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stern Exklusiv

Die Tagebuch-Aufzeichnungen von Andreas Lubitz

Andreas Lubitz wurde schon während der Ausbildung depressiv. Trotzdem durfte er Pilot werden. Mit tödlichen Folgen. Seine Tagebuchaufzeichnungen verraten, wie verzweifelt er war.

Von Kerstin Herrnkind

Andreas Lubitz litt unter einer schweren Depression - seine Tagebucheinträge verraten, wie sehr er litt.

Andreas Lubitz litt unter einer schweren Depression - dem stern liegen seine Tagebucheinträge vor.

Im September 2008 ist Andreas Lubitz eigentlich am Ziel seiner Wünsche. Er ist kürzlich von Montabaur nach Bremen gezogen, hat einen begehrten Ausbildungsplatz an der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa. Pilot war immer sein Traumberuf gewesen. Schon als Zwölfjähriger hatte er eine Bewerbung an Lufthansa geschrieben. "In der Schule ist eigentlich alles super, nette Leute und tolles Umfeld", notiert er in Tagebuchaufzeichnungen, die dem stern vorliegen. "Aber kann das Ganze nicht genießen."

Wenn Andreas Lubitz nach dem Unterricht in seine kleine Dachwohnung in Bremen-Neustadt zurückkehrt, fühlt er "Leere und Einsamkeit". Der 20-Jährige vermisst seine Familie und seine "große Liebe" Kathrin, mit der er seit anderthalb Jahren zusammen ist. Die Nachbarn sehen den Flugschüler nur ganz selten. Beim Joggen. Nachts kann Andreas Lubitz nicht schlafen. Vor dem Haus rauscht Tag und Nacht der Verkehr über eine vierspurige Straße.

In der Schule fühlt sich Andreas Lubitz "total überfordert". Ein Tinnitus quält ihn. Mit Genehmigung der Lufthansa unterbricht Andreas Lubitz seine Pilotenausbildung, kehrt zurück ins Haus seiner Eltern nach Montabaur. "Begebe mich in psychiatrischer Behandlung, schwere Depression. Berufstraum Pilot so gut wie vorbei", schreibt er. Er lässt sich von einem Psychiater und einem Psychotherapeuten behandeln, redet davon sich umzubringen. "Ich fühle mich so traurig... bin so verzweifelt", notiert er im Januar 2009. "Sehe keinen Weg zurück in ein normales, erfülltes Leben!! Letzter Ausweg, der mich teilweise glücklich macht, ist der Sprung von der Klippe".

Bremen, Neustadt: Hier wohnte Andreas Lubitz an einer vierspurigen Straße.

Bremen, Neustadt: Hier wohnte Andreas Lubitz an einer vierspurigen Straße.  Links im Bild ist der Lärmschutzwall zu sehen. Er könne keine Nacht schlafen, klagte er - und zog um.


Der Therapeut, der eigentlich auf Kinder und Jugendliche spezialisiert ist, macht Entspannungsübungen mit ihm. Lubitz soll sich seinen Tinnitus bildlich vorstellen, ihm eine Farbe geben. Und gedanklich auf eine schöne Reise gehen. Andreas Lubitz stellt sich vor, er sei in Mexiko und lausche, mit einem Pina-Colada-Cocktail in der Hand, dem Rauschen des Meeres. Er treibt viel Sport. Beim Waldlauf kommt er auf die Idee, seine Biografie zu schreiben. "Am 18. Dezember 1987 beginnt meine Zeitrechnung. Ich erblickte das Licht der Welt im Neuburger Krankenhaus. Meine Mutter gebar mich im Alter von 25 Jahren. Mein Vater war an dem Tag, just in dem Moment, in Bangkok, einkaufen. Nachdem er die freudige Nachricht erhalten hatte, machte er sich auf den Weg nach Deutschland ... Ich war ein gesundes munteres Kind, dem es gut ging … An Weihnachten des Jahres 1987 wurden meine Mutter und ich pünktlich zur Geburt Christi aus dem Krankenhaus entlassen. Ich war mit Sicherheit das schönste Weihnachtsgeschenk in jenem Jahr." Mutter und Sohn reisen zum Vater nach Bangkok. "Nach bereits vier Wochen begab ich mich das erste Mal in die Luft. Wir flogen mit einer Lufthansa Boing 747 gen Osten. Somit erlebte ich mein erste Lebensjahr in tropischem Klima unter der Sonne Thailands ..."

