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71 Leben - Rekonstruktion einer Flüchtlings-Tragödie

Am 27 . August 2015 steht ein verlassener Lkw in einer Parkbucht an der Autobahn vor Wien. In seinem Laderaum: die Leichen von 71 Flüchtlingen. Ihr Tod wird zum Symbol der gescheiterten Flüchtlingspolitik und der skrupellosen Schleuser-Kriminalität. Die Toten aber sind bald vergessen. Wer waren diese Menschen?

Von Felix Hutt

Im Lkw starben 71 Menschen: 29 Iraker, 21 Afghanen, 15 Syrer, 5 Iraner und ein Mann, der nicht identifiziert werden konnte. 59 Männer, 8 Frauen, 4 Kinder. Drei Familien. Das jüngste Kind war 11 Monate alt. Das Ziel ihrer Fahrt: Deutschland.

Im Lkw starben 71 Menschen: 29 Iraker, 21 Afghanen, 15 Syrer, 5 Iraner und ein Mann, der nicht identifiziert werden konnte. 59 Männer, 8 Frauen, 4 Kinder. Drei Familien. Das jüngste Kind war 11 Monate alt. Das Ziel ihrer Fahrt: Deutschland.

Als sich die beiden Polizisten der Autobahninspektion Potzneusiedl im Burgenland am 27. August 2015 gegen 11 Uhr dem Lastwagen nähern, blickt sie von der rechten Hintertür ein Huhn auf einem Werbefoto an. "Ich schmecke so gut, weil ich so gut gefüttert werde", steht über dessen Kopf. Durch die Ritzen des tropft eine rötliche Flüssigkeit auf den Asphalt. Vom Lkw kommt ihnen Gestank entgegen. Bittet man Beteiligte, die später bei der Bergung helfen, diesen Geruch zu beschreiben, schütteln sie den Kopf und winken ab. Unmöglich, sagen sie, so etwas haben sie noch nie gerochen.

Der Kühllaster, Typ Volvo FL 180, mit dem ungarischen Kennzeichen Z-12198, fuhr jahrelang Masthühner durch die Slowakei, bevor ihn die Firma Hyza ausrangierte und nach Ungarn verkaufte. Er steht bereits seit über einem Tag in der Parkbucht an der A 4 Richtung Wien, kurz vor der Ausfahrt Parndorf. Auf der Balkanroute, wie die Autobahn genannt wird, weil sie von Wien nach Ungarn und Serbien führt, kommt es häufiger vor, dass alte Fahrzeuge abgestellt werden. Aber es gibt Wichtigeres zu tun. Es sind über 30 Grad, Rekordsommer, Ferienzeit. Der Neusiedler See ist nicht weit, und im Outlet-Center nebenan startet das beliebte Late-Night-Shopping, die Furla-Damentasche für 70 statt 353 Euro.

Doch dieser Lastwagen lässt sich nicht länger ignorieren. Ein Mitarbeiter der Autobahnmeisterei, der in der Nähe Rasen mäht, hat wegen des Gestanks die gerufen.

Der Gestank? Die Beteiligten winken ab.

Der lässt sich nicht beschreiben.

Die Beamten öffnen den Laderaum. Treten zurück. Sie sehen verwesende Körper, ineinander versunken, aneinandergelehnt, als stünden sie in einer überfüllten U-Bahn und wären eingeschlafen. Ihre Füße stecken bis zu den Knöcheln in einem Gemisch aus Kot, Urin und Leichenflüssigkeit. Die Polizisten rufen in den Laderaum. Niemand antwortet. Sie benachrichtigen den Notarzt und die Dienststelle. Sie machen ein Foto, das den Kollegen die Lage beschreiben soll und am nächsten Tag in der "Kronen-Zeitung" erscheint. Sie schließen die Tür. Es ist zu viel. Um 11.25 Uhr schicken sie über das Polizeisystem "SMS Pro" eine Nachricht: "Lkw mit ca. 20 Toten auf A4 aufgefunden".

