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Was machen die da? Folge 2: Eleonore Gregori

Kultur für Kinder schaffen: In unserer neuen Serie lassen wir Leute erzählen, wie sie zu ihrem Job gekommen sind, was ihn ausmacht - und ob er tatsächlich so viel Spaß macht. In dieser Folge: Eleonore Gregori, Programmmacherin der Pixi-Bücher.

Text: Isabel Bogdan & Maximilian Buddenbohm | Foto: Benne Ochs

Pixi-Bücher kennt jeder. Die kleinen Bilderbücher haben dieses markante 10×10-Format, das übrigens auch geschützt ist. Man erkennt sie auf den ersten Blick. Was aber vielen nicht so bewusst ist: Es sind richtige Bilderbücher. Die Geschichten werden zwar vorgelesen, aber es sind immer Bilderbücher. Sie sind für Kinder gemacht, die noch nicht selbst lesen können. Auch wenn es viele ältere Kinder gibt, die gerne Pixi-Bücher lesen – gemacht sind sie für das Kindergartenalter. Also für Kinder von drei bis sechs oder sieben Jahren ungefähr. Das ist schon eine ziemlich große Zielgruppe, weil in dieser Altersgruppe entwicklungspsychologisch so viel passiert. Ein Kind, das gerade dem Pappbilderbuch entwachsen ist, das drei Jahre alt ist und jetzt in den Kindergarten geht, ist auf einem ganz anderen Niveau als ein Kind, das sich auf die Schule vorbereitet.

„Mit Pixi in die Schule“ ist durchaus ein Thema, das wir ab und zu anbieten. Das sind dann Titel wie „Mein erster Schultag“, „Hansi und die Schultüte“, „Unser erster Ausflug“, „Conni kommt in Schule“ – schulstartbegleitende Literatur, die den Kindern die Angst nehmen soll. Das wäre dann für die Großen innerhalb unserer Zielgruppe. Natürlich lesen die Kinder auch selbst, wenn sie es dann können, noch Pixi-Bücher. Aber eigentlich sind sie für Kinder gemacht, die noch nicht lesen können. Darum hat das Bild immer Vorrang.

Pixi-Bücher haben immer 24 Seiten, das ist festgelegt. Die Autoren bekommen von mir eine maximale Textlänge vorgegeben. Wir können nicht ein paar Seiten mehr dranhängen, und wir wollen auch keine Bleiwüste. Die Bilder sollen so gemacht sein, dass das Kind auch allein blättern und sich von Seite zu Seite die Geschichte einigermaßen schlüssig zusammenreimen kann.

In einer Pixi-Box sind immer 64 Bücher. Acht verschiedene Titel, jeweils achtmal. So sind sie gepackt, so werden sie angeliefert. Die Buchhändler kaufen diese Boxen komplett, sie kaufen keine Einzeltitel. Es ist sogar so, dass die acht Titel auf demselben Druckbogen gedruckt werden und eine gemeinsame ISBN haben. Deswegen ist auch am Format nichts zu ändern. Ich kann auch für eine noch so schöne Geschichte das Buch nicht mal eben vier Seiten länger machen.

Letztes Jahr haben wir das 60. Jubiläum der Marke Pixi gefeiert. Pixi gibt es seit 1954. Und seit damals ist es schon so, dass immer 8 verschiedene Titel in einer Box sind. Das ist eines der Geheimnisse, wie man zu so einem günstigen Preis kommt. Denn ein Pixi-Buch kostet ja nur 99 Cent.

Jede Pixi-Box hat ein übergreifendes Thema. Das wurde früher sehr viel lockerer gehandhabt. Wenn es ein klares Thema gab, schrieb man es drauf: bei Weihnachts-Boxen etwa. Ansonsten hießen die Boxen „Pixis bunte Bücherkiste“ oder „Geschichten von Würmern und Wichteln“ oder so, da waren dann bunt gemischte Geschichten drin, einmal querbeet. Das können wir heute nicht mehr machen. Die Buchhändler möchten genau wissen, was sie einkaufen. Sie möchten einen klar begrenzten Themenbereich, es muss alles vorab einzuschätzen sein. Das bedeutet allerdings auch, dass sich die Themen im Laufe der Jahre wiederholen, denn natürlich gibt es Lieblingsthemen, mit denen man gute Erfahrungen hat und die in der Altersgruppe am besten gehen. Wenn wir dann doch mal etwas Unerwartetes anbieten, etwas Abgelegenes, dann kaufen die Buchhändler das nur zurückhaltend ein.

