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Deutschland ist ein Mafia-Land

Im Bodenseeraum gab es eine Razzia gegen die ’Ndrangheta, die kalabrische Mafia. Acht Personen wurden festgenommen. Die Aktion zeigt, dass die kriminelle Vereinigung in Süddeutschland sehr aktiv ist.

Von Sandro Mattioli

Am Bodensee führte die Polizei eine Razzia gegen die Mafia durch

Die Ermittlungen gegen die Ableger der Mafia in Deutschland sind durch den islamistischen Terror in den Hintergrund gerückt

Mafia-Ermittlungen, zumal in Deutschland, sind langwierig und aufwendig: muss in mühevoller Kleinarbeit abgehörte Telefongespräche übersetzen und verschriftlichen, oft braucht es dazu Experten für süditalienische Dialekte. Nicht selten finden die Beamten nur Mosaiksteine, und man muss die Mafiaorganisationen gut kennen, um daraus ein sinnvolles Ganzes zusammenzusetzen. Zudem hat die italienische Mafia dazu gelernt.

Die Clans schirmen ihre Geschäfte inzwischen so gut es geht vor allzu neugierigen Blicken ab und sprechen darüber nur in Codes. Unter der Hand sagen Polizisten, dass sie manchmal zwar wüssten, wer zur Mafia gehöre, aber im Grunde wenig Ahnung hätten, was die Ganoven da tun – so erfolgreich ist die Mafia mit ihrer Abschirmung, und so unzureichend ist das Instrumentarium der Polizei. Die Notwendigkeit von Telefonüberwachungen und dem Verwanzen von Räumen ist nicht einfach darzulegen.

Polizei sieht schnell alt aus

Auch wenn es darum geht, dass Gangster in großem Stil Gelder waschen, sieht die Polizei schnell alt aus. Läuft das Kapital krimineller Herkunft nämlich über mehrere Fonds und Investmentgesellschaften, bevor es in die legale Wirtschaft investiert wird und damit etwa teure Immobilien gekauft werden, haben die Beamten schnell das Nachsehen. Große Beträge lassen sich in kürzester Zeit, quasi mit wenigen Mausklicks, transferieren. Sie nachzuverfolgen, dauert aber. 

Die Fahndung gegen die italienischen Ganoven ist spätestens mit dem Aufkommen des islamistischen Terrorismus in den Hintergrund gerückt. Solange die Mafiosi Ruhe geben und nicht wie in Duisburg anno 2007 sich gegenseitig ermorden, ist der Fahndungsdruck nicht allzu hoch. Das hat auch die Mafia verstanden. Nach dem Massaker in Duisburg erging laut Kronzeugen strenge Order, künftige Streitigkeiten nur in Italien zu regeln.

Einen aufsehenerregenden "Betriebsunfall" wie den Sechsfach-Mord in der Duisburger Innenstadt sollte künftig unbedingt vermieden werden. Ihre Geschäfte, die schmutzigen wie die sauberen, erledigt die Mafia dazu ohne jedes Aufsehen. Das geht inzwischen sogar so weit, dass Kellner in bekannten Geldwäsche-Restaurants vom ersten Tag an gemeldet und krankenversichert sind, um den Aufsichtsbehörden ja keinen Anlass zu geben, Kontrollen durchzuführen. 

Provokation in Konstanz

Italienische Ermittler, darunter der bekannte Staatsanwalt Nicola Gratteri, sorgten sich im Jahr 2008 dennoch, dass es im Bodenseeraum zu einer blutigen Fehde kommen könnte. Sie beobachteten den Beginn einer Eskalation. Ein schweizer Clan-Ableger wollte sein Herrschaftsgebiet über die Grenze hin ausdehnen. Die Mafiosi im Raum Singen hatten naturgemäß etwas dagegen, von ihrer Macht abzugeben. Dass die feindlichen Schweizer gar am helllichten Tag demonstrativ durch Konstanz spazierten, war eine weitere Provokation. Sie hätte das Pulverfass jederzeit zum Explodieren bringen können.

