Der entlarvende Auftritt von Thomas S.

27. März 2012, 22:21 Uhr

Kurz vor dem Ende des Prozesses um den Doppelmord von Krailling hat sich der Angeklagte erstmals zu den Vorwürfen geäußert. Ein skurriler Auftritt mit erstaunlichen Aussagen. Von Malte Arnsperger

Krailling, Doppelmord, Chiara, Sharon, Erbstreit, Landgericht München

Der Angeklagte im Landgericht München: Thomas S. will sein Schweigen brechen©

Wie klingt die Stimme eines mutmaßlichen Doppelmörders? Die Stimme eines Mannes, der seine beiden kleinen Nichten Sharon, 11, und Chiara, 9, in der Nacht zum 24. März 2011 im Münchner Vorort Krailling so bestialisch erstochen, erschlagen und erwürgt haben soll, dass in München vom brutalsten Mord seit Jahrzehnten gesprochen wird? Es ist eine helle, jugendlich wirkende Stimme, die da im Gerichtsaal zu hören ist. Sie gehört einem bulligen Mann. Einem Mann, der zwölf Verhandlungstage lang geschwiegen hat. Der jeden Zeugen und jede Aussage mit einem höhnischen Grinsen und mit abfälligem Kopfschütteln bedacht hat. Nun bricht Thomas S. sein Schweigen - und streitet alle Vorwürfe ab. Der Angeklagte wird wohl einen Befreiungsschlag im Sinn gehabt haben, so kurz vor dem Ende des Prozesses. Doch es sollte ein entlarvender Auftritt voller Widersprüche werden. Er festigt das Bild eines empathielosen und grenzenlos uneinsichtigen Menschen.

Er kommt um 13.03 Uhr. Begleitet von Justizbeamten betritt Thomas S. den größten Gerichtssaal im Münchner Justizzentrum. Wie immer trägt er blaue Jeans und blaues Jeanshemd. Seine Mundwinkel hängen herunter, er wirkt etwas müde. Während er das Blitzlichtgewitter der Fotografen erträgt, blickt Thomas S. immer wieder in die Zuschauerränge, als ob er jemanden sucht. Einen Beistand für seinen großen Auftritt? Der Saal ist proppenvoll, dutzende Journalisten, Scharen von Schaulustigen. Niemand will die Aussage von Thomas S. verpassen.

"Herr S. wird nun vorlesen, er hat es sich aufgeschrieben", kündigt sein Anwalt Adam Ahmed an. Der Vorsitzende Richter Ralph Alt wendet sich dem Angeklagten zu: "Dann sind sie dran". Thomas S. nickt, nimmt seine Brille ab und blickt auf die Blätter vor sich. "Nachdem ich seit einem Jahr in Haft bin, möchte ich nun Stellung nehmen", sagt er mit dieser seltsam anmutenden Stimme, in starkem bayrischen Dialekt. "Denn ich habe festgestellt, dass es unterschiedliche Wahrnehmungen gibt."

"Eine Unverschämtheit, dass sie mich verhaftet haben"

Welche Wahrnehmung er von dem Fall hat, das liest Thomas S. dann eine gute Stunde lang vor. In seinem schnell vorgetragenen und deswegen oft schwer verständlichen Monolog nimmt er sich angebliche Lügen von Zeugen vor, prangert Schlampereien bei den Ermittlungen an und wirft der Staatsanwaltschaft indirekt vor, den Tatort manipuliert zu haben. Es fallen Sätze wie "wenn ich auf einen Zeugen nicht eingehe, dann heißt das nicht, dass er die Wahrheit gesagt hat" oder "das Vorgehen des Kriminaldauerdienstes wird mir immer ein Rätsel bleiben" und "ich fand es schon eine Unverschämtheit, dass sie mich verhaftet haben". Thomas S. stellt sich als den einzigen Menschen dar, der angesichts der vielen Ermittlungsergebnisse und Zeugenaussagen den Überblick behalten hat. So sagt er: "Die Erbsituation der Familie ist kompliziert, vielleicht verwirrt das manche, vielleicht kann ich sie entwirren."

