Du kommst ins Internat!

11. Januar 2009, 07:50 Uhr

Die Ansprüche wachsen, viele Schüler sind überfordert, viele Eltern ratlos. Auch deshalb boomen Deutschlands Internate. Sie versprechen, woran Eltern und Schulen oft scheitern: Erziehung. Von Beate Flemming

Internat, Schule, Schüler, Erziehung, Eltern

Schüler vom Schloss Hagerhof in Bad Honnef: Die Kinder entscheiden selbst, welchen Lernstoff sie sich zuerst vornehmen. Lehrer Olaf Dörr begleitet die Freiarbeit©

Eigentlich hatte Youcef mit 16 seine Zukunft schon ziemlich vermasselt. Die 7. Klasse der Realschule in Erlangen hat er "freiwillig wiederholt", in der 9. hingen die Noten wieder im Keller. Und dann noch die Sache an Halloween: Da wollte Youcef seinen Lehrer besuchen. Der war aber nicht zu Hause. Ging er eben in den Garten und riss ein paar Bäume aus. Das trug nicht zur Besserung der Lage bei. Notendurchschnitt: 5,1.

Keine Realschule der Umgebung wollte Youcef aufnehmen. Da kam er auf die Idee mit dem thüringischen Internat Haubinda. "Ein Freund hatte mir davon erzählt. In Thüringen ist die Schule viel einfacher als in Bayern, und außerdem sind in Haubinda die Lehrer besser." Weil seine Eltern das Schulgeld nicht aufbringen konnten, überredete er das Jugendamt, das Projekt zu sponsern. Jetzt hat Youcef in Haubinda seinen Realschulabschluss gemacht, Notenschnitt: 2,1. Und hat dazu einen Ausbildungsplatz zum Krankenpfleger.

Bayern als Hauptlieferant

Auch Linda scheiterte am bayerischen Schulsystem - "unsere eifrigste Zulieferindustrie", wie Haubinda-Direktor Burkhard Werner sich ausdrückt. Erst besuchte Linda in München das Gymnasium, durchaus erfolgreich, außer in Mathe. "Ich habe gebüffelt, aber die Lehrer haben mich entweder angeschrien oder gesagt: ‚Du bist faul.‘" Sie verließ das Gymnasium Richtung Realschule. Auch dort war Mathe unbesiegbar, die anderen Noten reichten nicht zum Ausgleich. "Es drohte die Hauptschule", meint Linda - und kam von München nach Haubinda. Mathe? "Hab ich jetzt endlich im Griff ", sagt sie, Notendurchschnitt im letzten Zeugnis: 2,4.

Solche Happy-End-Geschichten sind in Haubinda keine Ausnahme. "In der Regel schafft hier jeder seinen Abschluss", sagt Schulleiter Werner. Weil er hinterhergeschmissen wird? "Weil die meisten hier sehr viel Ehrgeiz entwickeln", sagt Werner.

Haubinda ist eins von 180 Internaten in Deutschland. Die Nachfrage boomt laut Auskunft der Internatsverbände, und auch die Zahl der angebotenen Plätze hat sich in den vergangenen Jahren um zehn Prozent erhöht. Ursachen gibt es genug: vollgestopfte Lehrpläne, überforderte Schüler und ratlose Eltern. Vor allem der gesellschaftspolitische Trend, Kinder als zukünftige Leistungsträger in Wissenschaft und Wirtschaft zu betrachten, als Rohstoff, der veredelt werden muss mit mindestens zwei Fremdsprachen, möglichst viel Naturwissenschaften und natürlich: Teamkompetenz.

Während die öffentlichen Schulen an Ganztagskonzepten basteln, um die hohen Ansprüche zu erfüllen und die Eltern zu entlasten, liefern Internate schon lange mehr: vormittags Lernen nach Lehrplan, nachmittags Lernen fürs Leben - Verantwortungsbewusstsein, Selbstständigkeit, Pflichtbewusstsein. Alles das, was die staatlichen Lehrpläne fordern, wozu die Schulen aber oft keine Zeit haben und viele Eltern keine Kraft.