Andreas Lubitz: "Biografiearbeit" mit dem Therapeuten

Auch mit dem Therapeuten macht Andreas Lubitz "Biografiearbeit", erzählt ihm von sich und seiner Familie. Seine Mutter ist Organistin und Klavierlehrerin. Der Vater hat sich aus kleinen Verhältnissen zum Vorstandsmitglied einer Firma hochgearbeitet.  Schon als Kind habe er seinen Vater nur an den Wochenenden gesehen, erzählt Lubitz. Der Beruf habe für ihn immer an erster Stelle gestanden. Seine Ansprüche, so schildert es Lubitz, habe sein Vater auf ihn übertragen. Er habe ihn ermahnt, sich erst um seine Zukunft zu kümmern, anstatt Zeit mit seiner Freundin zu verbringen.

  Auch in der Wohnung in dieser Straße fühlte sich Lubitz nicht wohl - und zog erneut um.

Auch in der Wohnung in dieser Straße fühlte sich Lubitz nicht wohl - und zog erneut um.


"Die Abwesenheit des Vaters und die überfürsorgliche Erziehungshaltung der Mutter sind wichtige Erfahrungen im Verlauf seiner Entwicklung", wird der Therapeut später in einem Gutachten für die Krankenversicherung schreiben. "In dem Bestreben, vom Vater die erwünschte Anerkennung zu bekommen, hat der Patient sich einem extremen Leistungsprinzip verschrieben." Doch erzählt Andreas Lubitz seinem Therapeuten wirklich die Wahrheit? Leute aus dem nahen Umfeld der Familie beschreiben die Eltern als liebevoll. Gerade in der Zeit, als Andreas Lubitz depressiv geworden sei. Nie hätten sie Druck auf ihren Sohn ausgeübt.

"Lieber Herrgott, BITTE hilf mir"

Fest steht nur, dass Andreas Lubitz unglücklich war. "Ich möchte wieder gesund werden … lieber Herrgott im Himmel … die vergangenen Wochen und Monate waren mit Sicherheit die schlimmsten und schwersten meines Lebens … BITTE hilf mir ... gib mir die Kraft, die bösen Gedanken zu vertreiben", vertraut er seinem Tagebuch an. Sein Psychiater verschreibt ihm Mirtazapin, ein Medikament gegen Depressionen, das im Ruf steht, das Suizidrisiko zu erhöhen. Im Februar 2009 scheint sich sein Zustand zu bessern. Jedenfalls bescheinigt der Psychiater ihm "eine gute bis sehr gute Prognose". Es sei "von einer vollständigen Genesung auszugehen".

Zwei Monate später, im April, beantragt Andreas Lubitz eine neue Fluglizenz. Der Arzt vom Medizinischen Dienst der Lufthansa zögert. Lubitz nimmt noch Medikamente. Am 14. Juli weigert sich der Arzt schließlich, dem Auszubildenden die Fluglizenz wiederzugeben. Er verlangt ein psychiatrisches Gutachten. Der Flugmediziner Prof. Dr. K., der als Sachverständiger für die Lufthansa arbeitet, untersucht Lubitz. Außerdem holt er sich die Meinung seiner Kollegen aus Montabaur ein. "Aus psychologisch-psychotherapeutischer Sicht kann der Patient seine berufliche Ausbildung fortsetzen", schreibt ihm der Psychotherapeut von Lubitz. Ende Juli 2009 bekommt Andreas Lubitz seine Lizenz zurück - allerdings mit einer Sondergenehmigung, in der die Depression vermerkt ist. Er darf seine Ausbildung fortsetzen.

