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Neonazi-Netzwerke: Kaderschmiede Knast

Eine Neonazi-Seilschaft in Gefängnissen beschäftigt die Republik. Neu sind solche Netzwerke nicht. Gerade in Haftanstalten gedeihen sie - weil Rassismus und Homophobie an der Tagesordnung sind.

Von Nico Schmidt

Wo alles begann: In der JVA Hünfeld gründete sich das Neonazi-Netzwerk "AD Jail Crew"

Wo alles begann: In der JVA Hünfeld gründete sich das Neonazi-Netzwerk "AD Jail Crew"

Niemand hegte einen Verdacht, als die "Bikers News" im Oktober 2012 eine Kleinanzeige mit der Überschrift "AD Jail Crew" veröffentlichte. Jetzt ist klar: Die Anzeige warb für ein Neonazi-Netzwerk in deutschen Knästen. So titelte "Bild" am Mittwoch: "Enthüllt: Nazi-Mafia in deutschen Gefängnissen". Inhaftierte Straftäter verständigten sich mittels codierter Nachrichten, es gäbe gar Verbindungen ins NSU-Umfeld. Doch Experten überrascht die Meldung wenig. Rechtsradikale Gefangenenhilfe hat eine lange, böse Tradition.

Auch Beate Zschäpe schrieb Straftäter

Als sie im Februar 2011 verboten wurde, hatte die "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige" (HNG) 600 Mitglieder und war Deutschlands ältester Neonazi-Verein. Die HNG versorgte inhaftierte Gesinnungsfreunde mit rechtsradikalen Agitationsschriften und organisierte Brieffreundschaften. Vor allem Frauen kümmerten sich häufig um die Straftäter. Eine von ihnen war: Beate Zschäpe. Ihr Brieffreund Thomas S. wurde erst ihr Lebenspartner und später Sprengstofflieferant, berichtet die Thüringer Allgemeine.

"Die HNG war für viele Neonazis wichtiger als Blood & Hour, denn sie vermittelte ihnen eine intensivere Solidaritätserfahrung", sagt der Rechtsextremismus-Forscher Hajo Funke zu stern.de. Der Gund: Wandten sich Angehörige von den Straftätern ab, war die HNG für sie da. Das Kadernetzwerk verband die Schlüsselfiguren der rechtsradikalen Intelligenz. Im Knast entstanden so Neonazi-Leseclubs mit Geschichtsunterricht.

Neonazis im Knast an der Macht

Die Atmosphäre von Gefängnissen sind für die Agitation von die Neonazis wie geschaffen, meinen Experten: strikte Hierarchien, Homophobie und Rassismus seien an der Tagesordnung. In einigen Gefängnissen hätten Rechtsradikale die Macht übernommen, sagt Bernd Wagner, Gründer des Neonazi-Aussteigerprojekts "Exit" zu stern.de. Die Rechtsextremen entschieden, wer wem die Schuhe putze und wer auf der Abschussliste stehe.

Wer der Linie folgt, verdient sich "Respekt" - und nach Ende der Haftstrafe mitunter eine exponierte Stelle am rechten Rand. Im März 2005 erstach Sven Kahlin in einer Dortmunder U-Bahn-Station den Punker Thomas Schulz. Kahlin, ein unorganisierter Skinhead-Nazi, wurde zu einer Haftstrafe von sieben Jahren verurteilt. 2007 wurde er vorzeitig entlassen. Seitdem ist er ein gefeierter Redner auf Demonstrationen von Rechtsradikalen.

"Eine Wohlfühlzone für Rechtsradikale"

In Gefängnissen herrsche ein unbedarfter Umgang mit Rechtsradikalen, sagt Anetta Karhana, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung. Rechtsradikale würden häufig gemeinsam in eine Zelle gesperrt, hin und wieder werde ein Seelsorger vorbeigeschickt. Gefängnisse seien eine Wohlfühlzone für Rechtsradikale, meint "Exit"-Chef Wagner. Doch gegen die Netzwerke kommen die Justizvollzugsbeamten nicht an: "Kommunikation unter Häftlingen kann man nicht verbieten".

Das Ende der HNG war nicht das Ende der Neonazi-Netzwerke. Es existieren viele Organisationen, die wenigsten lassen sich belegen. "Die Gefängniswelt entzieht sich der Öffentlichkeit", sagt Wagner. Gefestigte Seilschaften unter Rechtsextremen verschwinden nicht, nur weil ein Netzwerk verboten wird. Neue Bündnisse werden gefunden, die jetzt aufgedeckte "AD Jail Crew" ist eines davon.

Und sicher nicht das Einzige.

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