In dieser Hinsicht ist der Buchhandel weniger experimentierfreudig geworden. Am Ende nervt es die Buchhändler selbst, und es nervt auch die Eltern, überall die rosa Mädchenthemen und die piratigen Jungsthemen. Aber als ich das Pixi-Lektorat übernommen habe, haben die Vertreter mir von Anfang an gesagt: bitte thematisch klare Serien. Das wollen die Buchhändler so. Und so sieht das aus:

Weihnachten ist jedes Jahr dran. Ostern ist nicht ganz so groß, dazu bringen wir vielleicht jedes zweite Jahr etwas Neues. Fußball gibt es immer, wenn EM oder WM ist. „Mit Pixi in die Schule“ machen wir ebenfalls regelmäßig. Olympia hingegen ist als Thema nicht groß genug in unserer Zielgruppe. Dazu machen wir keine eigene Box.

Pro Halbjahr erscheinen vier Boxen, das sind 32 Bücher. Darunter kann auch mal ein Remake sein. Ab und zu mische ich Perlen aus der Backlist unter, weil es einfach zu schade ist, wenn die nicht mehr aufgelegt werden. Die Backlist ist riesig. Ich habe im Frühjahr 2007 hier angefangen, und alles, was seitdem entstanden ist, kenne ich in- und auswendig. Am Anfang hatte ich noch die Vorstellung, dass ich mich mit der Zeit auch durch die ganzen älteren Jahrgänge lesen würde, aber das war zeitlich nicht zu schaffen. Die Ansprüche haben sich auch sehr verändert, insofern war es dann auch nicht mehr nötig, die kompletten 60er bis 80er Jahre auch noch auswendig zu können.

Unter den vier Kassetten, die im Halbjahr erscheinen, gibt es immer eine mit einem Lizenzthema. Duden-Kinderbücher zum Beispiel, oder „Shaun das Schaf“, „Jim Knopf“, „Bob der Baumeister“, „Freunde der Maus“, „Sesamstraße“, „Hexe Lilli“, „Leo Lausemaus“, „Bobo Siebenschläfer“ und einige mehr. Da arbeiten wir mit anderen Kinderbuchverlagen oder dem Kinderfernsehen zusammen und kaufen Figuren von ihnen ein. Die Kooperationspartner kommen uns meist relativ bereitwillig entgegen, weil wir Marktführer sind.

Pixi-Bücher sind meistens Geschichtenbücher, gern phantasievolle Geschichten von Kindern oder vermenschlichten Tieren. Ab und zu haben wir aber auch kleine Sachbücher im Programm, wie zum Beispiel die Berufe-Serie. Da heißen alle Geschichten „Ich hab einen Freund, der ist … und dann folgt irgendein Beruf“. Diese Geschichten sind ganz, ganz beliebt. Die werden nicht hier im Pixi-Lektorat entwickelt, sondern kommen aus dem Lesemaus-Bereich. Das ist eine weitere Carlsen-Marke für die Altersgruppe Kindergarten. Wir kürzen die Texte fürs Pixi-Format. Bei der Berufe-Serie geht es zwar um Sachwissen, aber es gibt immer noch eine fiktionale Rahmengeschichte. In dem Sinn: Ich habe einen Freund, der nimmt mich mit zu seiner Arbeitsstelle und zeigt mir, was da los ist. Daneben haben wir noch eine andere Sachbuchreihe, die heißt „Entdecke deine Welt“, also „Entdecke die Jahreszeiten“, „Entdecke den Bauernhof“, „Entdecke das Meer“, „Entdecke den Kindergarten“. Das sind richtige Sachbücher, ganz ohne Geschichte. Die Illustrationen zeigen und erklären ganz viel. Und sie sind immer sachlich richtig und gut erkennbar. Dafür wird auch recherchiert, da gehen die Autoren und Illustratoren schon mal auf die Baustelle oder den Flughafen und machen Fotos.

Wenn die Boxen fertig sind, stelle ich sie unseren Vertretern vor und erkläre ihnen, was jeweils drin ist. Das geschieht im Rahmen einer Konferenz, wo alle neuen Bücher des kommenden Halbjahrs vorgestellt werden. Manchmal sagen mir die Vertreter, wenn sie später den Buchhändlern unsere Pixis präsentieren, dann hätten sie meine Begeisterung von der Konferenz noch im Ohr. Das ist mein Ziel.