Lubitz kehrt nach Bremen zurück - in eine neue Wohnung

Andreas Lubitz kehrt zurück nach Bremen, zieht in einen gepflegtes Rotklinkerhaus in Flughafennähe. "Heute schreiben wir den 16. Juli 2009, rund 10 Monate nach Ausbruch meiner Depression", notiert er. "Ich sitze hier und heute an meinem Schreibtisch in einer der tollsten Wohnungen in Bremen und während ich dies hier schreibe, bin ich so gerührt, dass mir die Tränen in die Augen schießen; genauso unverhofft wie ich in dass alles reingeschlittert bin, bin, genauso unverhofft laufen mir jetzt die Tränen die Wangen runter. Es ist eigentlich alles wieder gut. Ganz besonderer Dank gilt meiner Familie, besonders meiner Mutter, die mich vor dem Schlimmsten bewahrt hat und mitunter einer der Personen war, die am meisten mitgelitten hat. Liebevollen Dank möchte ich auch meiner süßen Freundin Kathrin aussprechen, die viel Zeit mit mir verbracht hat und mich durch die dunkelsten Tage meines Lebens begleitet hat und auch nie die Hoffnung in mich aufgegeben hat; DANKE, dass du bei mir geblieben bist."

Ende 2009 zieht Lubitz in die Nähe des Flugplatzes in einen Rotklinkerbau

Ende 2009 zieht Lubitz in die Nähe des Flugplatzes in einen Rotklinkerbau. "Die schönste Wohnung Bremens" schwärmt er.


Die Lufthansa schickt ihn in die Wüste nach Arizona, wo er vier Monate lang im Training Center ausgebildet wird. Ende 2013 besteht er die Piloten-Prüfung. Seine Fluglizenz wird alljährlich verlängert. Immer mit Sondergenehmigung. Im Sommer 2014 wird Andreas Lubitz Co-Pilot bei Germanwings. Er ist jetzt 26 Jahre alt, zieht von zu Hause aus, lebt mit einer Freundin Kathrin in der Eigentumswohnung der Eltern in Düsseldorf.

Die Depression kehrt wieder zurück

Im Dezember 2014 fragt er bei der Lufthansa an, ob der Vermerk über die Sondergenehmigung aus seiner Lizenz gestrichen werden könnte. Die Lufthansa-Ärzte verweisen ihn ans Luftfahrtbundesamt. Vermutlich bricht zu dieser Zeit seine Depression wieder aus und bringt Andreas Lubitz in eine schwierige Lage. Wenn die Lufthansa davon erfährt, ist Andreas Lubitz seine Lizenz los. Er müsste seinen Beruf aufgeben, hätte hohe Schulden. 60.000 Euro hat er für seine Ausbildung bei Lufthansa gezahlt. Er hat einen Kredit über 41.000 Euro aufgenommen. Es gibt für junge Piloten eine Versicherung, die ihnen die Ausbildungskosten erstattet, wenn sie innerhalb der ersten fünf Jahre fluguntauglich werden. Doch Lubitz kann diese Versicherung offenbar nicht abschließen, weil die Depression in seiner Lizenz vermerkt ist.

Vermutlich schreibt er deshalb am 27. Januar 2015 eine Mail an seinen Psychiater. "Es hat mich sehr gefreut, Sie letztes Jahr am Flugplatz in Montabaur zu sehen. Passend zum Thema habe ich folgendes Anliegen. Ich versuche gerade eine Flugdienstuntauglichkeitsversicherung abzuschließen, die fünf Jahre nach Behandlungsende der Therapie wieder beantragt werden konnte. ... Mein Makler meinte dass es durchaus helfen könnte, wenn mein früherer Therapeut (also Sie) mir nochmal bescheinigen könnten, dass ich gesund bin. Wäre dies möglich?" Der Psychiater antwortet am gleichen Abend: "Ich habe mich ebenfalls gefreut, Sie wiederzusehen. Gerne stelle ich Ihnen eine entsprechende Bescheinigung aus."