Thomas S. nimmt sich auch einzelne Indizien vor, die gegen ihn sprechen, und versucht, sie vom Tisch zu wischen. So behauptet er - entgegen vieler Zeugenaussagen und eines Gutachtens - er habe gar keine Wunde an seiner Nase gehabt, die von Kampf mit den Mädchen stammen könnte. Selbst der Erkennungsdienst habe die Wunde bei ihm nicht festgestellt, sagt Thomas S. und greift die Ermittler an: "Ich dachte, nur der Angeklagte habe das Recht auf faule Ausreden."

Dann geht Thomas S. auf das Seil ein, mit dem eines der Mädchen erdrosselt wurde. Ja, gibt der Angeklagte zu, ein solches Seil habe er mal gekauft. Aber seine eigenen Kinder hätten sich ständig darum gestritten, "deshalb habe ich es weggegeben". Weiter sagt er dazu zunächst nichts. Nicht an wen oder wann er das Seil "weggegeben" hat. Ähnlich pauschal äußert sich Thomas S. zu einem Treffen mit der Mutter der toten Kinder im Sommer 2010. Damals soll er Zeugenaussagen zufolge wutentbrannt aufgestanden sein und einen Stuhl umgeworfen haben. "Ich habe nichts umgeschmissen", sagt Thomas S. "Dort war ja gar kein Platz, damit der Stuhl umfallen kann."

"Menschen tötet man nicht, dass macht man nicht"

Die Richter hören sich diese Beteuerungen in aller Ruhe an, räumen dem Angeklagten Pausen ein, damit er sich Ergänzungen notieren kann. Sie warten ab, bis Thomas S. seine Unschuld beteuert: "Ich habe meine Nichten nicht getötet. Aus einem Grund: Menschen tötet man nicht, dass macht man nicht. Ich lebe jetzt 50 Jahre und habe nie jemand ernsthaft Leid zugefügt." Doch dann nehmen die Richter den Angeklagten in einem rund dreistündigen Kreuzverhör förmlich auseinander.

Ein Aspekt interessiert die Kammer ganz besonders - und macht dabei das wenig glaubwürdige Aussageverhalten von Thomas S. exemplarisch deutlich: Die Richter wollen wissen, wie Thomas S. seine vielen Blut- und DNA-Spuren erklärt, die in der Tatwohnung, an den Tatwaffen und an beiden Kindern gefunden wurden. In der Polizeivernehmung nach seiner Festnahme am 1. April hatte der Angeklagte behauptet, er habe drei bis vier Wochen zuvor den Teil eines Schranks gesucht und sei deswegen zu Annette S. gefahren, der Mutter der beiden getöteten Kinder. In deren Wohnung - dem späteren Tatort - habe er jedoch nur Sharon angetroffen. Zusammen mit dem Kind habe er das Teil gesucht. Dabei habe er Nasenbluten bekommen, dieses habe er dann zusammen mit Sharon aufgewischt.

Nun kommt Thomas S. vor Gericht plötzlich mit einer ganz anderen Variante daher. In der Woche zwischen dem 13. und 17. März - "Ich kenne den genauen Tag, aber ich sage ihn nicht" - habe er sich mit seiner Schwägerin über eine Wohnung unterhalten wollen, um deren Verkauf es seit Monaten Streit gegeben hatte. Doch er habe nur Sharon angetroffen. Die habe ihm gesagt, ihre Mutter sei nicht da. Er habe ein Ablenkungsmanöver vermutet und einen Vorwand gesucht, um dennoch die Wohnung betreten zu können. Deswegen habe er nun das Kind auf das Schrankteil angesprochen. Bei der anschließenden Suche habe er dann Nasenbluten bekommen.

Die Richter - "das ist ja ganz neu" - haken nach, wollen wissen, wo das Nasenbluten denn angefangen habe. Im Schlafzimmer von Anette S. im zweiten Stock, am Fenster, antwortet Thomas S. Von dort habe er sich die gegenüberliegende Kirche angeschaut. "Warum haben Sie die angeschaut?" - "Einfach so." Der Beisitzende Richter Thomas Lenz wird zum ersten Mal ungehalten: "Nun wird es aber arg dünn." Und er ermahnt den Angeklagten: "Sie müssen nicht meinen, dass wir alles glauben, was sie uns erzählen."

