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Einstürzende Neubauten

Der Berliner Hauptbahnhof ist ein nagelneues Gebäude, dennoch riss der erste schwere Sturm des Jahres einen tonnenschweren Stahlträger aus der Glasfassade. Wie durch ein Wunder gab es keine Verletzten. Am Mittag soll der Bahnhof wieder geöffnet werden.

Mitten im Sturmgetöse von Orkan "Kyrill" plötzlich ein scharfer Knall: Aus 40 Metern Höhe stürzt ein zwei Tonnen schwerer Stahlträger aus der Glasfassade des neuen Hauptbahnhofs in Berlin ab und kracht auf eine Treppe im Eingangsbereich. Menschen kommen nicht zu Schaden, nur ein paar Fahrräder liegen zerschmettert unter den Trümmern.

Glasdach war Streitobjekt

Wahrscheinlich war es eine glückliche Fügung, dass durch den Sturm der Zugverkehr bereits eingestellt war. Es hielten sich weit weniger Menschen als üblich in dem Glaspalast der Bahn auf. Es grenzte schon an ein kleines Wunder, dass niemand verletzt wurde. Auf dem Washington-Platz, nur einen Steinwurf vom Bundeskanzleramt entfernt, standen etwa 200 gestrandete Bahn-Reisende und konnten es nicht fassen.

Interaktive Infografik zum Berliner Hauptbahnhof

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Die zahlreichen herbeigeeilten Feuerwehrleute konnten sich nur äußerst vorsichtig und unter Gefahr heranwagen: Ein zweiter Träger drohte ebenfalls herauszubrechen und schwebte wie ein Damoklesschwert in luftiger Höhe. Eine Seitenfassade der vielfach als "architektonische Meisterleistung" gelobten Bügelbauten drohte einzustürzen.

Ensetzen bei den Beobachtern

Der erst vor acht Monaten feierlich eingeweihte Hauptbahnhof wurde vollständig evakuiert und weiträumig abgesperrt. Durch den Sturm war auch die Feuerwehr hilflos und musste später unverrichteter Dinge wieder abziehen. Jetzt müssen die Statiker entscheiden, wie es mit dem Betrieb in dem bis zu 700 Millionen Euro teuren Prachtbau überhaupt weitergeht.

Eine 22-jährige Touristin aus den USA war den Tränen nahe. "Ich kann es nicht fassen, ich wollte gerade nach München fahren und dort um drei Uhr morgens meinen Flieger in die Staaten nehmen", berichtete sie schockiert.

Entsetzen löste bei allen Beobachtern vor allem die Tatsache aus, dass schon der erste schwere Sturm so leicht die massigen Träger aus der Fassade des Prestigeobjektes brechen konnte. Viel hat nicht gefehlt und das viel diskutierte Glasdach des Bahnhofs wäre durchschlagen worden. "Es ist mir völlig unklar, wie sich wenige Monate nach der Eröffnung des Bahnhofs bereits ein solches Bauteil aus der Fassade lösen kann", meinte Jens-Peter Wilke von der Berliner Feuerwehr kopfschüttelnd am Einsatzort.

Am Mittag kündigte Bahn-Chef Hartmut Mehdorn an, dass der Hauptbahnhof wieder geöffnet werden solle. Die Schadensursache werde noch geklärt, sagte er weiter.

Aliki Nassoufis und Andreas Rabenstein/DPA/DPA

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