Es sind 71 Tote. 21 Afghanen, 29 Iraker, 15 Syrer, 5 Iraner und ein Mann, der nicht identifiziert werden kann. 59 Männer, 8 Frauen, 4 Kinder. Die Jüngste, Lida aus Kundus, Afghanistan, ist elf Monate alt. Verfolgte, Verzweifelte, Sunniten, Schiiten, Christen, Lehrer, Rechtsanwälte, Händler, Polizisten, Teenager, drei Familien, FC-Barcelona-Fans, Facebook-Poser, ein Kaleidoskop der Menschheit. 71 Tote, die uns nicht den Gefallen getan haben, weit weg im Meer zu ertrinken. 71 Leben, die sich in einem viel zu engen Laderaum von Schleppern durch Ungarn und Österreich fahren lassen wollten, weil am Ende ihrer Odyssee Deutschland leuchtete, das gelobte Land. 71 Leichen, die uns der Illusion beraubt haben, mit den Kriegen und Problemen der anderen nichts zu tun haben zu können. Wenige Tage später beginnen an der österreichisch-ungarischen Grenze bei Nickelsdorf, 25 Kilometer von der Parkbucht bei Parndorf, über die Autobahn von Ungarn nach Österreich zu laufen. "Wir schaffen das", sagt Angela Merkel und öffnet die Tore.

Farah Alshaikh blickt auf das Foto ihrer Familie. Sie hat ihre Eltern, ihren Bruder und ihre Schwester verloren. Anfangs konnte sie das Foto nicht ansehen. Heute steht es im Wohnzimmerschrank.

Farah Alshaikh blickt auf das Foto ihrer Familie. Sie hat ihre Eltern, ihren Bruder und ihre Schwester verloren. Anfangs konnte sie das Foto nicht ansehen. Heute steht es im Wohnzimmerschrank.

Es haben so viele verloren in dieser Geschichte. Nahed Asker, 31, hat ihren Mann verloren. Farah Alshaikh, 31, ihre Familie. Zwei Geschichten von vielen, die sich im Kühllaster auf der A 4 verbinden. Asker ist nach der Tragödie ihrem toten Mann mit den Kindern aus Syrien hinterhergereist, sie warten nun in einem Flüchtlingsheim in Österreich auf Asyl. Alshaikh lebt seit Langem in Deutschland. Sie hatte ihre Familie in Syrien ermutigt zu fliehen, ebenfalls nach Deutschland zu kommen. Nun sind alle tot.

Die Frauen kannten sich vor der Katastrophe nicht, obwohl beide aus Deir az-Zur im Osten kommen. Durch die Stadt fließt der Euphrat, dort blüht Jasmin, sprudelt Erdöl, wachsen Granatäpfel und Baumwolle. Seit fünf Jahren herrscht Krieg. Asker und Alshaikh haben sich bis heute nicht getroffen. Sie schreiben Whatsapp-Nachrichten, telefonieren. Seit dem 27. August 2015 teilen sie ihr Schicksal, aber nicht ihre Trauer. Die lässt sich nicht teilen.

"Sie haben meine Familie wie Hühner behandelt" , sagt Alshaikh. "Meine Seele ist kaputt", sagt Asker.

Asker lebt mit ihrem Sohn Zaid, 11, und ihrer Tochter Tala, 5, in einem kleinen Zimmer in einem Flüchtlingsheim in der Wiener Neustadt. Sie hat drei Matratzen so nebeneinandergelegt, dass sie ein großes Bett bilden. Sie schlafen zusammen ein, wachen zusammen auf. Asker schaut gern Musikvideos von Beyoncé, postet viel bei Facebook, trägt Leggings, Lippenstift und Mascara. Sie kocht mit den anderen Syrern. Sie weiß, welche Medikamente ihre Kinder brauchen, wenn sie krank sind, weil sie in Syrien in einer Apotheke gearbeitet hat. In Österreich darf sie nicht arbeiten. Sie spricht kein Deutsch, hat einen Antrag auf Asyl gestellt, für die Familie, die ihr geblieben ist. "Als wir uns das letzte Mal sahen, sagte mir mein Mann: Egal, was mit mir passiert, pass immer auf die Kinder auf. Diesen Wunsch werde ich ihm erfüllen", sagt Asker.

