HOME

Kommunalwahl in Spanien: Ada Colau - die Frau, die mit ihrem Herzen schreckt

Parteien - wie die Mafia, Korruption - systemisch, neue Jobs - wie Sklaverei. Dank dieser Polemik könnte die Linke Ada Colau Bürgermeisterin von Barcelona werden - zum Schrecken des Establishments.

Von Joachim Rienhardt

Heldin der Straße: Ada Colau-Anhänger mit dem Bild der wohl künftigen Bürgermeisterin von Barcelona

Heldin der Straße: Ada Colau-Anhänger mit dem Bild der wohl künftigen Bürgermeisterin von Barcelona

Für Parteifreunde von Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy ist sie wahlweise ein "Nazi" oder eine "Terroristin". Für die "Financial Times" ist sie "die Stimme der Empörten". Und für Meinungsforscher ist Ada Colau nichts weniger als die künftige Bürgermeisterin von Barcelona. Umjubelt von 2500 Anhängern steigt die 41-Jährige auf das Podium an der Plaça Major in Barcelonas Arbeiterviertel Nou Barris. Ihr Lächeln wirkt herzlich, ihre Worte allerdings sind wenig kompromissbereit. Sie sagt: "Ihr müsst euch entscheiden. Entweder für die Mafia oder für die Bürger. Es geht darum, die Mafia aus der Stadt zu vertreiben."

Die Mafia - damit meint Ada Colau die lokale nationalistische und die beiden etablierten Parteien, Konservative und Sozialisten, die sich seit dem Ende der Militärdiktatur an der Regierung abwechseln und fast täglich mit neuen Korruptionsskandalen für Schlagzeilen sorgen. Auf der Bühne hinter Colau flattert eine rote Fahne, darauf die Bilder der Politiker, die dabei erwischt wurden, illegal Millionen eingesackt zu haben: ein ehemaliger Chef des IWF, der einstige Ministerpräsident Kataloniens und der Schwiegersohn des ehemaligen Königs Juan Carlos. "Die Korruption ist systemisch in diesem Land", sagt Colau. "Es muss damit ein Ende haben."

Vorgeschmack auf die Parlamentswahlen

Die ehemalige Philosophiestudentin könnte die Neuordnung von Spaniens politischer Landschaft einläuten. Am kommenden Wochenende werden in fast allen Provinzen des Landes Bürgermeister und Gemeinderäte bestimmt. Das Ergebnis wird einen Vorgeschmack darauf geben, was Spanien bei den Parlamentswahlen im Herbst bevorsteht: Das Ende des Zwei-Parteien-Systems und, so hoffen die Spanier, damit auch endlich das Ende der Selbstbedienungsmentalität der politischen Elite.

Hinter der Neuordnung steckt die Bürgerbewegung "Podemos", angeführt vom jungen Politikprofessor Pablo Iglesias, bekannt durch seinen Haarzopf. Er unterstützt auch Colau. Bei den Europawahlen im vergangenen Jahr hat Iglesias Partei acht Prozent eingefahren und das Establishment schockiert. Gerade hat er sein Programm vorgelegt. Es ähnelt dem der Sozialisten unter Felipe González 1982. Podemos könnte damit zur zweitstärksten Kraft in Spanien avancieren. Im Gegensatz zu Syriza in Griechenland gibt sich Podemos europafreundlich, Brüssel ist kein Feindbild. Ähnlich stark ist die Parteineugründung "Ciudadanos". Die rechtsliberale Bewegung könnte vor allem den Konservativen Verluste bescheren.

Profi-Politik aus der Not heraus

"Ich wollte nie professionelle Politikerin werden. Aber jetzt sind wir in einer Notsituation, wirtschaftlich und auch sozial", sagt Ada Colau im Gespräch. Früher kämpfte sie als Aktivistin für Menschenrechte, demonstrierte gegen die Kriege im Irak und Afghanistan. Vor sechs Jahren dann gründete Colau einen Selbsthilfeverein für von Zwangsräumung betroffene Spanier. Sie unterstützte diese bei Verhandlungen mit den Banken, mitunter auch bei Besetzungen leer stehender Häuser. Damit wurde sie im Land zur Heldin, obwohl bürgerliche Medien kaum über sie berichten. Dort werden vor allem die Botschaften des amtierenden Regierungschefs verbreitet - Spanien stehe am Ende der Rezession, verkündet etwa Regierungschef Rajoy, Spanien schaffe mehr Arbeitsplätze als jedes andere Land Europas.

"Ich weiß nicht, in welcher Welt dieser Mann lebt", sagt Colau. "Ich sehe, wie die Ungleichheit tagtäglich größer wird." Tatsächlich hat knapp die Hälfte der neuen Arbeitsverträge eine Dauer von gerade mal sechs Tagen. Die meisten Neuanstellungen werden mit maximal 800 Euro vergütet. "Verhältnisse wie in der Sklaverei", sagt Colau. Allein in Barcelona hat die Stadtverwaltung säumigen Zahlern in 80.000 Wohnungen Strom und Wasser abgestellt. Jeden Monat werden 1000 Wohnungen zwangsgeräumt, weil Familien die Hypotheken nicht mehr bezahlen können. Eine halbe Million sind es bislang landesweit. "Dabei gibt es genügend leer stehende Wohnungen und in einer reichen Stadt wie Barcelona auch genügend Geld", sagt Colau. "Wir müssen es nur gerechter verteilen."

Sie möchte Barcelona zu einem Projekt für transparente Verwaltung und gewissenhaften Umgang mit öffentlichen Mitteln machen, zu einem Beispiel für ganz Südeuropa. Wird Colau gewählt, will sie mit dem eigenen Salär ein Zeichen setzen - und als Stadtoberhaupt ihr Gehalt auf 2200 Euro netto begrenzen.

Mitarbeit: Barbara Platsch