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Ist die Vagina eine neue Problemzone?

Mehr als 7000 Frauen lassen sich in Deutschland jedes Jahr an den Schamlippen operieren. Die meisten sind dabei zwischen 16 und 35 Jahre alt. Die Sexualtherapeutin Bettina Kirchmann über den Trend zur freiwilligen Beschneidung und eine neue Scham.

Ein Arzt untersucht die Vagina einer Frau

Viele Frauen lassen Schönheits-OPs an ihren Vaginen durchführen (Symbolbild)

Frau Kirchmann, fast die Hälfte aller Frauen empfindet ihre Vagina als nicht schön oder hässlich. Haben wir eine neue Problemzone?

Keine neue, aber sie ist verbreiteter, weil sich die Wahrnehmung verändert. Die Zahl der Schamlippenkorrekturen hat sich in den vergangenen Jahren mehr als verfünffacht. In meine Praxis kommen immer mehr Frauen, die seit Monaten nicht mehr mit ihrem Partner schlafen und generell sehr verschämt mit diesem Teil ihres Körpers umgehen. Und die sind tatsächlich zu einer Operation bereit.

Was genau finden diese Frauen denn so unmöglich an sich?

Das können die meisten zunächst gar nicht benennen. Schon die Sprache fehlt. Es sind "Das da unten"-Frauen. Meine , meine Scheide das ganze Thema ist ihnen so unangenehm, dass sie es am liebsten ausblenden würden, dass es unsagbar geworden ist. Und das ist natürlich eine problematische Ausgangslage für eine erfüllte Sexualität.


Woher kommt dieses Gefühl?

Es ist natürlich langweilig, immer den Medien die Schuld zu geben, aber in diesem Fall ist es belegbar. Selbst in Schulbüchern wird die Vagina kaum gezeigt, sondern meist nur als Strich dargestellt. Und wenn doch, dann beschreibt diese Literatur die Klitoris als kleine Knospe oberhalb der . Dass sie aber ein penisgroßer Schwellkörper ist, von dem eben nur die Spitze herausragt, wissen viele gar nicht.

Aber man hat seit dem Schulunterricht doch noch mal nackte Frauen gesehen.

Sind Sie heterosexuell?

Ja.

Wann haben Sie zum letzten Mal eine Vagina gesehen?

Tja, genau weiß ich das nicht. Ich mache keinen Sport, bin also nie in öffentlichen Duschräumen. Wahrscheinlich im Fernsehen.

Eben. In normalen Kino- oder TV-Filmen wird das weibliche Geschlechtsteil aber so gut wie nie gezeigt. Ganz im Gegensatz zum Penis übrigens. Der Penis begegnet uns im Alltag, vor allem in der Kunst, dauernd. Es gibt ja kaum mehr Theaterstücke, in denen sich nicht ein Darsteller auszieht. Von Frauen sieht man immer nur die Brüste.

Bleiben die Pornos.

Genau. Nun sind aber über 90 Prozent der Pornodarstellerinnen in den beschnitten. Die kriegen überhaupt keinen Job, wenn nicht die Schamlippen gestrafft oder verkleinert sind. Und mit diesen Bildern gilt es dann zu konkurrieren. Ich habe neulich den Vortrag eines holländischen Chirurgen gehört, der sagte, dass die Zahl der Vaginalverschönerungen in den USA mittlerweile größer ist als die der Brust-OPs.

Ist das ein westlicher Trend?

Nicht ausschließlich, aber es gibt deutliche kulturelle Unterschiede. In Japan gilt ein schmetterlingsflügelhaftes Aussehen der inneren Schamlippen als ideal, in einigen afrikanischen Ländern sogar möglichst lange innere Schamlippen.


Die sich Europäerinnen lieber wegschneiden?

Genau, bei den meisten Frauen sind die inneren Schamlippen größer als die äußeren und schauen deshalb hervor. Die werden dann beschnitten. Zudem können die äußeren Schamlippen und die Klitoris aufgespritzt werden. Das muss man sich mal vorstellen: In anderen Ländern werden Frauen gegen ihren Willen beschnitten. Und wir machen es selbst. Aus freien Stücken. Frauen, die kein medizinisches Problem haben, gehen zum Arzt und lassen sich einen Teil ihres Körpers entfernen.