Alshaikh wohnt mit ihrem Mann Fateh Alhamad, 41, und ihrem Sohn Omar, 1, in einer geräumigen Wohnung in Norddeutschland. Sie sprechen fast akzentfrei Deutsch, haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie ist Gynäkologin und gerade in der Elternzeit. Er arbeitet als Internist im Krankenhaus. Während des Ramadan essen und trinken sie erst nach Einbruch der Dunkelheit. Alshaikh trägt Kopftuch, nicht weil sie muss, sondern weil sie es will. Omar hat braune Haare und Augen, lernt gerade zu laufen und landet dabei meist auf dem Hintern. Dann lächelt seine Mutter manchmal. Sie spaziert mit ihm oft zu einem kleinen Spielplatz am Ende der Straße, kauft Lebensmittel ein, ansonsten bleibt sie zu Hause. Die Nachbarn wissen nichts von ihrer Geschichte.

Zweimal ging sie im November 2014 zur Ausländerbehörde in Saarbrücken. Sie wohnten damals im Saarland, arbeiteten im Krankenhaus, besaßen ein Auto und ein Haus in einem Vorort von Saarbrücken. Es hatte einen Garten und mehr Zimmer, als sie benötigten. Sie fragte die Frau von der Ausländerbehörde nach dem Antrag auf Familiennachzug, den sie vor einem halben Jahr gestellt hatte. Sie wollte ihre Mutter Fadila, 53, ihren Vater Abdel, 57, ihren Bruder Almuthanna, 23, und ihre Schwester Hend, 17, nach Deutschland holen, weil in Deir az-Zur kein Alltag mehr möglich war. IS gegen Regierungstruppen, die Lage war unübersichtlich.

Ihr Bruder Almuthanna studierte Jura und wurde vom IS verhaftet, weil er geraucht hatte. Ihre Schwester Hend durfte nicht mehr in die Schule, kurz vor dem Abitur. Die Geschäfte ihres Vaters Abdel, der mit Autoteilen handelte, wurden geplündert, die Häuser der Familie zerstört. Farah Alshaikh telefonierte täglich mit ihrer Mutter Fadila. Sie spürte, dass die Mutter Angst hatte, auch wenn sie das nicht aussprach.

Zu der Zeit war Alshaikh im achten Monat schwanger. Sie wollte ihre Familie auf eigene Kosten nachholen. Aber die Frau von der Ausländerbehörde sagte: "In der Elternzeit bekommen Sie nur 60 Prozent Ihres Gehalts. Das reicht nicht, um Ihr Kind und Ihre Familie zu versorgen." – "Das bekommen wir hin. In unserem Haus ist genug Platz. Wir wollen kein Geld, wirklich nicht", sagte Alshaikh. Die Beamtin fragte ihren Chef. Der Antrag wurde abgelehnt. Eine Woche später ging sie noch einmal zur Behörde. Sie bat, wenigstens ihre Schwester zu sich holen zu dürfen. Sie hatte Asthma. Abgelehnt.

"Mein Vater wollte nicht fliehen. Er hatte Angst um die Familie, Furcht vor den Schleppern. Er wollte Syrien nur verlassen, wenn sie irgendwo legal einreisen konnten", sagt Alshaikh. Sie bot ihm die Zimmer in ihrem Haus an. Falls es nicht mehr auszuhalten sei, sollen sie kommen, egal, wie. "Ich habe Druck gemacht. Vielleicht habe ich ihnen zu viel Druck gemacht."

"Wir können nicht mehr", sagt der Vater in Syrien.

Die Flucht beginnt.

"Wir können nicht mehr", sagt ihr Vater, als er Anfang Juli 2015 anruft. Er macht sich mit 20 000 Dollar und der Familie auf den Weg. Sie fahren in ihrem Toyota von Raqqa an die syrisch-türkische Grenze. Stellen das Auto ab, bezahlen einen Schleuser, der sie durch einen Wald führt. Sie kommen nach Urfa in der Türkei. Dort wohnt eine weitere Schwester Alshaikhs. Sie bleiben ein paar Tage. Abdel Alshaikh, der Vater, hört sich bei Bekannten um. Er sucht einen Schleuser. Ihm wird ein Mann namens Abules empfohlen. Ein Syrer, der von Urfa aus Schleusungen organisiert. Er kassiert Provisionen von den Schleppern und den Flüchtlingen. Abules erklärt Abdel Alshaikh Route und Preise.