Die Antimafia-Staatsanwaltschaft in Kalabrien verfolgte die Spur dieser Mitglieder der Mafia schon viel länger, seit 2003. Ihre Ermittlungen gaben auch den Anstoß für das deutsche Verfahren: Sie baten die deutschen Kollegen um Amtshilfe.

Zwei Jahre dauerten die Ermittlungen allein in Baden-Württemberg. Obwohl die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Italien sehr gut verlief, war die Furcht bei den deutschen Polizisten, ihre Mühen könnten verpuffen, dennoch nicht gering. Zum einen konnten sie den Objekten ihrer Arbeit zwar nachweisen, Mitglieder einer mafiösen Organisation zu sein – doch das ist in Deutschland nicht strafbar. Zum anderen waren sie bei all ihren Überwachungsmaßnahmen kaum auf verwertbare Informationen über illegale Geschäfte gestoßen.

Italien schickte internationale Haftbefehle

Die Erleichterung, als Post von der Staatsanwaltschaft in Reggio Calabria kam, war daher groß: Die italienischen Kollegen schickten Europäische Haftbefehle, die Handschellen konnten also klicken. In ganz Europa wurden im Juli 2010 auf einen Schlag über 300 Mafiosi festgenommen.

Es war diese erste Festnahme-Welle, welche die Situation im deutschen Bodensee-Gebiet im Juli 2010 entschärfte und die Gefahr einer blutigen Auseinandersetzung reduzierte. Sie brachte einen Teil der Protagonisten dieser Fehde in italienische Haft. Ein Jahr später folgte eine weitere Razzia mit Festnahmen.

Wenn man die Abhörprotokolle von damals liest, fragt man sich, warum es danach so lange ruhig blieb. In den Dokumenten sind einige Mafiosi genannt, die in Freiheit blieben. Selbst in relativ kleinen Städten wie Rielasingen-Worblingen war die Mafia auch nach den zwei Razzien weiterhin vertreten.

Deutsches Recht nicht geeignet für Kampf gegen Mafia

Auch der Schweizer Ableger in Frauenfeld, der den Italienern aus Singen Konkurrenz machte, blieb lange unbehelligt. Erst Ende August 2014 wurden zwei Mitglieder der dortigen Zelle in Italien festgenommen. Die italienischen Carabinieri veröffentlichten zudem Aufnahmen einer Überwachungskamera, die ihre schweizer Kollegen am Versammlungsort der Zelle angebracht hatten. Dort wurde ein Locale getauft, eine wichtige Feier für jede Ortsgruppe der ’ndrangheta. Die Carabinieri hofften wohl, mit der Veröffentlichung die Schweizer Behörden zu einer Reaktion zu zwingen. Doch die 16 mit Namen und Adresse bekannten Frauenfelder Mafiosi blieben in Freiheit. Das schweizer Recht ist ähnlich wie das deutsche nicht allzu gut für den Kampf gegen die Mafia geeignet. Die Mitgliedschaft in einem Clan ist in der Schweiz nur schwer als Straftat zu werten.

Die nun erfolgten Festnahmen in Singen haben weitere, aus früheren Ermittlungen bekannte Personen festgesetzt. Sie zeigen aber auch, wie stark die ‘ndrangheta in Süddeutschland vertreten ist. In dem Haftbefehl heißt es, die Ermittlungen hätten gezeigt, dass es neben der Società in Singen auch Locale in Rielasingen, Ravensburg und Engen gebe, die in enger Bindung zur ’ndrangheta in Reggio Calabria stünden. Um als Locale zu gelten, braucht eine Gruppierung mindestens 49 Mitglieder. Man kann also allein in den vier Städten Singen, Ravensburg, Rielasingen und Engen von mindestens 200 Mitgliedern ausgehen. Die ranghöchsten von ihnen - acht Personen – sind nun festgenommen worden und werden vermutlich nach Italien ausgeliefert.

Doch sicher scheint es, dass die Gruppierungen im Bodenseeraum sich reorganisieren werden – und es damit weitere Razzien geben wird.

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