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1. Januar 2008, 12:58 Uhr

Revolution auf Samtpfoten

Noch greift das Gesetz zum Schutze der Nichtraucher nicht, in der Silvesternacht wurde in Hamburg gequalmt wie eh und je. Doch bald geht's den Rauchern an den Kragen, dann können Lungenzüge bis zu 500 Euro kosten. Das ist wirklich so, auch wenn viele Nikotinfreunde es immer noch nicht glauben können. Von Tonio Postel

Rauchen, Nichtrauchen

Raucher und Kneipenwirte werden eine gewisse Gewöhnungszeit benötigen© Norbert Försterling/DPA

Die Revolution des Hamburger Nachtlebens kommt auf Samtpfoten daher, noch ist sie still und unsichtbar. "Ich scheiße auf das Rauchverbot", sagt etwa Franziska Würth (Name geändert), eine 31-jährige Pädagogin, die in der kleinen Bar "Le Fonque" in Hamburg-Eimsbüttel an einem Barhocker lehnt und genüsslich ihren Teil zum Atemnot bescherenden Luftgemisch des von Kerzenlicht erleuchteten Raums beiträgt. "Ich möchte nicht, dass ein Gesetz mich beherrscht. Eigentlich plane ich, mit dem Rauchen aufzuhören, aber ich will es mir nicht vorschreiben lassen", sagt die Frau mit den langen blonden Haaren und dem kampfeslustigen Blick. Da kann Nachtgenossin Nadia, die an der Bar sitzt und ab und zu nach Luft schnappt, nur mit dem Kopf schütteln. Die 31-Jährige leidet seit Jahren an Asthma und freut sich schon sehr auf die rauchfreie Zeit: "Wenn ich weggehe, muss ich nachher für Wochen zu Hause im Bett bleiben, im vergangenen Jahr war ich deshalb 80 Prozent krank!", sagt die Frau mit den dunklen Haaren und dem freundlichen Lächeln. Nur an Tagen wie Silvester zieht es sie doch mal auf die Piste - trotz der Nebenwirkungen. Geschäftsführer Jens bleibt trotz Verbots und der Angst vor dem finanziellen Zusammenbruch - 80 Prozent seiner Gäste seien Raucher - recht entspannt. "Ab morgen stellen wir anstatt der Aschenbecher Untertassen auf, damit die Kippen nicht in den Kerzen landen", sagt Jens und lächelt ohnmächtig.

Dass in der Hansestadt seit Mitternacht formal das so genannte Passivraucherschutzgesetz gilt und nur noch dort geraucht werden darf, wo es einen abgetrennten Raucherraum gibt, ist den neujahrstrunkenen Bürgern dieser Stadt gleich. Sie lassen sich ihre Kippen jedenfalls nach wie vor auch in einräumigen Bars und Cafés schmecken - es hindert sie aber auch niemand daran. Doch bald wird Ignoranz teuer werden: Bis zu 500 Euro reicht der vom Gesundheitsamt erstellte und von Kontrolleuren der Bezirksämter überwachte Bußgeldkatalog, dessen Umsetzung jedoch noch nicht für die Silvesternacht gilt, und selbst bis Ende Februar sollen Wirte wie Raucher straffrei bleiben.

Der Streit hält an

Ein paar Häuser weiter, auf der zentralen Partymeile im Schanzenviertel, dem Schulterblatt, liegt das "Bedford Café". Hinter großen Fensterfronten frönen Männer und Frauen auch hier ungeniert dem verbotenen Laster. Die Luft in der Kneipe ist wie eine Wand, die man überwinden muss. "Ich finde das Rauchverbot zum Kotzen, weil die Gemütlichkeit verloren geht", sagt Milda Bartels und nimmt einen tiefen Zug. Die schlanke, blonde Frau kenne zudem kaum Barleute, die "nicht selber rauchen", das Gesetz sei ergo überflüssig. "Wir machen durch das Verbot auch noch unsere geschönte Wirtschaftslage kaputt", fürchtet das Mitglied der CDU, die für eine Wahlfreiheit plädiert: Man solle doch bitte selbst entscheiden dürfen, ob man in eine Raucherkneipe gehen möchte oder nicht.

Das fordert auch der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). "Wir wollen eine Kennzeichnungspflicht für kleine Kneipen durchsetzen", sagt die Sprecherin des Bundesverbandes, Stefanie Heckel. "Spanische Lösung" nennt sie ihr Ziel, denn die europäischen Nachbarn überlassen es Lokalen mit weniger als 100 Quadratmetern Fläche selbst, ob geraucht werden darf oder nicht. "Das läuft sehr gut dort", versichert Heckel. Das deutsche Gesetz bedeute besonders für die Einraum-Betriebe den Anfang vom Ende. "Die hatten in der Vergangenheit auch ohne das Gesetz Umsatzprobleme, und jetzt das". Heckel nennt Zahlen, die eindeutig klingen: "In Baden-Württemberg, wo das Nichtraucher-Gesetz schon seit August gilt, fürchten 53 Prozent der Betreiber von Einraum-Lokalen um ihre Existenz, zwei Drittel von ihnen hatten Umsatzverluste von durchschnittlich 20 Prozent."