Lubitz ist ausgebrannt, kann nicht schlafen

Wenig später, im Februar 2015, geht Andreas Lubitz in Düsseldorf zu einem Arzt. Er sei regelrecht "ausgebrannt", klagt er. 2014 sei ein stressiges Jahr gewesen. Er sei Co-Pilot geworden und von zu Hause ausgezogen. Er könne nicht schlafen, grelles Licht mache ihn nervös. Außerdem leide er unter Sehstörungen. Der Arzt denkt, so wird er es später bei der Kripo zu Protokoll geben: "Oh Mann, kein Bock, dass der eine Kiste fliegt".

Die Mutter von Andreas Lubitz macht sich Sorgen. Sie schreibt eine Mail an seinen Psychiater: "Mittlerweile ist der Leidensdrucks so groß, dass er keine Nacht schläft, trotz Schlafmittel, und ist auch nicht von seiner Theorie abzubringen zu erblinden ... Bitte melden Sie sich doch mal, ich möchte gerne einen Rat von Ihnen in welche Richtung die Therapie gehen soll ..."

Der Arzt weiß, das Lubitz Pilot ist

Von Januar bis März geht Andreas Lubitz mehrmals zum Psychiater. Manchmal begleitet seine Mutter ihn. Der Arzt weiß, dass Lubitz Pilot ist. Er weiß auch, dass er während seiner ersten Depression Suizid begehen wollte. Trotzdem verschreibt er ihm Mirtazapin, jenes Medikament, das im Ruf steht, das Suizidrisiko zu erhöhen. Und er ist nicht der Einzige. Ein Düsseldorfer Neurologe attestiert Lubitz eine "Hypochondrische Störung".  Hypochonder sind Menschen, die in ständiger Angst leben, schwer krank zu sein. Als der Arzt Lubitz nach seinem Beruf fragt, weigert er sich zu antworten. "Patient habe seinen Beruf nicht nennen wollen", steht in der Akte, die die Staatsanwaltschaft Düsseldorf später sicherstellen wird. Ob er Suizidabsichten habe, will der Arzt wissen. Lubitz verneint. Obwohl er nicht weiß, welchen Beruf Andreas Lubitz ausübt, verschreibt der Neurologe ihm ein weiteres Antidepressivum. Auch dieses Medikament steht im Ruf, das Suizidrisiko zu erhöhen.

Andreas Lubitz geht es immer schlechter. Am 10. März 2015 überweist ihn ein Arzt in eine psychiatrische Klinik. Der Arzt befürchtet eine drohende Psychose. Mit anderen Worten: Er glaubt, dass Lubitz kurz davor steht, verrückt zu werden. Doch Lubitz geht nicht in die Klinik. Stattdessen informiert er sich über Möglichkeiten Suizid zu begehen, googelt "Diazepam USA rezeptfrei", "welches Gift tötet schmerzlos", "blind durch Stress und Licht", "Tod durch Benzin", "Methode von Kusch", und "Selbstmord durch Antidepressiva".

Lubitz steigert sich in einen Wahn

Am 23. März – einen Tag vor dem Absturz – soll Andreas Lubitz frühmorgens mit einem Kollegen eine leere Maschine von Düsseldorf nach Berlin-Tegel fliegen. Die Piloten lassen die Tür während des Fluges offen. Vor 9/11 sei es ja normal gewesen, die Cockpittür offen stehen  zu lassen, sagt der Pilot zu Lubitz. Die Passagiere wären oft vorbeigekommen, um hallo zu sagen. Heute sei das undenkbar, fügt der Pilot hinzu. Lubitz sagt nichts. Übernimmt wenig später den komplizierten Landeanflug. Und macht das, wie der Pilot später bei der Kripo zu Protokoll geben wird, "sehr gut". Nur Stunden später unterschreibt Lubitz offenbar den Vordruck für eine Patientenverfügung. Jedenfalls  steht das Datum 23. März 2015 auf dem Formular, dass die Kripo später in einem seiner Aktenordner sicherstellt. Mit der Hand schreibt Lubitz unter das Dokument noch, wann die Verfügung umgesetzt werden solle: Wenn er "durch Blind- und Taubheit nicht mehr am Leben teilhaben" könne.