Grundsätzlich gilt: Pixi ist Vielfalt. Es soll für jeden Geschmack und alle Interessen etwas dabei sein. Innerhalb einer Serie ist jeweils eine möglichst große Bandbreite gefragt. Die Märchen sollen nicht alle dieselbe Optik haben, sondern möglichst unterschiedlich sein. Das Thema Fußball soll mal sachbuchartig, mal völlig skurril oder überraschend angegangen werden. Da sollen spannende Geschichten drin sein für Kinder, die schon Fußballfans sind. Mädchen sollen auch nicht vergessen werden. Etwas muss aber auch für kleinere Kinder passen, die bisher nur gemerkt haben, dass Papa ganz aufgeregt ist, wenn Fußball im Fernsehen ist, und das also ein Riesenthema zu sein scheint, die aber noch gar nicht wissen, worum es hier eigentlich geht. Acht Fußballcover nebeneinander sehen übrigens schnell langweilig aus: unten grün, oben blau, in der Mitte ein Ball und ein oder zwei Kinder. Um das zu vermeiden, lassen wir uns tolle Sachen einfallen. Wir nehmen zum Beispiel auch mal tierische Protagonisten. Wie in der Geschichte von dem Maulwurf, der umziehen muss, weil auf einmal ein Bagger durch seine Wohnung rumpelt. Und dann baut er seine neue Wohnung dummerweise genau unter einen Fußballplatz. Kaum hat er sich eingerichtet, geht schon wieder das große Rumpeln los. Er meint schon zu wissen, was los ist, und kriegt die Panik. Erst verkriecht er sich unterm Bett und zieht sich die Decke über den Kopf, dann will er aber doch mal nachsehen. Also gräbt er sich raus, und kaum steckt er in der Nähe der Torlinie den Kopf aus der Erde, kommt der Ball angeflogen, wird durch den Maulwurf abgefälscht und geht ins Tor. Danach ist er das Maskottchen des Vereins. Solche Geschichten bringen Abwechslung in einen Themenkreis, der von den Bildern her eher gleichförmig zu sein scheint.

Die Conni-Reihe wird von den Kindern geliebt. Denn Conni durchlebt alle Alltagssituationen, die die Kinder auch bewältigen müssen. Und zwar oft zum ersten Mal. Für die vorlesenden Eltern ist das nicht sonderlich spannend. Aber den Kindern nimmt es oft die Angst, zum Beispiel vor dem Zahnarzt, wenn sie die Situation vorher schon im Kopf durchspielen können und dann wissen, was sie dort erwartet. Mit Conni ist dem Verlag, nebenbei gesagt, etwas gelungen, was nur ganz selten klappt: Wir haben die Figur in andere Altersstufen weiterentwickelt. Es gibt Conni-Romane für Siebenjährige und auch für Teenager. Darin macht Conni die typischen Erfahrungen dieser Altersgruppe. Sie bleibt natürlich ein behütetes Mädchen, das schon den rechten Weg finden wird, sicher wird sie nicht drogenabhängig. Aber je älter sie wird, desto differenzierter und politischer wird es auch. Normalerweise ist bei den Pixi-Büchern der Text zuerst da. Damit gehe ich dann zum Illustrator und sage: Ich habe hier eine tolle Geschichte, da habe ich an Sie gedacht. Es kann auch mal sein, dass Illustratoren anfragen: Haben Sie nicht ein Thema für mich? Die Themen und die grobe Richtung gebe ich immer vor.

Ich möchte eine große Bandbreite bedienen. Natürlich habe ich den Anspruch, das so gut wie möglich zu machen. Also mit den besten Autoren und Illustratoren, die ich in der jeweiligen Zeitspanne kriegen kann – gute Illustratoren sind nämlich manchmal sehr lange im Voraus ausgebucht. Auch bei den ganz kleinen Büchern ist unser sprachlicher Anspruch hoch. Im Zweifel beschäftige ich auch mal die Duden-Sprachberatung, wenn etwas nicht ganz klar ist. Unsere Leser sind ja mitten im Spracherwerb. Da soll auf jeden Fall alles richtig sein.

Manchmal gibt es dennoch Beschwerden, die meist geschmacklicher Art sind. Etwa zu dem Buchtitel „Conni macht Musik“. Ob wir das nicht gepflegter hätten ausdrucken können? „Conni musiziert?“ Solche Kritik geht uns zu weit, denn der einfache Stil ist hier bewusst gewollt.

Wir kriegen auch viel Kinderpost. „Hallo Pixi, ich bin 4 Jahre alt und habe dann und dann Geburtstag.“ Oder „Pixi, ich hab dich lieb.“ Das wird alles beantwortet. Wir haben hier Kolleginnen, die nur Leserpost bearbeiten. Manchmal gibt es einfach nur begeisterte Zuschriften, vor allem vonseiten der Kinder. Ansonsten schreiben die Eltern eher, wenn sie etwas zu bemängeln haben. Wenn man unzufrieden ist, macht man sich wohl eher die Mühe. Ärger mobilisiert mehr als Freude. Oft kriegen die Leute dann eine Erklärung und Ersatz geschickt, wir sind da grundsätzlich freundlich und großzügig. Interessant an den Beschwerden ist, dass fast alle mit einem Lob auf Pixi anfangen.

