Eine US-Professorin mit chinesischen Wurzeln plädiert in ihrem aktuellen Buch für mehr Disziplin in der Kindererziehung - und entfacht damit eine alte Debatte neu. Wie ein Schulalltag mit Drill und Druck aussehen kann, berichtet eine deutsche Schülerin, die zur Zeit ein Jahr im Reich der Mitte verbringt.
Erst hatte ich nach englischsprachigen Ländern gesucht. Ich habe immer mehr über andere Länder erfahren und hatte schließlich die Unterlagen der Austauschagentur vor mir liegen. Ich wollte etwas ganz anderes erleben, da habe ich mein Kreuz bei China gemacht. Das war vor ungefähr einem Jahr.
Das ist mir erst am Flughafen klar geworden. Wir waren fünf Austauschschüler und mussten mit Riesenkoffern zur Stoßzeit in die Stadt fahren - das war ein richtiger Schock: Unglaublich viele Menschen, man wird angestarrt, einfach alles ist anders! Richtig angekommen bin ich am Abend, als ich mit der Gastfamilie Essen war und wir durch die Stadt gelaufen sind. Die Motorräder und Rikschas, die vielen kleinen Läden, das bunte Leben - das war sehr beeindruckend.
Es gefällt mir, gerade weil es so anders ist.
Wir tragen Uniformen. Man muss die Lehrer grüßen, wenn man ihnen auf dem Flur begegnet. Im Unterricht sitzen 40 Schüler in geraden Reihen und gucken nach vorne. Es ist still und diskutiert wird kaum. Das geht den ganzen Tag so, von 7.20 bis ungefähr 17 Uhr; manchmal werden selbst die Pausen zum Lernen genutzt. Und selbst die netten Lehrer sind sehr streng.
Freitags hört der Unterricht früher auf und manchmal spielen wir dann Basketball. Aber meine Mitschüler sind meistens bis 22.30 oder 23 Uhr mit den Hausaufgaben beschäftigt. Die werden am nächsten Morgen eingesammelt und vom Lehrer korrigiert. So viele Hausaufgaben wie meine Mitschüler bekommen, habe ich in meinem ganzen Leben nicht aufgehabt.
Den ganzen Tag! Weil ich Ausländerin bin, bekomme ich eine Vorzugsbehandlung. Das stört mich manchmal. Aber oft bin ich froh darüber. Außerdem habe ich wirklich Glück mit meiner Gastfamilie, die sind ungewöhnlich offen und nett.
Gar nicht! Das ganze Schulsystem bereitet auf Tests und Prüfungen vor und wer nicht die volle Punktzahl erreicht, ist nicht gut genug. Wenn die Lehrerin Fragen zu einem Text stellt, lesen die Schüler die Antworten aus dem Buch vor, auch wenn sie vielleicht gar nicht genau verstehen, worum es geht.
Ja, auch wenn es natürlich Verständigungsprobleme gibt. Ab und zu machen wir etwas zusammen, zum Beispiel Karaoke singen. Leider nicht sehr oft, da meinen Klassenkameraden auch am Wochenende zu beschäftigt sind.
Nicht unbedingt durch den Druck, aber Chinesen denken ganz anders. Einmal habe ich zum Beispiel mit einem Mitschüler telefoniert. Er sagte: "Ich habe einen Traum. Ich will Flugzeuge bauen, weil das meinem Land hilft." - Ich kriege so etwas ganz oft zu hören, obwohl es natürlich auch hier Ausnahmen gibt.
Jeden Tag! Beim Sachwissen vor allem, in Fächern wie Mathematik, Physik und Biologie sitze ich jeden Tag und fühle mich dumm. Aber wenn es darum geht, einen Text zu schreiben oder ein Gedicht zu analysieren und sich selbst Gedanken zu machen - das können sie wahrscheinlich nicht so, weil ihnen immer gesagt wird, was sie denken sollen.
Ich spreche oft mit meiner Chinesisch-Lehrerin und meinen Mitschülern darüber - die wissen das natürlich auch. Alle sagen, dass der Druck hier viel zu groß ist und sich etwas ändern muss. Aber im Moment funktioniert das ganze System so. Ich habe einmal mit einem siebenjährigen Jungen gesprochen. Er konnte perfektes Englisch, weil seine Mutter ihm schon als Kleinkind immer Sprachkassetten vorgespielt hat. Er konnte die alle auswendig und sagte mir, wie er sie hasst. Mit sieben Jahren!
Ich bin mir nicht sicher. Wenn die Chinesen etwas wollen, dann kriegen sie das auch. Die schaffen alles, was sie sich vornehmen. Aber ich habe das Gefühl, dass die Kinder bei uns sich mehr Gedanken machen.
Nicht für immer. Ich überlege gerade, ob ich hier studieren soll. Ich mag die Stadt sehr gerne - es wird nie ruhig, wie zu Hause im Dorf. Ich bin unheimlich gerne in China.
Ich fand Deutschland relativ langweilig. Inzwischen habe ich angefangen, Deutschland wieder sehr zu mögen. Ich bin gerne hier, die Zeit ist toll, der Austausch macht richtig Spaß. Aber ich freue mich auch, nach Deutschland zurück zu gehen.
Lesen Sie dazu auch ... ... die Titelgeschichte "Das dressierte Kind" im aktuellen stern