Am 17. August 2015 wartet die Familie in einem Hotel in Izmir. Von der türkischen Westküste aus wollen sie über Samos, Athen und Mazedonien nach Belgrad. Dort sollen sie einen Mann namens Afghani treffen, der die Fahrt durch Ungarn und Österreich nach Deutschland organisiert. Die Alshaikhs sind nicht allein, ihre Gruppe besteht aus zwölf Personen. Zu ihr gehören Alshaikhs Onkel Youssef, 39, ein Bruder ihres Vaters – und Hasan Al-Damen, 36, der Mann von Nahed Asker.

Er hat Asker und die Kinder in Damaskus zurückgelassen. Man wollte ihn zum Militär einziehen. Er sollte für Assad kämpfen, den er verachtet. Als Lehrer kann er kein Geld mehr verdienen. Er will nach Deutschland und seine Familie später nachholen.

"Gebt uns euer Gepäck. Das passt nicht auf das Schlauchboot", sagen die Schlepper in Izmir. Alshaikhs Schwester Hend ist entsetzt. Ihr bleiben nur ihr Handy, die Hose und das T-Shirt, das sie trägt. Auf einem Foto, das sie ihrer Schwester in Deutschland per Whatsapp schickt, weht der Wind in ihre schwarzen lockigen Haare. Sie steht am Wasser und versucht fröhlich auszusehen. Es gelingt ihr nicht. Die 17-Jährige ist ein Mädchen aus der Stadt, das romantische arabische Popmusik auf dem Smartphone hört und Medizin studieren will. Sie hat Angst vor dem Meer. Sie trägt einen silbernen Hochzeitsring ihrer Mutter an der rechten Hand. Er soll sie beschützen.

Die Schlepper kassieren 1200 Euro pro Person für die Überfahrt nach Samos. Zwei Anläufe scheitern. Beim ersten Mal erwischt sie die türkische Küstenpolizei, die sie am Strand wieder aussteigen lässt und das Boot versenkt. Beim zweiten Mal fährt die Polizei Patrouille, als sie ablegen wollen.

Erst beim dritten Mal legen sie gegen Mitternacht ab. Am frühen Morgen des 19. August wird das Boot einen Kilometer vor Samos von der griechischen Küstenpolizei aufgebracht. Mutter Fadila ist froh. Sie musste sich die ganze Nacht übergeben. Als sie die EU betreten, geht die Sonne auf.

Nahed Asker mit ihrer Tochter Tala und ihrem Sohn Zaid im Flüchtlingsheim in der Wiener Neustadt. Das Foto oben entstand in Damaskus, kurz bevor sich ihr Mann Hasan Al-Damen auf die Flucht begab.

Nahed Asker mit ihrer Tochter Tala und ihrem Sohn Zaid im Flüchtlingsheim in der Wiener Neustadt. Das Foto oben entstand in Damaskus, kurz bevor sich ihr Mann Hasan Al-Damen auf die Flucht begab.

Im Hafen von Samos erhalten sie provisorische Reisedokumente, mit denen sie sich Tickets für die Fähre nach Athen kaufen können. In Samos schlafen sie eine Nacht auf dem Boden, haben wenig zu essen. Am nächsten Tag nehmen sie die Fähre nach Athen. Von dort aus rufen sie Farah Alshaikh in Deutschland an. Ihr Vater Abdel klingt müde, aber er sagt: "Wir sind okay. Wir machen weiter." Ihre Schwester Hend weint. "Ich bin fertig, ich kann nicht mehr." Ihre Mutter Fadila würde am liebsten zurück nach Syrien.

