Heilig's Blechle, ihr Berliner

1. Januar 2013, 14:45 Uhr

Bundestagsvizepräsident Thierse schimpft auf die Schwaben in Berlin. Unser Autor kennt das schon. Er ist Badener, wird häufig für einen Schwaben gehalten und lebt in Berlin. Ein Betroffenenbericht. Von Hans Peter Schütz

Berlin, Schwaben, Thierse

"Currywurst statt Spätzle" - manche Bewohner hängen ihren Unmut aus dem Fenster©

Jetzt fehlt nur noch eins: Dass es der Berliner Polizei gelingt, einen der Autobrandstifter zu erwischen, die 2012 in Berlin mindestens 141 Autos, vorzugsweise Daimlers, angezündet haben, und der Täter dann behauptet, er wolle diese "schwäbischen Scheißkisten" einfach nicht länger in den Straßen der Hauptstadt sehen. Dann wird der Schwabenhass endgültig hell aufflammen.

Wesentlich hasserfüllter in Richtung Schwaben, als es bereits seit langem ist, wurde das Klima in Berlin zudem durch den Zeitungsausträger, der zwar keine Autos angesteckt hat, aber elf Kinderwagen in den Treppenhäusern des Bezirks Prenzlauer Berg. Sein angebliches Motiv: "Hass auf Schwaben".

Die Polizei schweigt sich aus, die Berliner und die Medien greifen den Schwaben-Hass begeistert auf. Das Feindbild wird gepflegt. Keiner fragt mehr nach, ob der Kinderwagenzündler nicht schlicht gaga ist, erst recht nicht, ob es sich bei den Autoansteckern nicht vielleicht doch um "politische motivierte" Aktivisten aus dem linksradikalen Berliner Lager handelt, die in einem brennenden Mercedes ein Symbol des Klassenkampfes sehen.

"Tötet Schwaben"

Die Polizei zuckt nur rat- und hilflos mit den Schultern. Einige brave Berliner Bürger wissen es dagegen genau: Das können nur die Schwaben sein. Daher hängen auch bereits wieder die Schilder, die man im Stadtviertel Prenzlauer Berg und in der Schicki-Micki-Straße des Bezirks, in der Kastanienallee, seit langem kennt: "Schwaben raus!", "Haut ab, ihr Porno-Hippie-Schwaben", "Was wollt ihr hier – Stuttgart 605 km". Unlängst ist in der Kollwitzstraße, fast ein Edelbezirk im wiedervereinten Berlin, sogar ein Plakat aufgetaucht, auf dem steht: "Tötet Schwaben."

Gerne treiben die Medien ihre schwabenfeindlichen Scherze mit den Berlinern. So kam dieses Jahr ein "Extrablatt" auf den Markt und ins Internet, das die Berliner mit der Phantasiegeschichte aufscheuchte "Berlin im Schock. Schwabe wird neuer Bürgermeister." Zu rechnen sei jetzt mit einem "gnadenlosen Sparkurs" unter dem neuen Bürgermeister Matthias Brägele, wurde da geschwindelt. Außerdem sei das ein ganz schräger Vogel, einer von jenen Typen, die sich in den in den Siebzigerjahren nach Westberlin verdrückt hätten, sich seines "fremdländischen Akzents nur wenig schäme" und eben ein "typischer Taugenichts von einem Wessi" sei. Optisch untermalt das "Extrablatt" seine Hetzstory mit der Zeichnung eines offensichtlich volltrunkenen Schwaben, der dem Berliner Bären ein Viertele Rotwein einschenken will und zu ihm sagt: "Kopf hoch Bärle, Dich kriaget mr auf wieder auf d´Fiaß!"

Ob das die Berliner überhaupt lesen und verstehen und ins Hochdeutsche übersetzen können, steht dahin. Diesen Zweifel gibt es auf einer Internetseite mit dem Titel "Schwaben in Berlin und woran Du sie erkennst" nicht. Dort stehen Sätze wie "Der gemeine Schwabe in Berlin leidet unter unreiner Haut, insbesondere auch im Gesicht." Oder: "Der gemeine schwäbische Aggressor ist in Berlin immer und überall auf der Suche nach Wohneigentum." Und wie ist der "schwäbische Aggressor" in Berlin bewaffnet? "In der Tasche, neben der der gemeine Schwabe früher sein verrostetes Schwert trug, befindet sich heute seine Waffe, womit er Berlin erobert oder zumindest für sich einnimmt: das Geld von Papi und Omi."

