Seit Wochen kämpfen deutsche Erzieher für bessere Arbeitsbedingungen in Kindergärten und Kindertagesstätten. Wie erschütternd schlecht diese sind, zeigt beispielsweise der Vergleich mit der Situation in Finnland. Ein Zwiegespräch unter Kolleginnen.

Zwei auf einer Bank: Heike Rippert (links), Erzieherin aus Stuttgart, und die in Finnland arbeitende Silvia Rothenburger© Martin Wagenhan
Rothenburger: Nein, auch
nicht die fürchterlich kalten Winter.
Die Arbeitsbedingungen in
den finnischen Kindertageseinrichtungen
sind einfach viel besser.
Hier macht es Spaß, mit Kindern
zu arbeiten. Deutschland ist
dagegen immer noch rückständigbehäbig,
hinkt 15 Jahre hinterher.
Hier in Finnland habe ich viele
Freiräume, kann meine Ideen einbringen.
Und dabei werde ich gefördert
und gestützt - vom Staat,
von den Städten und Gemeinden
und von der Gesellschaft.
Rippert: Beneidenswert. Uns wird
die Freude an der Arbeit immer
mehr verdorben. Viele von uns
sind am Limit, physisch und psychisch.
Kaum eine glaubt noch
daran, dass sie das Rentenalter gesund erreicht. Viele werden von
Kopfschmerzen gequält, viele plagt
der Rücken. Eine Studie sagt, dass
nur 13 Prozent der Fachkräfte
während oder unmittelbar nach
der Arbeit keine gesundheitlichen
Probleme haben. Das ist doch eine
untragbare Situation.
Rippert: Die Arbeitsbelastung ist immens gestiegen. Wir haben nicht nur mit der wachsenden Kinderarmut und Vernachlässigung zu kämpfen. Da sind die vielen Trennungsfamilien und Migrantenkinder, die unsicheren Eltern. Und nicht zuletzt das Fernsehen: Wenn die Kinder montagmorgens zu uns kommen, sind sie wie durchgedreht. Hinzu kommt - typisch deutsch - die wachsende Bürokratie …
Rippert: Ja. Zusätzlich zum "normalen"
Betrieb sollen wir jetzt
noch anspruchsvolle Bildungspläne
umsetzen, Beobachtungsbögen
ausfüllen und für jedes Kind einen
Entwicklungsplan erstellen - das
alles, ohne auch nur eine Erzieherin
mehr bekommen zu haben.
Das macht klar: In die Bildung und
Entwicklung unserer Kleinsten
wird nicht genügend investiert.
Das geht zu unseren Lasten und
zulasten der Kinder und Familien.
Rothenburger: Der finnische
Staat gibt 6,3 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts
für Bildung
aus, der deutsche nur 4,5 Prozent.
Aber ein gutes Betreuungssystem
kostet. Lange vor Pisa bauten Länder
wie Finnland, Schweden und
Norwegen die Kinderbetreuung
quantitativ und qualitativ immer
weiter aus. Deutschland lag dagegen
im Dornröschenschlaf.
Rothenburger: In Finnland
macht man den Familien das Leben
leicht: Schon seit über zehn
Jahren steht jedem Kind ein Betreuungsplatz
von Geburt an zu -
viele Eltern nehmen das nicht in
Anspruch, aber sie haben eben
die Möglichkeit, jederzeit arbeiten
zu gehen. Davon können deutsche
Mütter trotz der Ringkämpfe
Frau von der Leyens mit dem Finanzminister
nur träumen …
Rippert: … und den Traum müssen
wir auch noch länger träumen.
Rothenburger: In Kerava gibt
es sogar Schichtkindergärten für
Eltern, die zum Beispiel im Krankenhaus
arbeiten. Diese Kitas
haben 24 Stunden geöffnet. Für
alle Betreuungsplätze kann man
sich leicht im Internet bewerben.
Den Platz bekommt man exakt
zum Wunschdatum. In 90 Prozent
der Fälle sogar im Wunschkindergarten.
Rippert: Kaum vorstellbar.
Rothenburger: Fehlen Plätze,
werden umgehend neue Gruppen
eröffnet. Niemand muss sich
schon als Schwangere in lange
Wartelisten eintragen, um dann
am Schluss doch leer auszugehen.
Mit zwei Jahren besuchen hier in
Finnland fast alle Kinder eine
Kita, meist ganztags.
Rothenburger: Bei den Jüngsten
bis zu drei Jahren werden
höchstens zwölf Kinder von vier
Erwachsenen betreut, in der
zweiten Gruppe haben wir 21
Vier- und Fünfjährige. Um sie
kümmern sich drei Erzieher oder
Lehrer und ein Absolvent des Sozialen
Jahres. Oft ist noch eine
Praktikantin dabei. Also fünf Personen.
Die zehn Vorschulkinder
haben zwei Betreuer. Alle sprechen
Finnisch und Deutsch.
Rippert: Deutschland erfüllt -
von wenigen, teuren Privat-Kitas
abgesehen - nirgendwo den von
der EU empfohlenen Mindeststandard.
Danach sollte sich eine Fachkraft
um höchstens drei Kinder bis
anderthalb Jahren oder vier Kinder
bis zu drei Jahren kümmern.
Die Realität sieht aber anders aus:
Durchschnittlich muss sich eine
Erzieherin um acht Ein- bis Dreijährige
kümmern, in Hessen sogar
manchmal um zehn. Und es gibt
bei uns in der Kita immer wieder
Tage, an denen wir zu acht 93 Kinder
neun Stunden lang betreuen.
Da drehen Sie ab!