Doch es gibt auch andere Stimmen, jene, die glauben, dass es nach einer ersten Zeit der wirtschaftlichen Ernüchterung, langfristig bergauf gehen wird. Zum Beispiel Benjamin Lermann, Inhaber mehrerer Gaststätten im Hamburger Schanzenviertel. Unter anderen gehört ihm die Eckkneipe "Omas Apotheke". Er steht im fahlen Neonlicht vor der Anrichte und sagt: "In Amerika und Israel haben die Wirte nach zwei Monaten Rauchverbot mehr Umsatz als vorher gemacht." Er plant, einen 40 Quadratmeter großen Laden neben seinem Lokal als Raucherraum einzugliedern, weshalb er dem bisherigen Pächter kündigen musste.

"Echt?"

Auf der Straße gibt es heute nur ein Thema: "Darf man echt ab morgen nicht mehr rauchen?", fragt eine junge Frau in Leggins und Wollmütze nach dem Betrachten eines Hinweisschildes ungläubig, ihre Begleiter zucken die Achseln.

Die Nichtraucherrevolution hat gerade erst begonnen.

Von Tonio Postel
 
 
KOMMENTARE (10 von 88)
 
atride (03.01.2008, 14:37 Uhr)
@Alhabu
dass ihr raucher auch immer so einen monster-eintopf kochen müsst, der zu nichts führt... mit rechtschreibreform, klimawandel (?), usw, usf. nichtraucher wollen nicht mehr passivrauchen, thats all.
MarkusMcFly (03.01.2008, 14:31 Uhr)
Es gibt bestimmt
einige rücksichtsvolle Raucher. Leider habe ich diese Spezies relativ selten getroffen.
Ich kenne eine dominante Geste zur Genüge; Packung nebst Feuerzeug wird als erstes auf dem Café- oder Restauranttisch positioniert.
Der Raucher hat seine Hoheitsansprüche manifestiert, uninteressant ob jemand den Rauch verträgt oder nicht. Ich bin froh, dass das vorbei ist.
Es gibt keinen vernünftigen Grund, im öffentlichen Leben Risiken für Nichtraucher zu tolerieren, die mit der Bequemlichtkeit und dem Genuss/Suchtverhalten von Rauchern zu tun haben. Nicht kontaminierte Luft ist existenziell, Nikotinqualm ist es nicht.
Das Rauchverbot ist ein echter Schritt nach vorne.
Alhabu (03.01.2008, 14:13 Uhr)
Die andere Seite
Meiner Ansicht nach manifestiert sich im Nichtrauchergesetz (oder welchen Namen das Kind genau hat) und auch und gerade in der Diskussion doch etwas ganz anderes: Es geht doch bestenfalls in zweiter Linie darum, welche Studien was hervorbringen und welcher "Sturschädel" was zu vermelden hat. Ich bin grundsätzlich gegen dieses Gesetz, aber aus einem anderen Motiv: Eine träge und an der Grenze zur völligen Einfältigkeit stehende Gesellschaft lässt sich von den Regenten, die sie verdient, ein ums andere Mal am Ring durch die Manege zerren: Anstatt sich Gedanken über grundlegendes zu machen, werden Schweine durchs Dorf getrieben: Rechtschreibreform, Rauchergesetz, Tempolimit, Klimawandel.....alles läuft dann darauf hinaus, Nebelkerzen zu werfen und die Volksseele zum Kochen zu bringen, aber über welche Nichtigkeiten? Egal, Hauptsache man gibt dem Affen Zucker, und dankbar wird die Flanke versenkt. Ganz nebenbei wird dann mit viel rhetorischem Pomp eine Spaltung herbeigeführt (und auch hier kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es so gewollt ist): Raucher gegen Nichtraucher, Arme gegen Reiche, Deutsche gegen Migranten, Fitte gegen Fette etc.etc.etc. Man darf gespannt sein, wo die nächste Front eröffnet wird.........in diesem Sinne werde ich mir jetzt einen Müllsack über den Kopf ziehen und unter meiner Bettdecke genüsslich der Zigarette zuwenden
tricky_dude (03.01.2008, 14:02 Uhr)
Die Sachlichkeit
Sachlichkeit bedeutet aber auch das man Leute nicht mit "kleiner Idiot" und sonstwas tituliert, nur mal so am Rande.
Mal was ganz Sachliches: in der Kneiep stinkts jetzt nach Wunderbaum, auch nicht sehr erbauend. (..und auch nicht gesünder)