Schwabenhatz auch in der Politik

Selbst auf höchster politischer Ebene in Berlin wird inzwischen gegen die Schwaben polemisch Politik gemacht. Im Bundestag hätte die "schwäbische Mafia" unter Volker Kauder und Wolfgang Schäuble längst viel zu viel zu sagen, maulen viele in der CDU. Und andere haben die Kanzlerin bereits gewarnt, sie solle bei der Rechtfertigung ihrer Politik sich nicht immer auf die "schwäbische Hausfrau" berufen. Das sei eine parteischädigende Argumentation, vor allem im Berlin.

Die Schwabenfeindlichkeit in Berlin hat inzwischen lange Tradition. Begonnen hat sie Mitte der neunziger Jahre, als im Prenzlauer Berg die zu DDR-Zeiten völlig vergammelten Mietskasernen von Schwaben aufgekauft und über Bausparverträge renoviert wurden, was vielfach zu Erhöhungen der Mieten geführt hat, die zu DDR-Zeiten oft nur zweistellig gewesen waren. Das provozierte die Berliner, die sich alsbald zur Kiezguerilla und den Kampf gegen die schwäbischen Invasoren aus Esslingen und Umgebung formierten. Vielfach vertrieben die Schwaben auch Hausbesetzer, die überhaupt keine Miete bezahlten. Hinzu kam, dass der Berliner Stadtsoziologe Professor Hartmut Häusermann den Schwabenhass mit der Erklärung anfeuert: "Die fliehen vor der Kehrwoche und Enge und suchen in Berlin buchstäblich das Weite." Kennzeichnend für die Schwaben sei auch, so erzählen die Berliner, dass bei deren Ehefrauen der Ehemann und der Haushund beide "Männe" hießen.

Schwabenhass in Fremdworten

Längst wird der Schwabenhass auch ideologisiert. Dann wird von "Gentrifizierung", auch von "Yuppifizierung" geredet, wodurch sich in den alten Bezirken jetzt die Latte-Macchiato-Generation breitmache, auf den Gehsteigen mit ihren superteuren Kinderwagen ständig Staus produziere und auch so viele Kinder in die Welt setze, dass man sich schon fremd fühlen müsse in seinem Kiez. Nur wenige Schimpfende erinnern sich noch bewusst an die DDR-Verhältnisse.

Etwa der SPD-Politiker Thierse, der sich jetzt als Schwaben-Kritiker profiliert. Er wohnt am Kollwitzplatz und hat dort auch schon die ohnehin wenigen Parkplätze sperren lassen wollen, weil ihm die Schwaben diese zustellten. Früher sei doch alles grau in grau gewesen, erinnert sich Thierse immerhin an die vorschwäbischen Zeiten, und es sei schon fast Luxus gewesen, in der Wohnung ein Klo zu haben und nicht nur im Treppenhaus.

Schwabenjagd als "kostenloses Marketing"

Die giftige Stuttgartisierung der Bundeshauptstadt, die polemische Ausgrenzung der hinter den Türken größten Immigrantengruppe ärgert einen nicht: den Schauspieler und Regisseur Achim E. Ruppel. Denn der versteht was von Schwaben, weil er selbst ein waschechter ist. Stammt aus Albstadt. Und versteht mindestens ebenso viel von Berlinern, unter und mit denen er seit 32 Jahren lebt.

Er hält die Berliner Schwabenjagd für eine Art "kostenloses Marketing". Dass da zuweilen auch ziemlich böse Unter- und Obertöne erklingen, stört ihn nicht. "Der Schwabe spottet halt gerne, auch über sich selbst." Inzwischen habe ja jeder Berliner mitgekriegt, dass wir da sind, sagt Ruppel. "Und dass wir so viele sind." Das sei auch sehr gut so, denn mittlerweile existierten an der Spree hinreichend viele schwäbische Restaurants, in denen handgemachte Maultaschen serviert und ein trinkbarer Trollinger eingeschenkt werde.

Sein Ratschlag an die Berliner: Sie bräuchten endlich wirklich mal einen schwäbischen Bürgermeister, um aus den roten Zahlen herauszukommen. "Immer arm ist auf Dauer keinesfalls sexy." Weil die Schwaben beim Sparen findig seien, komme die Stadt mit einem solchen Bürgermeister bestimmt schneller aus den Miesen als mit Klaus Wowereit.

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