In Athen ruhen sie sich aus, gehen arabisch essen. Einige aus der Gruppe würden gern etwas länger bleiben. Aber Hasan Al-Damen, der Mann von Nahed Asker, drängt darauf, weiterzureisen. Er glaubt, dass die Grenzen bald geschlossen werden. Nach einem Tag in Athen fahren sie mit dem Bus an die mazedonische Grenze. Dort teilen sie sich auf, versuchen an verschiedenen Stellen über den Zaun zu kommen. Die Grenzbeamten schlagen mit Stöcken nach den Flüchtlingen und sprühen ihnen Tränengas ins Gesicht. Sie erwischen Alshaikhs Bruder Almuthanna. Er kann entkommen, erleidet nur Prellungen. Mütter werden von Kindern getrennt, viele schreien, weinen.

Die Gruppe findet nach einer Stunde auf mazedonischer Seite wieder zusammen. Es regnet, es ist kalt, sie frieren, ihre Kleider sind durchnässt. Mit dem Bus fahren sie vier Stunden durch Mazedonien Richtung Serbien. Sie schauen aus dem Fenster. Europa haben sie sich anders vorgestellt.

In Belgrad treffen sie den Schlepper Afghani. Ein Afghane, der schon länger in Europa lebt. Er ist dünn, hat schwarze Haare, trägt T-Shirt, Jogginghose und eine Umhängetasche. "Vertraut mir! Ich kümmere mich darum, dass ihr direkt nach Deutschland gefahren werdet, ohne dass ihr in Ungarn oder Österreich registriert werdet, eure Fingerabdrücke hinterlassen müsst" , sagt er zu Al-Damen und Abdel Alshaikh, die die Verhandlungen führen. Er verlangt 1600 Euro pro Person für den Transport. Ein üblicher Preis für die Route in diesem Sommer. Die Männer willigen ein. Sie hatten bei Abules in Urfa einen Teil ihres Geldes hinterlegt. Er soll die Gebühr erst dann an die Schlepper überweisen, wenn sie gut in Deutschland angekommen sind. Sie hoffen, sich so absichern zu können, nicht betrogen zu werden.

Es ist Montag, der 24. August 2015, als die Alshaikhs am Nachmittag aus einem Hotel nahe Belgrad bei Farah Alshaikh anrufen. Die Laune ist gut. Ihr Bruder Almuthanna hat aus Syrien per E-Mail Bescheid bekommen, dass er die Anwaltsprüfung bestanden hat. "Sei vorsichtig, was du in Zukunft zu mir sagst, ich bin jetzt Rechtsanwalt", sagt er seiner Schwester. "Wir haben uns ein wenig ausgeruht und neue Kleidung gekauft", erzählt ihre Mutter Fadila. "Ich habe ein gutes Gefühl mit dem Schlepper, er scheint das nicht zum ersten Mal zu machen" , sagt ihr Vater Abdel. Ihrer Schwester verspricht Alshaikh, dass sie nach ihrer Ankunft bald in den Zoo gehen werden, in die Wilhelma in Stuttgart, weil sich Hend das schon lange wünscht.

Es ist das letzte Gespräch mit ihrer Familie.

Am Abend findet sich die Gruppe um 18 Uhr im Park neben dem Busbahnhof im Zentrum Belgrads ein. Es wimmelt von Flüchtlingen und Schleppern. Belgrad ist in diesen Wochen Knotenpunkt der Flüchtlingsroute über den Balkan. Afghani spricht die ganze Zeit am Handy, in einer Sprache, die sie nicht verstehen. Sein Handy ist alt. Schlepper benutzen alte Handys und Prepaidkarten, um nicht geortet werden zu können. Flüchtlinge benutzen Smartphones, weil sie das Internet so dringend brauchen wie Wasser. Das Telefon ist ihr einziger Kontakt zu denen, die sie verlassen mussten.

"Wartet im Park, bis es dunkel wird. Es gibt viel Polizei, wir müssen vorsichtig sein", sagt Afghani. Die meisten versuchen zu schlafen. Um Mitternacht weckt sie Afghani. Sie folgen ihm durch die Nacht, an den Schienen der Straßenbahn entlang, über eine Brücke, die den Fluss Save überquert, zu einem Parkplatz. Vom Ufer dröhnen die Bässe der Diskotheken. Die Belgrader Jugend feiert.