Den Rest sollen die Gerichte endgültig klären. Offenbar ist das ja, genau wie das Rauchverbot, da es auf BEIDEN Seiten derartige Sturschädel gibt, die irgendeine Freiwilligkeit von haus aus ausschließend. Scheint eine deutsche Spezialität zu sein. In den USA läuft es anders.
Kleines Beispiel: Am Flughafen Denver International gibt es mindestens 2 dutzend Restaurants und Cafes und eben eine Kneipe in für Raucher. Einzige Bedingung: Zutritt nur über 18 und mindestens 1 Getränk Verzehr, womit jeder auch kein Problem hat bei einem Preis von $ 2 für ´ne Cola oder ein Bier.
Nicht nachvollziehbar ist für mich warum unsere angebliche Volkspartei CSU sowas in Bayern nicht zulassen will. Tja, wenn das Wahlkampftaktik sein soll, dann weiß ich auch nicht. Fehlt jetzt bloß noch daß die ganz fanatischen Racuher bei der kommenden Landtagswahl irgendeine Splitterpartei in den Landtag hieven.
atride (03.01.2008, 13:42 Uhr)
@tricky_dude
mich würde eine sachliche replik von ihnen erfreuen. oder schließen sie das kategorisch aus?
tricky_dude (03.01.2008, 12:47 Uhr)
Hihihi
Sie kanns nicht lassen! Wer hier lachhaft ist, das begreift jeder, außer athritis...
Ach, es gibt noch eine Minderheit in Deutschland: die Berufsmotzer mit Abi. Die Sterben auch am Krebs, meistens Magenkrebs, weil sie sich über alles aufregen müssen.
So, jetzt gehe ich mal in die Kneipe und mach ne Geruchsprobe...
atride (03.01.2008, 12:35 Uhr)
es ist doch einfach nur lachhaft,
dass hier ein süchtige minderheit weiter meint, über eine nicht-süchtige mehrheit bestimmen zu können. raucher, vergesst es einfach, unkontrollierte rücksichtlosigkeit war gestern - so schwer es euch auch fällt ;-)))
Sanjoaquin (03.01.2008, 10:19 Uhr)
Nachtgenossin Nadja
Die arme, arme Nachtgenosssin Nadja war letztes Jahr 80 % krank, weil sie in Lokale gegangen ist, in denen geraucht wurde. Diese Argumentation sollten sich Höhenängstliche, Agoraphobiker, Nichtschwimmer und Pollenallergiker gut merken. Sie verspricht viel arbeitsfreie Zeit. Ich mach jede Wette, dass die arme Nadja trotz rauchfreier Gastronomie auch im gerade begonnenen Jahr nicht viel arbeiten wird.
Letzthin ist ein Onkel von mir gestorben, mit 95, und eine seiner Enkelinnen, eine hyperbesorgte Lehrerin und Mutter, die ihren Kindern auf der Zweimeterrutsche Sturzhelme anzieht, hat am offenen Grabe gemeint, der Passivrauch sei schuld am Tod von Opa, weil derselbige in den 50-er und 60-er Jahren eine Eckkneipe geführt hat.
tricky_dude (03.01.2008, 09:15 Uhr)
Übel
McFly hat recht. Ich habe selber mal auf einem amerikanischen Flughafen erlebt wie eine "Mutter" ihre dreijährige in die Raucherzelle mitgeschleppt hat, allerdings hat ihr jeder andere Raucher in der Zelle den Vogel gezeigt. Ich bin gegangen weil mir übel wurde.
Ist schon richtig daß wir das Rauchverbot zum großen Teil den Power-Qualmern zu verdanken haben, die nicht mal eine Stunde ohne den Kotzbalken auskommen können.
Hab schon mal geschrieben daß ich das in keinster Weise als Genuß empfinde. Die Leute aus meinem Bekanntenkreis die so waren und täglich ihre 4 Schachteln Teer Export reingezogen haben, sind allerdings schon lange auf den Friedhof umgezogen.
Interessant wird jetzt wie es denn in den rauchfreien Kneipen so riecht, weil der Rauch hat ja einiges überdeckt. Die Spannung steigt...
MarkusMcFly (03.01.2008, 00:34 Uhr)
@ ramteid
Bisher wurden stets die Nichtraucher gegängelt, die den Qualm ungefragt einatmen mussten, egal ob Baby, Kind, schwanger oder Asthmatiker.
Aber das wird ja immer gern unter den Tisch gekehrt.
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