Der Name Pixi ist vom englischen Pixy abgeleitet, das sind kleine Waldgeister, Kobolde, Gnome, Wichtel. In Irland sind sie sehr präsent. Und weil es so kleine Koboldbücher sind, so lustig und unkonventionell und sie so eine Welt für sich neben den großen und seriösen Büchern bilden – klein, frech und vielfältig -, hat der Verlagsgründer und Erfinder der Reihe den Namen Pixi gewählt. Die Figur Pixi wurde dann erst in den Achtzigern entwickelt und hat sich seitdem mehrfach verändert.

Per Carlsen hat den Carlsen Verlag gegründet. Er begann mit Comicstrips in Zeitungen, mit Petzi. Mit denen war er in Dänemark sehr erfolgreich und auch in Deutschland, wo die lustigen kleinen Comicstrips ab den frühen Fünfzigern in Zeitungen erschienen. Sie waren so beliebt, dass er es gewagt hat, damit in Deutschland eine Niederlassung zu gründen. Mit Petzi als Marke.

Die Autoren der Pixi-Bücher sind meist nicht so bekannt, die Illustratoren schon eher. Viele arbeiten immer wieder gerne für Pixi. Weil sie dieses kleine Format mögen, und weil es einfach Kult ist. Weil es auch immer wieder eine Herausforderung ist, auf so kleinem Raum zu arbeiten. Und weil sie wissen, dass sie damit die größtmögliche Menge von Kindern erreichen. Wir haben Illustratoren, die auch für andere Verlage arbeiten und die ihre eigenen Bilderbücher machen. Die vielleicht auch hier im Haus mit großen Bilderbüchern gut im Geschäft sind. Und die Pixi als Arbeitsfeld immer noch schätzen.

Ich helfe den Autoren und Illustratoren mit meinem distanzierteren Blick. Zunächst bin ich die erste Testperson für ihre Geschichte: Versteht man eigentlich, worum es geht? Warum passiert jetzt was? Oder fehlt ein erklärender Zwischenschritt? Das kann ich durch meinen Abstand und natürlich durch meine Erfahrung leicht erkennen. Wenn ich Leuten, die ihr Handwerk gut verstehen, dabei helfen kann, zu optimalen Ergebnissen zu kommen, ist das toll.

Am allermeisten Spaß macht es, die Geschichten zu entwickeln. Meine Autoren tragen oft großartige Ideen an mich heran. Mit ihnen zusammen diese Ideen so zurechtzurücken, dass die Geschichte auf 24 Seiten passt, gut erzählbar ist, dass die Gewichtung, der Spannungsbogen und die Sprache stimmen, dafür den idealen Illustrator zu gewinnen und ihn im gleichen Sinn zu betreuen, das ist ganz wunderbar.

Auch die Komposition der 8 Titel ist eine schöne Herausforderung: dass etwas für Ältere und etwas für Jüngere dabei ist, etwas aus dem Mainstream und etwas Künstlerisches, etwas Großformatiges und etwas Kleinteiliges, etwas am Computer Gemachtes und etwas von Hand Gemaltes … also ein Thema achtmal ganz unterschiedlich anzugehen und zu interpretieren, da die ideale Kombination zu finden, das ist auch eine besondere Freude.

Und es sind ganz wunderbare Menschen, mit denen ich zu tun habe. Ernsthafte Erwachsene, die ihre Lebensarbeit guten Geschichten für Kinder widmen. Und sich so etwas ausdenken wie diesen Maulwurf, der schon wieder umziehen muss. Oder lustige Bilder entwickeln. Mit großem Können, mit einem wahnsinnig guten psychologischen Blick, der sich übersetzt in die Haltung einer Figur, die nicht zuhören will oder so. Das ist eine Freude! Es sind einfach tolle Menschen, die so etwas machen.

Pixis finden wirklich in jedes Kinderzimmer. Nicht jedes Pixi in jedes Kinderzimmer, aber fast jedes Kind in Deutschland hat mehrere Pixi-Bücher. Und ich weiß, wie prägend die Geschichten und Bilder in der Altersgruppe sind. Es gibt schon lange auch einen Sammlermarkt für Pixi-Bücher. Es gibt richtige Freaks. Im Internet kann man Preise bis zu zwanzig, dreißig Euro für ein altes, vergriffenes Pixi-Buch finden.


In der preisgekrönten Interview-Serie Was machen die da? lassen Isabel Bogdan und Maximilian Buddenbohm interessante Menschen ausführlich von ihrem Beruf erzählen, für Nido haben sie dieses Format adaptiert. Eine etwas kürzere Version des Gesprächs mit Eleonore Gregori ist in Nido #8 2015 erschienen. Alle Titelthemen der aktuellen Ausgabe gibt es hier im Überblick.

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