"Du fährst mit deiner Mutter", sagt der Vater. Das kostet den Sohn das Leben

Afghani fordert sie auf, sich in drei Gruppen aufzuteilen. Jeweils vier Personen würden in einem Auto mitgenommen. Im ersten fährt ein Schlepper Mutter Fadila, Bruder Almuthanna und Al-Damen weg. Im zweiten sitzt Youssef Alshaikh, als Letztes verlassen Vater Abdel und Schwester Hend im dritten Wagen den Parkplatz. "Du fährst mit deiner Mutter, passt auf sie auf", sagt Abdel Alshaikh zu seinem Sohn Almuthanna, der bei seinem Onkel Youssef einsteigen wollte. Die Entscheidung kostet Almuthanna das Leben.

Drei Stunden dauert die Fahrt Richtung Norden, über die Autobahn E 75 durch flaches Land an die serbischungarische Grenze. Draußen fliegt die Dunkelheit vorbei, alles ist schwarz. Verschwunden das Gefühl für Zeit und Orientierung.

Die Schlepper setzen ihre Passagiere in einem Wald bei Domaszék auf der ungarischen Seite der Grenze ab. Nach dem ersten kommt etwas später der dritte Wagen an. "Wartet hier, wir kommen bald zurück", sagen die Schlepper. Die Alshaikhs stehen im Wald.

Nur Youssef Alshaikh fehlt, der Onkel. Das zweite Auto, in dem er saß, stoppte plötzlich, nach zwei Stunden Fahrt. Der Schlepper hatte einen Anruf erhalten, auf Serbisch in sein Telefon geschrien. Er warf die Flüchtlinge auf der Autobahn aus dem Wagen. "Waiting, waiting", rief er und fuhr weg. Youssef Alshaikh hatte keine SIM-Karte in Serbien gekauft, konnte niemanden anrufen.

Sie kommen im Morgengrauen zu einem Dorf, fahren mit dem Taxi zurück nach Belgrad. Er erwirbt eine SIM-Karte und ruft seinen Bruder an. Abdel Alshaikh erzählt, dass sie mit anderen Flüchtlingen zusammengeführt wurden und in einem Wald warten. "Wir haben Hunger und Durst, bring etwas zu essen und zu trinken mit", sagt er. "Fahrt nicht weiter", sagt Youssef Alshaikh, "irgendetwas stimmt nicht." Er kommt nicht nach. Das rettet ihm das Leben. Die Gruppe zerfällt.

Am 25. August 2015 schreibt ihr Vater Farah Alshaikh eine Nachricht: "Sitzen im Wald und warten, dass es weitergeht." Sie will antworten, aber auf einmal ist er weg. Sie sieht bei Whatsapp, dass er um 12 Uhr das letzte Mal online ist. Auch den Rest der Familie erreicht sie nicht mehr. Um 22 Uhr bekommt Nahed Asker in Damaskus die letzte Nachricht von ihrem Mann Hasan Al-Damen. "Ich bin im Wald. Die Schlepper sagen, dass wir wegen der Polizeikontrollen warten müssen. Ich habe Hunger und esse Äpfel von den Bäumen. Bitte küsse die Kinder von mir. Bald ist alles vorbei."

Eine Woche zuvor kauft ein Mann bei einem Gebrauchtwagenhändler in Kecskemét den Kühllaster. Er lässt den Lkw auf seinen Namen zu, gibt sich keine Mühe, seine Identität zu verschleiern. Die Geschäfte mit den Flüchtlingen laufen gut, täglich fahren Hunderte Schlepperfahrzeuge unkontrolliert Richtung Österreich. Der Mann gehört zu einer Schleusergruppe, die über 20 Schleppungen organisiert und durchgeführt hat. Sie besteht aus vier Bulgaren und dem Afghanen. Die fünf Männer sind alle am 27. August 2015 an der Tat beteiligt. Die Fuhre ist wertvoll, 71 mal 1600 Euro. Da kümmern sich die Bosse selbst drum.