70 Hektar Land gehören zum Internat Haubinda, am oberen Ende thront ein lichtes Fachwerkschlösschen, drum herum liegen die Wohnhäuser der Schüler. 600 Obstbäume werden von den Kindern beschnitten und geerntet. 20 Entenküken bevölkern jedes Frühjahr den Teich, werden im Herbst geschlachtet und gerupft. Jedes Jahr muss einem Schwein die Koppel gerichtet werden, auf der es herumtobt, bis die Schüler Wurst aus ihm machen. Dann sind da noch Stallhasen wie "Erkan" und "Stefan", gepflegt von Fünftklässlern, und rund 50 Coburger Hausschafe mit Bock und Lämmchen. Das Ziel des landwirtschaftlichen Betriebs ist, rein ökonomisch betrachtet, dass er sich selbst trägt. Pädagogisch wirft er mehr Gewinn ab als die Tennisplätze und Golfanlagen, mit denen andere Internate um Kinder werben. Nach wechselvoller Nazi- und DDR-Vergangenheit nahm Haubinda 1993 den Internatsbetrieb wieder auf - mit acht Schülern. Heute sind es 143, dazu kommen noch 267 Tagesschüler aus der Region.

Wenn öffentliche Schulen scheitern

Der Schulleiter sieht mehrere gesellschaftliche Gründe für den wachsenden Bedarf: zum einen die Globalisierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarkts. So bekommt Haubinda immer öfter Schüler von Eltern, die plötzlich für unbestimmte Zeit ins Ausland versetzt wurden. Und fast die Hälfte seiner Zöglinge sind Scheidungskinder. Als Hauptursache betrachtet Werner aber "die hochgeschraubten Ansprüche der staatlichen Schulen" in vielen Bundesländern. Statt individueller Förderung betreibe das staatliche System weithin Selektion nach Leistungsstärke, sagt Hartmut Ferenschild, Vertreter der Vereinigung der Landeserziehungsheime, zu denen auch Haubinda gehört.

Internate hingegen, so Volker Ladenthin, Pädagogikprofessor an der Uni Bonn, bieten, woran herkömmliche öffentliche Schulen im Halbtagsbetrieb zusehends scheitern: Erziehung. Bis in die 80er Jahre hinein betrachteten die Eltern die als ihre Aufgabe, jetzt wachse die Gruppe der Überforderten. Unter den Grundschülern seien immer mehr nicht schulfähige Kinder mit motorischen, sprachlichen und sozialen Defiziten, stellt Ladenthin fest. Am anderen Ende des gesellschaftlichen Spektrums wachse die Zahl der anspruchsvollen Bildungsbürger-Eltern auf der Suche nach der besten Förderung für ihr Kind.

Internat, Schule, Schüler, Erziehung, Eltern

Unterricht im Unesco-Weltkulturerbe: Kloster Maulbronn©

Vor diesem Hintergrund bieten Internate ihren Zöglingen eine Riesenchance. Im Gegensatz zum Familienleben richtet sich das Internatsleben ganz nach den Kindern aus und liegt in der Hand von Erziehungsprofis mit Konzepten im Kopf. Da gibt es kein Mittagessen aus der Mikrowelle, und im staatlichen Internat Marquartstein zum Beispiel dürfen die Kinder frühestens ab Klasse 8 fernsehen - und nie vor dem Abendessen.

"Völlig unzeitgemäß, dass es in Deutschland immer noch heißt: Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Internat", findet Haubinda-Leiter Werner. Und maßlos teuer muss der Lernspaß nicht sein: Rund 220 Euro monatlich zahlen die Eltern der Umgebung für ihre Kinder, die Haubinda als Tagesschüler besuchen. Am Spätnachmittag rollen für die 267 Schüler die Busse vor. Für die 143 Internatsbewohner verlangt Haubinda 1806 Euro plus 250 Euro Nebenkosten. Zu viel für das deutsche Durchschnittsgehalt von gut 3000 Euro, aber noch günstig im Vergleich zu anderen Internaten.

Verschiedenste Beweggründe

2290 bis 2590 Euro beträgt die Monatsgebühr für die 170 Internatsschüler im Birklehof bei Hinterzarten, Statussymbole wie Designertäschchen und besondere Gürtelschnallen sieht man entsprechend öfter als in Haubinda. In der Nähe des Internats gibt es auch einen Neun-Loch-Golfplatz und einen Skilift. Die Ausstrahlung von Schulleiter Christof Laumont ist eher betriebswirtschaftlich.

Ein Internat zu betreiben verschlingt Unsummen. Unter anderem weil die oft in verträumten, sanierungsaufwendigen Schlösschen residieren. Auf der Sollseite stehen auch hohe Personalkosten: Küche, Erzieher und ein Lehrerkollegium, das an einer öffentlichen Schule fast doppelt so viele Schüler zu betreuen hätte. Rund 4100 Euro schießt das Land Baden-Württemberg dem Birklehof jährlich pro Schüler zu, die Mehrkosten muss Laumont reinholen. Unter anderem mit der Kostenstelle Öffentlichkeitsarbeit. Traditionell tragen die Internate untereinander einen Kampf ums Kind aus.

