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Wie Jakob Augstein die Opfer von Köln brüskiert

"Ein paar grapschende Ausländer und schon reißt bei uns der Firnis der Zivilisation", kommentiert der Journalist Jakob Augstein in den sozialen Medien die Übergriffe in Köln - und stößt damit die Opfer vor den Kopf.

Ein Kommentar von Marc Drewello

  Blumen vor dem Kölner Hauptbahnhof. Wer die Übergriffe herunterspielt, erschwert den Opfern die Bewältigung des Erlebten.

Blumen vor dem Kölner Hauptbahnhof. Wer die Übergriffe herunterspielt, erschwert den Opfern die Bewältigung des Erlebten.

Ist es schlimm, wenn Frauen sexuell bedrängt, gedemütigt und beraubt werden? Die Antwort ist klar, sollte man meinen. Es ist bestürzend, muss gebrandmarkt und bestraft werden, und die Opfer verdienen Solidarität und Beistand.

In Köln ist in der Silvesternacht genau das passiert. Nach dem Stand von Freitagmorgen liegen der Polizei mehr als 120 Anzeigen wegen Diebstahl- und Raubstraftaten sowie sexuellen Übergriffen vor. Drei Viertel davon sollen Sexualstraftaten sein, teilweise in Kombination mit Eigentumsdelikten. Laut dem Einsatzbericht der Bundespolizei konnten nur "aufgrund der ständigen Präsenz der Einsatzkräfte und aufmerksamer Passanten im Bahnhof vollendete Vergewaltigungen verhindert werden". Dennoch gehen die Ermittler in zwei Fällen dem Verdacht einer Vergewaltigung nach.

Jede Verharmlosung geht zu Lasten der Opfer

Für den Journalisten Jakob Augstein war das jedoch scheinbar nicht mehr als ein bisschen Gegrapsche. Unter der Überschrift "Kurz was zu Köln" schreibt er auf seiner Facebookseite: "Ein paar grapschende Ausländer und schon reißt bei uns der Firnis der Zivilisation." Schon die Bezeichnung "grässlich" für die Exzesse vor dem Hauptbahnhof ist Augstein zu hart. "Das klang so, als seien dort Frauen verspeist, nicht beraubt und sexuell bedrängt worden", kritisiert er eine entsprechende Äußerung von Grünen-Chef Cem Özdemir.

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Posted by Jakob Augstein on Donnerstag, 7. Januar 2016

Was für eine dreiste Verharmlosung. Mit dem Herunterspielen der Übergriffe brüskiert Augstein die Opfer: Grässlich? Nein. Da waren ja nur ein paar grapschende Ausländer. Was mag die 23-jährige Düsseldorferin Maria von solchen Aussagen halten? "Die waren mit ihren Händen überall. Ich hatte Finger an allen Körperöffnungen. Ich habe die ganze Zeit nur geschrien", schilderte sie der "Bild"-Zeitung ihre Erlebnisse am Kölner Hauptbahnhof. Oder die 25-jährige Anne F., die das Gleiche in Hamburg erlebte: "Die Männer waren so grob. Sie zerrissen erst meine Strumpfhose und dann meinen Slip. Ich hatte solche Angst und war so hilflos", sagte sie der "Hamburger Morgenpost".

"Massive traumatische Erfahrung"

Dabei brauchen gerade Opfer wie diese viel Verständnis, um die Geschehnisse zu verarbeiten. Für die Betroffenen sei die Art und Weise, wie sie gleich mehreren Tätern ausgeliefert seien, ohne dass ihnen auf einem Bahnhof jemand zu Hilfe eilt, eine "massive traumatische Erfahrung", zitiert die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" die Psychologin Kornelia Banke vom Essener Verein "Frauen helfen Frauen". Wie die Opfer die Tat verarbeiten könnten, hänge von unterschiedlichen Faktoren ab - wie sie aufgefangen würden, ob sie über die Tat sprechen könnten. Aber eben auch, wie die Verfolgung der Täter sich gestalte und ob und wie diese bestraft würden. "Da geht es zum Beispiel auch darum, wie ernst Polizei und Justiz eine solche Anzeige nehmen."

Und Journalisten.

"Immer häufiger unterschreitet die Reaktionszeit der Öffentlichkeit die Frist, die ein kluger Gedanke braucht", schreibt Jakob Augstein auf Facebook. Vor seinem nächsten Posting sollte er sehr lange innehalten.


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