Am Mittwoch, dem 26. August 2015, fahren die Schlepper den Kühllaster gegen vier Uhr morgens aus Kecskemét zum Wald an der Grenze. Kecskemét, eine alte, ungarische Universitätsstadt, liegt eine Stunde nördlich bei Domaszék. Der Himmel ist klar, es wird wieder ein schöner, heißer Tag in Südungarn, wo Tomaten, Paprika, Erdbeeren und Aprikosen wachsen. Im Wald verstecken sich seit mehr als einem Tag die 71 Flüchtlinge und warten auf die Weiterfahrt.

Die Familie Alshaikh aus Deir az-Zur, Syrien. Die Familie Rahm aus Kundus, Afghanistan. Vater Khuda, seine Frau, drei Kinder, darunter die kleine Lida, und ein Cousin. Rahm arbeitete in Afghanistan als Polizist. Die Taliban bedrohten ihn und seine Familie. Muhannad Ali und seine Frau Lefana aus Tall Abyad, Syrien, die vor drei Monaten geheiratet haben und in Deutschland eine Familie gründen wollen. Der Iraker Mahmoud Abidi, der gerade zum Offizier mit vier Sternen befördert wurde und mit seiner Frau Sine Gailani aus Bagdad floh. Sie will zu ihrem Bruder nach Deutschland, weil der als Ingenieur dort ein gutes Leben führt. Sie überredete nicht nur ihren Mann, sondern auch ihre Geschwister Ali und Seineb Gailani mitzukommen. Der Kurde Saeed Othman aus Sulaimaniyya im Nordirak. Er hofft, dass ihm ein Arzt in Deutschland helfen kann, weil er nur noch eine Niere hat und die ihm Schmerzen bereitet. Mohammed Baba aus Karkur, Irak, der keine Arbeit findet und sich eine Karriere als Fußballprofi zutraut.

Nichts deutet darauf hin, dass die Flüchtlinge zum Einsteigen gezwungen werden mussten.

Um fünf Uhr fährt der Lastwagen bei Domaszék auf die Autobahn M 5 Richtung Norden, wird von den Kameras des ungarischen Mautsystems erfasst. Ein Auto eskortiert den Lkw, fährt zehn Minuten vorneweg. Das Begleitfahrzeug soll die Schlepper im Laster warnen, falls es auf der Strecke Polizeikontrollen gibt, und die Fahrer einsammeln, wenn etwas schiefläuft.

Der Laderaum lässt sich nicht von innen öffnen. Sie haben keine Chance

Der Lkw passiert um 6.03 Uhr Kecskemét, zwei Stunden später Budapest und erreicht um 9.15 Uhr Nickelsdorf, die Grenze zu Österreich. Etwa 20 Minuten später stellen ihn die Schlepper in der Parkbucht bei Parndorf ab. Warum? Die Schleuser schweigen. Eine Polizeisperre gab es an diesem Tag auf der Strecke nicht. Die Gruppe muss irgendwie realisiert haben, dass ihre Fracht verloren ist.

Der Laderaum des 7,5-Tonners lässt sich nicht von innen öffnen. Das Kühlaggregat funktioniert nicht. Es hätte die Luft ohnehin nur umgeschichtet, aber keinen Sauerstoff zugeführt. Den Flüchtlingen blieb nur der Sauerstoff, der zu Fahrtbeginn im Laderaum war. Um festzustellen, wo sie gestorben sind, ob die ungarische oder die österreichische Justiz zuständig ist, wird nach dem Auffinden des Lkws ein Gutachten in Auftrag gegeben. Es berechnet das Volumen des Laderaums und teilt es durch die Anzahl der Personen. Etwa fünf Flüchtlinge standen auf einem Quadratmeter Ladefläche. Sie müssen noch vor acht Uhr in Ungarn erstickt sein. Man findet im Laderaum und an den Leichen keine Spuren eines Todeskampfs. Es ist davon auszugehen, dass sie vom Sauerstoffmangel in Ohnmacht gefallen und bewusstlos gestorben sind. Die Stellung der Leichen zeigt, dass Kinder in die Höhe gehalten wurden. Die Leichen eines Paares sehen aus, als umarmten sie sich.