Die umworbene Kundschaft ist, entgegen herkömmlicher Annahmen, nicht elitär, sondern repräsentiert, wie Laumont formuliert, "die Bandbreite der Gesellschaft". Natürlich gibt es nach wie vor Diplomatenkinder, Sprösslinge der Großindustrie, Hochbegabte und ein paar Von-und-Zus. Sehr viele bringen Probleme in die vermeintlich heile Welt mit - vom wohlstandsverwahrlosten Scheidungskind, das bei der Suche nach dem neuen Partner nicht im Weg sein soll, bis zum magersüchtigen Opfer widriger familiärer Umstände aus einfachen Verhältnissen. Ein Heimplatz kostet 4000 bis 5000 Euro, ein anständiger Internatsplatz ist für die Hälfte zu haben, das wissen auch die Mitarbeiter der Jugendämter, die in besonderen Fällen schon mal die Kosten übernehmen.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 02/2009

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KOMMENTARE (5 von 5)
 
schnurz5 (12.01.2009, 22:44 Uhr)
Vorsicht
Ich denke, solange nicht Flächen deckend Ganztagsschulen vorhanden sind, sind Internate gute Alternativen
als "Vorbereitung aufs Leben" ( Stichwort: soziales Lernen,etc)
Doch aus persönlicher Erfahrung muss ich vor christlich orientierten Einrichtungen warnen, obwohl ich mich damals bewusst dafür entschieden hatte. Falls mal etwas schief läuft ( in diesem Fall Missbrauch durch einen Erzieher ), kann man die Folgen allein tragen, alles wird tot geschwiegen und das von einer Organisationen, die Deutschland weit Internate haben und sich auf die Fahnen geschrieben haben, dass keiner verloren gehen darf.
LG Schnurz
Morendis (11.01.2009, 21:56 Uhr)
Wo liegt hier eine gewisse Verantwortlichkeit?
"Man wurde zur Selbststaendigkeit
angehalten und die Schueler haben
gelernt,miteinander auszukommen,was heute nicht mehr selbstverstaendlich ist."
Sorry, aber diese Dinge zählen für mich grundsätzlich zur Erziehung und die beginnt Daheim und nicht in irgendeiner Schulform!
Tja, heutzutage läßt man seine Kinder vom KiGa angefangen von anderen erziehen, und wenn Kinder gewisse Ziele nicht erreichen, sind definitiv irgendwelche Lehrkörper, zu hoch angesetzte Anforderungen, ein schlechtes soziales Umfeld, die Gesellschaft oder irgendeine psychische Krankheit Schuld daran.
Für Internate habe ich wenig übrig, dorthin schicken Eltern ihre Kinder wenn sie entweder keine Lust oder keine Zeit haben sich mit ihnen auseinanderzusetzen.
reimberto (11.01.2009, 19:22 Uhr)
Internate
Ich habe vor ueber 30 Jahren eine sehr schoene Schulzeit in einem Internat am Ammersee gehabt
Man wurde zur Selbststaendigkeit
angehalten und die Schueler haben
gelernt,miteinander auszukommen,was heute nicht mehr selbstverstaendlich ist.
Maria1000 (11.01.2009, 17:47 Uhr)
ZITAT: "...
..Selbst wer sich einen Internatsaufenthalt nicht leisten kann, ist für die Berater interessant, denn vielleicht springt ja der Staat ein. Dafür geben sie den Eltern auch praktische Tipps: Statt beim Jugendamt mit der Aussage "Mein Sohn hat drei Fünfen" vorstellig zu werden, empfehle sich die Formulierung "Mein Sohn hat seelische Probleme"...
---
Alles klar: Nur wer BETRÜGT und LÜFT kommt hierzulande an GELD vom Staat! Bananenrepublik....
Maria1000 (11.01.2009, 17:44 Uhr)
Ein weiterer Beweis wie unsere Steuergelder rausgeschmissen
werden! Wieso zahlen Jugendämter bitte Internatskosten,w ährend ARBEITENDE mittelmässig verdienende Eltern ihre Kinder entweder ui den kriminellen nicht-sozialisierten Kindern in die staatl. Schulen geben müssen oder das Onternat selbst zahlen?
Man braucht also nur kriminell und gewalttätig werden als Jugendlicher, so dass einen keine Schule in der Gegend mehr nimmt und schon wirft unser Staat die Tausender raus - Verbrechen, assoziales und unsoziales Verhalten von Kindern und Jugendlichen wird also auch noch BLEOHNT!
Dieses System in D ist so krank.....
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