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28. Mai 2011, 10:12 Uhr

Initialzündung beim Sommerfest

Vor 50 Jahren hat der TV-Journalist Gerd Ruge die deutsche Sektion von Amnesty International mitbegründet. Im Interview mit stern.de spricht er über die Anfangstage und die unvorstellbaren Dinge, die er in den USA erlebt hat.

© Herbert Knosowski/DPA Gerd Ruge, geboren 1928 in Hamburg, ist einer der bekannsten TV-Journalisten der ARD. Er war der erste Korrespondent in Moskau und berichtete später aus den USA. In den 60er-Jahren schrieb er aus Peking für die "Welt". Ruge gehört zu den Mitbegründern von Amnesty International Deutschland. Zuletzt drehte er Reisereportagen aus aller Welt. Ruge lebt in München und schreibt zur Zeit an einem neuen Buch. Nur am Samstag nicht, dann feiert er den 50. Geburtstag der Organisation in Berlin

Herr Ruge, Sie haben im Sommer 1961 die deutsche Sektion von Amnesty International mitgegründet. Wie kam es dazu?

Knapp zwei Monate zuvor wurde Amnesty in England gegründet. Wenig später besuchte uns einer der Gründungsmitglieder, Eric Baker, in Köln, der gehört hatte, dass ich mich in Amerika für Menschenrechte interessiere. Es war abends um zehn, wie hatten gerade ein kleines Sommerfest.

Wie viel Überzeugungsarbeit musste er leisten?

Viele von uns kannten damals die Menschenrechtsprobleme, teilweise noch aus der Nazizeit. Ich vor allem aus den USA, wo ich mich mit der Bürgerrechtsbewegung beschäftigt hatte und natürlich auch aus Russland. Wenn man in beiden Ländern als Journalist mit solchen Recherchen anfing, stieß man schnell auf Widerstände.

Hatten Sie das Ausmaß von den USA erwartet - dem Land der Freiheit?

In den USA herrschen viele Freiheiten. Andererseits hatten die Schwarzen damals kein Wahlrecht in den Südstaaten, hatten fast keine politischen Rechte, sie waren insgesamt in ihren Möglichkeiten enorm beschränkt. Dazu kamen die großen Kommunistenprozesse der McCarthy-Ära. Es herrschte ein Klima, in dem es möglich war, Schulen für Gewerkschaftsfunktionäre in Brand zu setzen. Es gab damals viele Dinge, die für mich unvorstellbar gewesen waren.

Wie war die Lage in Europa?

Es gab eine ganze Reihe von Diktaturen, nicht nur im Ostblock, sondern zum Beispiel auch in Spanien und Portugal. Die Verhaftung von zwei portugiesischen Studenten, die in einem Restaurant auf die Freiheit angestoßen hatten, führte ja letztlich zur Gründung von Amnesty. Anfang der 60er-Jahre begann sich zudem der Kalte Krieg zu verschärfen. Und es war nicht unüblich, jemanden des Kommunismus zu beschuldigen, um ihn zu diskreditieren. Und wir, die wir da abends in Köln zusammen saßen, hatten die Befürchtung, dass die politischen Freiheitsrechte in der Konfrontation des Kalten Krieges zunehmend eingeschränkt würden.

Wenn Sie die Menschenrechtslage von damals mit heute vergleichen: Hat sie sich verbessert?

Sicher. Früher waren die großen Übergriffe auf die Menschenrechte deutlich zu erkennen, zum Beispiel in Stalins Sowjetunion. Das hatte sich erst mit Nikita Chruschtschow, aber vor allem später, nach dem Zusammenbruch der UdSSR, völlig geändert. Mittlerweile gibt es in Russland wieder eine Rückwärtsbewegung, wie jetzt am Urteil gegen Chodorkowski zu sehen ist. Und in den USA werden Menschenrechte durch den "Antiterror-Krieg" in Frage gestellt. Letztlich gleicht die Einhaltung der Grundrechte einer Wellenbewegung: Mal gibt es mehr Freiheiten, mal weniger. Aber insgesamt hat sich das Verständnis für die Wichtigkeit gesetzlicher, gerechter Ordnung doch gestärkt.

Sind Menschenrechte ein Luxusgut, das beliebig gewährt oder verwehrt werden kann?

Bis zum gewissen Grad geschieht das. Aber nehmen sie Russland: Dort wurden Gesetze gemacht hat, die außerordentlich anständig und zivilisiert sind. Auch weil man nach außen hin Rechtssicherheit demonstrieren will. Die Gesetze werden nur leider nicht befolgt. Doch: Wenn man diese Gesetze schon hat, dann ist man zumindest einen Schritt weiter und kann besser auf ihre Umsetzung dringen.

Was haben die Menschen in der ersten Zeit von Amnesty International gedacht? Wurden sie ernst genommen oder als Spinner abgetan?

Zu Beginn waren wir gerade einmal 17 Leute, aber wir haben schnell Möglichkeiten gefunden, auf Amnesty aufmerksam zu machen. Zum Beispiel mit einem Buch über den "Spiegel"-Prozess, an dem eine Reihe bedeutender Juristen mitgearbeitet hatte. Das überzeugte die Leser davon, dass die Organisation seriös ist. Durch dieses Projekt stellte sich raus, dass es durchaus viele junge Akademiker, vor allem Juristen gab, die etwas gegen die aufkommenden politischen Spannungen tun wollten.

Und wie haben die Etablierten reagiert?

Es gab zunächst diesen Kommunismusverdacht gegen uns, aber dank des Buches und anderer Veröffentlichungen und der Leute, die daran mitgearbeitet hatten, konnte er rasch ausgeräumt werden. Hilfreich war sicher auch, dass wir einige Prominente als Spender gewinnen konnten: Etwa Hans Matthöfer, damals IG-Metall-Vorstand und später Minister; den Kölner Kardinal Frings; sowie den damaligen Generalbevollmächtigten von Krupp, Berthold Beitz. Der hatte in der Nazizeit sehr viele Juden gerettet. Danach konnten wir mit der Arbeit beginnen.

Was waren die größten Erfolge von Amnesty International?

Da gibt es sehr viele. Zum Beispiel, dass es gelungen ist, in sehr vielen Ländern, auch in denen der Dritten Welt, Büros zu eröffnen. Das wichtigste ist aber, dass es gelungen ist, so viele Menschen, weltweit immerhin drei Millionen Menschen, für die Sache zu gewinnen. Denn wenn man sich nicht für die Freiheit einsetzt, dann lebt man schnell in einer Welt, in der sich die Gegensätze wieder verschärfen. Besonders erfreulich und nützlich war aber sicher die Verleihung des Friedensnobelpreises 1977 an Amnesty.

Hat Amnesty Fehler gemacht?

(überlegt ... ) Schwer zu sagen, dazu bin ich nicht mehr tief genug in der Organisation tätig.

Wo wartet noch Arbeit auf die Organisation?

In viel zu vielen Ländern, in Asien, Südamerika, Afrika. Das gilt übrigens auch für Länder im Westen, in denen die Einhaltung der Menschenrechte nicht immer selbstverständlich ist.

Interview: Niels Kruse
 
 
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