Die Schleuser werden kurz nach dem Auffinden des Lkws in Kecskemét verhaftet. Sie sind dabei, ihre Flucht vorzubereiten, aber das Kennzeichen und die Aufzeichnungen der Autobahnkameras führen die Ermittler schnell zu ihnen. Sie sitzen in Kecskemét in U-Haft und äußern sich nicht. Im September soll Anklage erhoben werden, Anfang nächsten Jahres der Prozess beginnen.

Der Lkw wird von der Parkbucht in eine Halle nach Nickelsdorf gebracht, die sich kühlen lässt. Gerichtsmediziner tragen die Leichen aus dem Laderaum, fotografieren sie, ordnen ihnen Gegenstände zu, zum Beispiel Pässe, die in Brusttaschen stecken, Geld, das in Ärmel oder Gürtel eingenäht ist. Bei Hasan Al-Damen, dem Mann von Nahed Asker, findet man sein Lehrer-Diplom. Er hatte es auf Deutsch übersetzen lassen, um später Arbeit finden zu können.

Da die Polizisten vormittags den Laderaum geöffnet hatten, gelangte Luft hinein, die Verwesung der Leichen wurde beschleunigt. Bei ihrer Bergung sehen die Opfer aus wie dunkelhäutige Menschen. Auf Rucksäcken und Jacken kleben Leichenfetzen. Die meisten Handys sind in einem Zustand, als habe man sie in ein Säurebad geworfen. Sie sind nicht einmal mehr für Forensiker zu gebrauchen. Über die letzten Momente im Lastwagen ist auf diesem Weg nichts zu erfahren.

Die Gerichtsmediziner versehen die weißen Leichensäcke mit Nummern. Namenlos liegen die Toten da. Anders als bei einem Flugzeugabsturz gibt es keine Passagierliste, die abgearbeitet werden kann. Die Ermittler schalten eine Hotline für Angehörige. Sie brauchen die DNA von Verwandten, um die Toten identifizieren zu können. Bei einem Mann meldet sich niemand. Es dauert bis zum 10. Dezember 2015, bis die Identifizierung der anderen abgeschlossen ist.

Nahed Asker sieht am Nachmittag des 27. August 2015 im Fernsehen einen Bericht über den Lkw. Sie wohnt mit den Kindern bei ihrer Mutter in Damaskus. Asker sagt, dass sie sofort gespürt habe, dass ihr Mann tot ist. Als sie der Übersetzer der Landespolizeidirektion Burgenland, die die Identifizierung durchführt, ein paar Wochen später anruft, schreit sie nicht. Die Leiche ihres Mannes kann nicht nach Syrien überstellt werden. Er wird auf dem muslimischen Friedhof Inzersdorf in Wien bestattet. Asker will sich von ihrem Mann verabschieden. Sie macht sich mit den Kindern auf den Weg nach Wien. Die Flüchtlingsroute ist nun offen.

Farah Alshaikh hält Omar auf dem Arm, steht am Fenster ihres Hauses in Saarbrücken und schaut in den Garten, als der Anruf kommt. Man habe die Pässe gefunden. Sie lässt Omar fallen.

Seit Anfang des Jahres leben sie in Norddeutschland. Sie konnte die Fragen der Freunde in Saarbrücken nicht mehr hören, war des Beileids überdrüssig. Vor Kurzem hat sie ein Bild ihrer Familie in den Schrank über den Fernseher im Wohnzimmer gestellt. Die Alshaikhs sind auch auf dem Friedhof Inzersdorf begraben. Bei der Beerdigung am 7. Oktober 2015 besteht Farah Alshaikh darauf, das Gesicht ihrer Mutter zu sehen. Sie lässt den Sarg öffnen. Seitdem war sie nicht mehr auf dem Friedhof. Sie schafft es nicht.

Am Wochenende nach der Katastrophe von Parndorf kamen Tausende Flüchtlinge an deutschen Bahnhöfen an. Ihnen wurde applaudiert, Wasser und Kleidung gereicht. Die Kinder bekamen Teddys und Süßigkeiten. Viele verlassen in diesen Wochen die Turnhallen und Notunterkünfte. Sie fangen ein neues Leben an.

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