Letzter Warnschuss U-Haft

24. Januar 2013, 18:03 Uhr

Sie verübten Einbrüche, klauten, randalierten. Nach 40 Straftaten sitzt ein 14-jähriges Zwillingspaar nun erstmals hinter Gittern. Der Fall zeigt, wie schwierig der Umgang mit so jungen Ganoven ist. Von Malte Arnsperger

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Jugendlicher bei Ladendiebstahl©

Holger und sein Zwillingsbruder Andreas (beide Namen geändert) beschenken sich Anfang Dezember 2012 selber. Wenige Tage nach ihrem 14. Geburtstag steigen sie nachts in ein Pforzheimer Autohaus ein, schnappen sich die Schlüssel von zwei Wagen und fahren los. Der Spaß ist nur von kurzer Dauer, denn nach wenigen Stunden klicken die Handschellen. Für die beiden Jungs ist offenbar weder so ein Einbruch, noch die anschließende Begegnung mit der Polizei etwas Besonderes. Seit Jahren schon sollen sie laut Staatsanwaltschaft in Häuser und Wohnungen eingebrochen sein, in Geschäften geklaut und randaliert haben. Die eine oder andere Prügelei soll auch dabei gewesen sein.

Bis zu ihrem 14. Geburtstag soll jeder der beiden Jungganoven bereits mehr als 40 Straftaten begangen haben. Obwohl das Wort "Straftaten" streng genommen nicht stimmt. Bisher galten Holger und Andreas immer nur als "Straftatverdächtige", denn sie waren stets jünger als 14 Jahre und damit strafunmündig. Die Polizei musste sie immer laufen lassen. Vor Gericht standen sie nie - geschweige denn haben sie jemals ein Gefängnis von innen gesehen.

Erziehungsgedanke im Vordergrund

Doch das hat sich nun geändert. Seit ihrer vorweihnachtlichen Spritztour sitzen die Zwillinge in der Jugendvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim. Sie dürften dort die jüngsten Häftlinge sein. Denn es ist extrem selten, dass so junge Verdächtige eingesperrt werden. Von mehr als 60.000 Gefängnisinsassen in Deutschland waren 2012 nur 581 jünger als 18 Jahre, gerade einmal zwei waren im Alter von Holger und Andreas. Der Hauptgrund: Im deutschen Jugendstrafrecht steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund, nicht die Bestrafung. Welche Probleme sich daraus ergeben können, zeigt der Fall aus Pforzheim.

Viel erfährt man von den Behörden und den Anwälten nicht über die beiden. Der Persönlichkeitsschutz steht angesichts ihres Alters im Vordergrund. Die Familie soll zerrüttet sein, die Eltern haben sich angeblich kaum um ihre Jungs gekümmert. Diese fehlende Beachtung und die ewige Langeweile zu Hause waren offenbar ein Grund dafür, dass die Zwillinge vor einigen Jahren damit begannen, sich auf wenig sinnvolle Art zu beschäftigen.

Jugendliche Intensivstraftäter

Nach Informationen der "Pforzheimer Zeitung" war im Jahr 2008 ein Mofa die erste Beute der Brüder. Die Polizei will das nicht bestätigen. Nur so viel gibt Polizeisprecherin Maria Logotheti preis: Im März 2011, Holger und Andreas waren gerade mal zwölf Jahre alt, seien sie in Pforzheim bereits als jugendliche Intensivtäter geführt worden. Darunter falle jeder, der mindestens drei Gewalttaten oder zehn andere Straftaten begangen habe. Maria Logotheti: "Die Zwillinge gehören zu den großen Problemfällen in unserer Stadt."

Einsperren kann und will man Holger und Andreas aber (noch) nicht. Die Behörden in Pforzheim versuchen auf andere Weise, die Zwillinge auf den rechten Weg zurückzuführen. Das Jugendamt steht öfter bei der Familie auf der Matte, die Jungs landen nach ihren Taten sogar mehrmals in geschlossenen Heimen. Doch das beeindruckt die Zwillinge wenig. Stets büxen sie nach wenigen Tagen aus, treffen sich und gehen wieder auf Raubzug, oft zu zweit, manchmal dürfen auch Kumpels mitmachen. "Es bedarf dazu schon einer großen kriminellen Energie und sehr geringem Unrechtsbewusstsein", sagt Polizeisprecherin Logotheti.

Wie aus aufmüpfigen Kindern richtige Verbrecher werden

Bernd Holthusen beschäftigt sich seit Jahren mit straffälligen jungen Menschen. "Das Austesten von Grenzen ist zunächst mal völlig normal und jugendtypisch, vor allem bei männlichen Jugendlichen", sagt Holthusen. Der Wissenschaftler vom Deutschen Jugendinstitut in München weiß aber auch, wie aus aufmüpfigen Kindern richtige Verbrecher werden. "Viele von ihnen leben in desolaten Familiensituationen, erleben dort Gewalt. Sie haben Abbrucherfahrungen, haben Scheidungen erlebt oder mussten oft umziehen, die Schule wechseln. Ihnen fehlen der Halt und verlässliche Strukturen, sie können und wollen sich irgendwann auf niemanden mehr einlassen."

Wie solche kriminelle Karrieren im Jugendalter völlig außer Kontrolle geraten können, weiß auch die Münchner Polizei. Ende der 90er Jahre trieb hier Muhlis A., genannt Mehmet, sein Unwesen. Noch als Kind beging er mehr als 60 Straftaten, von Diebstahl über Erpressung bis hin zu Körperverletzung. Als Jugendlicher prügelte er einen Schüler krankenhausreif und griff später sogar seine Eltern an. Auch als Reaktion auf den Fall Mehmet setzt die Münchner Polizei auf den sogenannten "personenorientierten Ermittlungsansatz bei minderjährigen Intensivtätern".

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