Rippert: Und der belastet. Es gibt gemessene Spitzenwerte von 117 Dezibel. Das entspricht dem Wert eines startenden Düsenjets in 100 Meter Entfernung.
Rothenburger: Ich habe für meine 42 Kinder fünf Leute mit Fachhochschul- oder Uni-Abschluss. In jeder Gruppe ist also mindestens ein Akademiker oder eine Akademikerin. Auch bei den Kleinsten; zurzeit haben wir sogar zwei. Bei uns gibt es den Bildungsgedanken für Kitas schon lange, entsprechend gut werden Erzieher und Lehrer ausgebildet.
Rippert: Im schlimmsten Fall werden sie ad absurdum geführt. Selbst bei uns in Stuttgart, wo die Personaldecke dünn ist, aber noch nicht ganz so traurig ausschaut wie anderswo, müssen Abstriche gemacht werden. Ein Beispiel aus meinem Haus: In Baden-Württemberg haben wir den Plan "Einstein in der Kita", das heißt, wir bieten den Kindern Bildungsinseln in zehn Bildungsbereichen an. Sobald zwei Kollegen im Urlaub oder krank sind, können wir manche von diesen Angeboten nicht aufrechterhalten. Dann müssen wir die Insel "Lesen und Schreiben" schließen, oder im Bereich Naturwissenschaft fällt die Experimentierecke weg. Es werden dann eben keine Käfer mehr unterm Mikroskop betrachtet.
Rippert: Meine Kollegen und ich
stehen voll hinter dem Bildungsplan
für die Kitas, aber man muss
ihn uns auch ordentlich umsetzen
lassen. Sonst werden demnächst
noch mehr von uns am Ende ihrer
Kräfte sein. Stattdessen werden
lieber Milliarden in das Projekt
"Stuttgart 21" mit der Untertunnelung
des Bahnhofs gesteckt.
Vom Land allein 700 Millionen!
Rothenburger: Das klingt nicht
nach einem fürsorglichen Arbeitgeber.
Das ist in Finnland anders.
Wenn hier in einer Kita Leute
ausfallen, kann sofort eine Erzieherin
aus einer langen Liste von
"Springerkräften" eingesetzt werden.
Das entlastet.
Rippert: Springerkräfte bekomme
ich überhaupt nicht.
Rothenburger: Für angeschlagene
Mitarbeiter gibt es bei uns
dreijährige Rehabilitationsprogramme,
für die sie mehrere Wochen
im Jahr freigestellt sind und
in denen sie sich um ihre Gesundheit
kümmern können. Damit es
aber gar nicht erst so weit kommt,
gehen Arbeitsgesundheitsärzte immer
wieder zu Gesprächen mit den
Erziehern in die Kitas. Dazu wird
jedes Jahr überprüft, ob alle gute
Arbeitsbedingungen haben. Und
es gibt so etwas wie ein Sabbatical
für Erzieher, die zehn oder mehr
Jahre in dem Beruf arbeiten. Sie
können zwischen drei Monaten
und einem Jahr pausieren und bekommen
trotzdem monatlich rund
1000 Euro aus der Rentenkasse.
Rippert: Traumhafte Zustände!
Mit solchen Maßnahmen würdigt
man doch auch die anstrengende
Arbeit der Erzieher. Um uns sorgt
sich leider niemand so.
Rippert: Bei uns erhält eine Erzieherin
als Einstiegsgehalt 2130
Euro brutto. Es bleiben ihr also
1345 Euro, wenn sie Steuerklasse
1 hat. Oder noch weniger, wenn
sie - was oft passiert - nur eine
Teilzeitstelle bekommen hat. Ein
Grund mehr dafür, dass immer
weniger junge Leute in diesen Beruf
wollen. Bei den hohen Mieten
in Stuttgart ist oft nicht einmal
ein Auto drin. Oder man muss
sich einen Zweitjob suchen. Ein
Kollege von mir bessert sein Einkommen
mit Nachhilfeunterricht
auf, eine Kollegin kellnert - und
das nach siebeneinhalb Stunden
Kinderlärm.
Rothenburger: Das Bruttogehalt
der Einsteigerinnen ist in
Finnland in etwa gleich, aber sie
bekommen ein paar Hundert Euro
mehr heraus, weil es weniger Abzüge
gibt. 2008 haben wir heftig
gestreikt. Wir sind da sehr selbstbewusst.
Das Ergebnis war über
20 Prozent mehr Gehalt. Das wird
gerade umgesetzt. In Finnland ist
alles gut gelöst für die Kinder, ihre
Entwicklung und ihre Zukunft.
Zeitgemäß eben.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 23/2009
Vorbildlich Silvia Rothenburger, 49, leitet eine Kindertagesstätte im südfinnischen Kerava. Nach dem Studium in Dresden unterrichtete sie zunächst Geschichte, arbeitete danach mit behinderten Kindern. Seit 1986 lebt die Thüringerin fast ununterbrochen in Finnland. 1997 eröffnete sie das "Spielhaus", einen privaten, deutschsprachigen Kindergarten. Kerava wurde 2005 für seine Kinderbetreuung von der EU ausgezeichnet.
Überlastet Heike Rippert, 47, ist Kinderpflegerin und Erzieherin und hat Sozialpädagogik studiert. Seit 2001 leitet sie die "Tageseinrichtung für Kinder beim Fasanengarten" in Stuttgart-Hausen. In der kommunalen Kita werden derzeit 93 Kinder im Alter von acht Wochen bis zur Einschulung und auch Schulkinder bis zum 14. Lebensjahr nach dem Unterricht betreut. Geöffnet ist die Tagesstätte von 6.30 Uhr bis 17 Uhr.