Am 24. März trifft der Pilot Stefan H. seine Kollegen Andreas Lubitz und Patrick Sondenheimer frühmorgens noch im Crew-Raum beim Briefing.  Die beiden sollen von Düsseldorf nach Barcelona und wieder zurück fliegen. Stefan H. und Sondenheimer sind befreundet. Sie plaudern ein bisschen. Lubitz steht daneben, sagt nichts, nickt nur ab und zu und lacht über die Scherze der Beiden. Er wirkt völlig normal. So wie die Kollegen ihn kennen, höflich, eher zurückhaltend.

Schon auf dem Hinflug von Düsseldorf nach Barcelona senkt Lubitz die Einstellung für die Flughöhe auf 100 Fuß (30 Meter), als er kurz alleine im Cockpit ist. So jedenfalls wird es die Flugunfallbehörde BEA später ermitteln. Wäre die Maschine über die Schweiz geflogen, wäre die Manipulation sofort aufgefallen, weil die Schweizer über ein elektronisches Kontrollsystem verfügen, dass solche Abweichungen sofort an Tower weitermeldet. Doch die Maschine fliegt über Frankreich, wo ein solches Frühwarnsystem im März 2015 noch nicht eingesetzt wird. Lubitz korrigiert die Flughöhe wieder. Wenig später landet der Flieger in Spanien.

Der Todesflug nimmt seinen Lauf

In Barcelona checken die neuen Passagiere ein. 150 Menschen sind an Bord. Sechs Crewmitglieder, 144 Passagiere. 46 Frauen, 80 Männer, 16 Teenager und zwei Säuglinge. Jule Noack ist unter den Passagieren. Die 30-Jährige Künstlerin aus Leipzig ist im dritten Monat schwanger, freut sich auf ihr Kind. Sie bekommt einen Fensterplatz in der ersten Reihe. In der zweiten Reihe, hinter ihr, sitzt Sören W. Der Immobilienunternehmer ist erst im Sommer 2014 mit seiner Frau  und den beiden Kindern (9 und 13 Jahre alt) von Berlin nach Barcelona gezogen. Er steht wenige Tage vor seinem 45sten Geburtstag. Der Opernsänger Oleg Bryjak sitzt in Reihe 10. Er hat mit seiner Kollegin Maria Radner im Gran Theatre del Liceu gesungen. Der 54-Jährige kommt von ganz unten. Sein Vater war ein geächteter Ukrainer. Er selbst ist in einem Straflager geboren worden. Inzwischen hat er an renommierten Opernhäusern in aller Welt gesungen. Im Sommer soll er in Bayreuth singen. Bryjak ist Vater zweier Kinder.

Bergungsarbeiten in den Alpen: Ein Flugzeug, direkt in den Berg gesteuert

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Auf Platz 11 C sitzt Sven F. Er ist 33 Jahre alt. Zu Hause warten Frau und Tochter Maya, die erst fünf Monate alt ist. In Reihe 19 hat es sich die Maria Radner mit ihrem zweijährigen Sohn Felix und ihrem Lebensgefährten Sascha bequem gemacht. Sascha S. (38) war ein paar Tage vorher mit dem kleinen Felix nach Barcelona geflogen, um Maria abzuholen. Die Opernsängerin hat am gestrigen Montag noch einen Pressetermin gehabt. Sonst wäre sie mit Mann und Kind schon früher nach Hause geflogen. Wie ihr Kollege Bryjak soll Maria Radner im Sommer in Bayreuth singen. Ihr Lebenstraum.