"Da müssen sie Sharon schon selber fragen"

Doch Thomas S. bleibt eisern bei seiner Linie und verstrickt sich dabei immer weiter in Widersprüche. So behauptet er nun, er habe das Seil bei diesem ominösen Besuch im Auto gehabt und es Sharon bei seinem Abschied gegeben. Warum, kann der Angeklagte nicht schlüssig erklären. Auch eine Fahrradlampe, die ebenfalls am Tatort gefunden wurde, habe er Sharon an jenem Tag geschenkt. In seiner Vernehmung bei der Polizei hatte Thomas S. offenbar felsenfest behauptet, die Lampe bei dem Besuch nicht dabeigehabt zu haben. Die Richter wollen den Widerspruch erklärt bekommen. "Ich stand bei der Vernehmung unter Schock", sagt Thomas S. Und fügt dann hinzu, er habe sich diese neuen Aussagen in den vergangenen Wochen mit "gewissen Denkvorgängen" erschlossen und das alles erscheine ihm "logisch". Die Herren auf der Richterbank können und wollen ihr Missfallen, ihre Zweifel nun nicht mehr verbergen: Ob das alles nicht einfach "Schmarrn" sei, hält Richter Lenz Thomas S. vor und fügt hinzu: "Es bleibt sehr dünn und diffus."

Die Richter treiben den Angeklagten immer weiter in die Enge. Wo er und Sharon denn überall nach dem Nasenbluten gewischt hätten? Auf der Treppe, dem Gang, in der Küche und in einem Kinderzimmer habe er mit dem Kind saubergemacht, sagt Thomas S. Komisch, wundern sich die Richter, es seien doch angeblich nur einige Tropfen Blut gewesen. Thomas S. "Ich weiß es nicht mehr genau, wer was gewischt hat. Ich vermute aber, dass es so war." Die Richter bleiben dran. Warum das Mädchen überhaupt einen Eimer geholt habe und mit ihm zusammen das Blut aufgewischt habe. "Da müssen sie Sharon schon selber fragen", antwortet Thomas S.

Ein lautes Stöhnen geht durchs Publikum. Die zahlreichen Verwandten und Bekannten von Annette S. unter den Zuschauern schlagen die Hände vors Gesicht, weinen, schauen entsetzt zum Angeklagten. Der Staatsanwalt und die Nebenkläger-Anwälte schütteln empört den Kopf. Thomas S. bleibt gelassen, er scheint nichts Anstößiges an dem Satz zu finden. Er macht keine Anstalten, sich zu verbessern. Selbst nicht, nachdem ihn der Richter mehrfach und ausdrücklich dazu einlädt. Er sagt nur: "Ich denke, Sharon hat es gemacht, damit es hinterher wieder ordentlich ausschaut."

"Der Tag hat einen großen Erkenntnisgewinn gebracht"

Es sollte der moralische Tiefpunkt dieses skurrilen Auftritts von Thomas S. sein. Wenig später unterbindet sein Verteidiger weitere Fragen. Wohl um weiteren Schaden von seinem Mandanten abzuwenden. Während Ahmed nach Sitzungsende keine Stellung nehmen wollte, bemühten sich die anderen Prozessbeteiligten um eine Bewertung. "Der heutige Tag hat einen großen Erkenntnisgewinn gebracht. Denn es geht ja auch um die Persönlichkeit des Angeklagten", sagte Staatsanwalt Florian Glitwitzky. "Aber er will etwas erklären, wo es nichts zu erklären gibt. Und ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass der richtige Mann auf der Anklagebank sitzt." Ähnlich äußerten sich die Anwälte von Annette S. und dem Vater der beiden getöteten Kinder. "Ich finde es gut, dass er etwas gesagt hat. Sonst hätte ich an eine Wand hinplädieren können", meinte der Vertreter des Vaters, Rechtsanwalt Andreas von Máriássy.

Die Angehörigen und Freunde von Annette S. schwanken zwischen Verwunderung und Empörung. Ein "Panoptikum" sei es gewesen, sagt ein Verwandter. Eine Freundin meint: "Es war erbärmlich. So wie er halt ist".

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