dass Julien einen Finger rühren musste. Das will ich auch. Ich abonniere Bots wie wild. Boostfy, 30 Tage für 11,99 Dollar. Archie.co, der Premium-Account für 29 Dollar im Monat. Getriver kostet 99 Dollar im Monat. Es funktioniert sofort. Ich bekomme Likes. Hunderte. Von Nagelstudios aus Bangkok, Donutbäckereien aus Las Vegas, russischen Stripclubs. Zweifelhafte Accounts, aber mir ist das egal. Denn je mehr Likes, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass auch seriöse Nutzer meinen Account finden.

WOCHE 10. FOLLOWER: 815

Ich habe schlecht geschlafen. Mit meinem Influencer-Projekt läuft es wie mit einer Diät: Irgendwann kommt der Punkt, an dem nichts weitergeht. Man bemüht sich, macht alles richtig, hält die Regeln ein und trotzdem stagniert es. Um endlich die 1000-Follower-Grenze zu knacken, müsste ich wohl den gröbst möglichen Regelverstoß eines jeden Instagramers begehen: Follower kaufen. Wie anrüchig das ist, deuten schon die dubiosen Namen der Anbieter an: flymesocial, buycheapfollowerslikes, socialshop. Einer behauptet: "No matter who you are or what is your profession, you need Instagram to be able to grow as a person in the internet." Klingt furchtbar. Ich bin begeistert! Und entscheide mich für 500 "High Quality Active Followers" zu 18 Dollar. In meiner Bestellbestätigung steht, dass followfans.com eine Lieferung in den kommenden zwölf Stunden garantiert. Zudem könne ich meinen Einkauf innerhalb von 30 Tagen umtauschen. Als ich am nächsten Morgen aufwache, habe ich 1315 Follower.

WOCHE 11. FOLLOWER: 1418

Mein Account ist vorübergehend gesperrt. Ich habe es übertrieben. Das Dauerliken durch die Bots ist dem Instagram-Algorithmus aufgefallen. Panik steigt in mir auf. Wie soll ich jetzt weiterwachsen? Ich klicke mich durch Foren. Und erfahre, dass ich noch Glück habe: Seit einigen Monaten geht Instagram hart gegen Nutzer vor, die Programme nutzen, um ihren Account zu pushen. Wer zu aggressiv auftritt, wird im schlimmsten Fall sogar komplett gelöscht.

Ich deaktiviere alle Bots. Und warte, dass meine Strafe aufgehoben wird.


WOCHE 12. FOLLOWER: 2001

An einem Samstagvormittag halte ich ein Paket in den Händen. Ein kleiner Karton, keine 200 Gramm schwer. Ich bin aufgeregt.

Einige Tage zuvor hatte ich mich bei verschiedenen Plattformen angemeldet, die zwischen Firmen und sogenannten Mikroinfluencern vermitteln, also Bloggern, die zwischen 1000 und 100.000 Follower haben. Nachdem der Account geprüft wurde, kann man sich dort für Kampagnen bewerben. Entweder bekommt man ein Produkt kostenfrei zugeschickt. Oder, wenn der Account besser ist, sogar Geld für jeden Post. Sollte jemand eine Kampagne mit mir starten, wäre ein Foto von @herr_piltz im Moment 2,97 Euro wert, sagte mir eine App.

Influencer auf Instagram: Mein steiniger Weg zum Social-Media-Star

Von nun an kommen beinahe täglich Pakete. Eigentlich hatte ich beschlossen, das Experiment abzubrechen, sobald ich offiziell anerkannt bin als Influencer. Aber jetzt?

Ich klickte alle verfügbaren Kampagnen an. Ich wäre bereit, eine Burgerpresse für Fleischpattys zu promoten. Magnesiumtabletten "mit der besten und schnellsten Bioverfügbarkeit" (bitte?). Pillen, die "Brainsharp" heißen. Ganz egal. Ein Gegenstand, der von mir gezeigt werden will, für Geld, wäre der Beweis meines Durchbruchs. Ich hätte es geschafft. In der echten, realen Welt. Ich greife ins Paket und halte ein Mundspray in der Hand. "Vitamin B12 Spray" steht auf dem Etikett. Per Mail bekomme ich Anweisungen der Firma: Ich solle das Foto in einer authentischen Situation machen. Ihnen das Bild zur Abnahme schicken. Bestimmte Hashtags benutzen. Die Marke taggen. Zwei Wochen habe ich Zeit, dann muss der Auftrag abgeschlossen sein. Geld kriege ich keins, dafür einen Müsliriegel.

Von nun an kommen beinahe täglich Pakete. Ein Ledernotizbuch. Eine Geldbörse. Ein Schnapsladen fragt mich, ob ich ein paar Flaschen haben möchte. Eigentlich hatte ich beschlossen, das Experiment abzubrechen, sobald ich offiziell anerkannt bin als Influencer. Aber jetzt? Ich habe meinen Account gepflegt, zwölf Wochen lang, wie eine zarte, widerspenstige Erdbeerpflanze. Und die soll ich ausgerechnet dann, wenn die Früchte reif sind, wegschmeißen? Wäre das nicht dumm? Steckt da nicht noch viel mehr drin? Und, ich frage mich das wirklich: Würde ich damit nicht auch meine Follower enttäuschen?

Ich wollte @herr_piltz löschen.

Ich kann es nicht.


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