Die Reihe 23 ist für Sebastian Stahl und seine beiden Freunde reserviert. Nach dem Absturz wird die Boulevardpresse schreiben: "Großes Glück für die Familie von Michael Schumacher: Stiefbruder Sebastian Stahl stand auf der Passagierliste des abgestürzten Germanwings-Fluges, lebt aber." Doch Schumis Bruder stand nie auf der Passagierliste. Sein Namensvetter, der in der Maschine sitzt, ist 26, Student und stammt aus dem Westerwald. Mit seinen Freunden Christopher H., 28, und Larissa S., 20, kehrt er von einem sechstägigen Kurzurlaub aus Spanien zurück. Neben den drei Freunden haben Stefan und Barbara M. Platz genommen. Das Ehepaar reist ohne seine beiden Söhne, die zu Hause bei der Großmutter warten.

Die Schülergruppe aus Haltern sitzt hinten im Flieger

Die hinteren Sitzplätze, ab Reihe 26, sind für die Schülergruppe aus Haltern reserviert. Die Jungen und Mädchen, alle 15 oder 16 Jahre alt, wollen nach Hause. Sie kommen von einem Schüleraustausch. Die Lehrerinnen Sonja C. und Stefanie T. sitzen vorn. Hinter ihnen 14 Mädchen und zwei Jungen des Spanisch-Leistungskurses,  darunter Elena Bless, die am nächsten Tag 16 Jahre alt geworden wäre. Und Aline Venhoff (16) und Helena Siebe (16). Sie sind Cousinen und beste Freundinnen.

Um 10 Uhr startet die Maschine in Barcelona. Als sie ihre Reiseflughöhe von rund 11.000 Metern erreicht hat, verlässt Pilot Patrick Sondenheimer das Cockpit. Er will zur Toilette. Patrick Sondenheimer hat zwei kleine Kinder. Lubitz ist allein im Cockpit. Der Flieger geht in den Sinkflug. Auf die Kontaktversuche des Towers reagiert er nicht. Nur sein leises Atmen ist zu hören. Um 10.41 Uhr zerschellt die Maschine an einem Berg in Südfrankreich. Es gibt keine Überlebenden. Nach den Ermittlungen der französischen Staatsanwaltschaft hat Andreas Lubitz die Maschine absichtlich gegen den Berg gesteuert.  

Die Kripo stellt in seiner Wohnung eine zerrissene Krankmeldung für den 24. März sicher. Inzwischen liegt auch das toxikologische Gutachten vor. Es weist Schlafmittel und das  Antidepressiva Mirtazapin im Leichnam von Andreas Lubitz nach. Gegen den Psychiater, der ihm das Medikament verschrieben hat, obwohl er wusste, dass er Pilot war, ermittelt die Staatsanwaltschaft Düsseldorf nicht.

Der Abschlusbericht der Behörde

Vor wenigen Tagen hat die französische Flugunfallbehörde ihren Abschlussbericht vorgestellt. Danach dürften depressive Piloten, die Psychopharmaka nehmen, unter Umständen auch in Zukunft fliegen. In dem Bericht heißt es: "Die EASA (europäische Agentur für Flugsicherheit) sollte Modalitäten definieren, unter denen die europäischen Vorschriften es den Piloten erlauben würden als flugmedizinisch tauglich erklärt zu werden, auch wenn sie Antidepressiva unter ärztlicher Aufsicht einnehmen".


Die Angehörigen der Opfer haben inzwischen mehrere Stiftungen gegründet:

Es gibt den Förderverein zur Gründung einer Jule Jule-Noack-Stiftung zur Künstlerförderung. Mehr Infos http://julianenoack.de/

Die Elena Bleß-Stiftung zur Förderung von Auslandsberufspraktika. Mehr Infos unter http://www.elena-bless-stiftung.de/

Mehr über die Sebastian Stahl Stiftung für bürgerschaftliches Engagement unter http://www.rhein-zeitung.de/region_artikel,-Germanwings-Opfer-Sebastian-Stahl-Stiftung-will-junge-Menschen-foerdern-_arid,1411648.html

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