Hängt das mit dem mittlerweile ja schon wieder rückläufigen Ideal zusammen, möglichst glatt rasiert zu sein?

Auch. Denn vorher hat man ja gar nicht so genau gesehen, wie unterschiedlich Vaginen aussehen. Heute geht es um eine möglichst kindliche Ästhetik. Erwachsene Frauen wollen aussehen wie achtjährige Mädchen. Eigentlich ist das eine Verleumdung der Geschlechtsreife.

Was sagen Sie Frauen, die aus ästhetischen Gründen solch eine OP machen lassen wollen?

Ich starte zwei Versuche. Der eine ist der Rat, doch bitte einmal ins Schwimmbad oder einen Wellnessbereich zu gehen, um zu sehen, wie andere Frauen aussehen. Ich nenne das den Sauna-Effekt. Einige Patientinnen, die vorher das diffuse Gefühl hatten, "nicht richtig" oder "nicht schön" auszusehen, hilft schon der ganz profane Realitätsabgleich. Der andere Trick funktioniert ähnlich. Im Taschen Verlag sind diese großformatigen Bildbände erschienen "The Big Book of Pussy" , "The Big Penis Book" . Die zeigen einfach nur Hunderte weibliche und männliche Geschlechtsteile. Ich gebe sie den Frauen mit nach Hause, und die Reaktion ist daraufhin immer die Gleiche: "Ich bin ja gar nicht so falsch!"

Und der Rest regelt sich dann von selbst?

Natürlich nicht. Es muss eine ganz neue Annäherung zum eigenen Schambereich geben. Übrigens: alleine dieses Wort! Schambereich. Das Schämen wird schon phonetisch impliziert. Ich frage die Frauen auch immer, wie sie sich duschen. Ganz häufig höre ich: "Mit so einem Dusch-Puschel. " Auf diese Weise fassen sie sich aber gar nicht mehr an. Das erste, was ich ausspreche, ist deshalb ein Puschelverbot.

Sind Männer auch so kritisch mit ihrem Penis?

Bei Männern geht es meiner Erfahrung nach immer nur um die Größe. Mir ist in all den Jahren als Sexualtherapeutin nie ein Mann untergekommen, der seinen Penis als nicht schön oder eklig empfunden hat. Das ist tatsächlich ein Frauenthema. Und dabei so rückständig. Der Mann sorgt sich um den aktiven Part: dass sein Penis dem Performance-Druck nicht genügt. Die Frau zweifelt an ihrer Schönheit, ist also passiv. Das zieht sich bis in den Sex. Die meisten Frauen behalten auch währenddessen noch das Objekthafte. Sie sehen sich von außen: "Sehe ich gut aus?", "Rieche ich okay?"

Wie ist das zu ändern?

Wir müssen lernen anzuerkennen, dass wir Körper haben. Dass diese Körper irgendwie sind und irgendwie aussehen und irgendwie riechen. Den Frauen in meiner Therapie sage ich immer: Wenn Sie morgens duschen und dann einen halben Tag auf Ihrem Bürostuhl sitzen und mittags zur Toilette gehen, gibt es doch diesen Moment, in dem Sie Ihren Slip runterziehen und etwas riechen. Dieser Geruch, das sind Sie. Der ist nicht eklig, Sie haben ja morgens geduscht. Der ist normal. Menschen riechen. Es gibt keinen Grund, deshalb zu verzweifeln.

Und was kann die Gesellschaft tun?

Ich würde mich freuen, wenn es mehr Serien wie Lena Dunhams "Girls" gäbe. Filme, Bücher, Soaps, die zeigen: Sex und alles, was damit zusammenhängt, ist kein sauberer, eleganter Vorgang. Er ist fehlerhaft, wir keuchen dabei, wir sehen merkwürdig aus, wir riechen nach uns. Und hin und wieder rutscht uns dabei ein Pups raus. Was soll’s?

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