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"Rede endlich!"

Vor einem Jahr wurde die 17-jährige Anneli ermordet. Jetzt geht der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter zu Ende. Bis zuletzt hofften die Eltern auf Erklärungen.

Von Holger Witzel

Auf einem Hof im sächsischen Lampersdorf ist die Leiche von Anneli-Marie Riße gefunden worden

18. August 2015: Auf einem Hof im sächsischen Lampersdorf ist die Leiche von Anneli-Marie Riße gefunden worden. Die Polizei hat das Gelände abgesperrt.

Im August 2015 liegen in Robschütz bei Meißen zwei auf der Lauer. Sie haben Äther und Kabelbinder dabei und beobachten eine Familie, die am Dorfrand lebt. Ihr Ziel ist deren Tochter – und ein Lösegeld von 1,2 Millionen Euro. Viel weiter denken sie nicht. Sie haben weder Gesichtsmasken noch eine Idee für die Geldübergabe. Dass sie trotzdem einfach zuschlagen, macht sie besonders gefährlich.

Ein Jahr später ist es umgekehrt: Was von der Familie noch übrig ist, beobachtet die beiden Männer. Oft sitzen sie sich zweimal pro Woche im Landgericht Dresden gegenüber. Das Ziel der Familie ist die Höchststrafe – und eine Antwort auf die Frage, warum die Tochter und Schwester sterben musste. Viel weiter als bis zum nächsten Verhandlungstag planen sie kaum. Und dass der im Gerichtssaal nicht einfach aufspringt und zuschlägt, macht die Unterschiede zwischen den Opfern und den mutmaßlichen Tätern noch deutlicher.

Die Angeklagten: zwei gescheiterte Existenzen

Hier sitzen sich Menschen gegenüber, die zwar einmal dieselbe Postleitzahl hatten – aber in verschiedenen Welten lebten. Die eine war hell, die andere dunkel. Eine schien perfekt, die andere perfektionierte nur den Schein.

, heute 40, und sein Komplize Norbert K., 62, sind zwei gescheiterte Existenzen. Sie stammen aus Pforzheim und Berlin, beide fanden Unterschlupf bei Partnerinnen in Sachsen, bis zumindest einem von ihnen kein anderer Ausweg aus Schulden und Schaumschlägerei mehr einfiel als Menschenraub und Erpressung.

Auf der anderen Seite sitzen Ramona und Uwe Riße sowie ihre ältere Tochter Anett, 32. Vater Riße machte sich 1990 aus einer Baubrigade der LPG heraus selbstständig, führt heute mit seiner Frau ein kleines Imperium aus Baufirmen, Pensionen und Immobilien und trauert mit der Familie seit einem Jahr um das Nesthäkchen Anneli-Marie, das mit 17 Jahren ermordet wurde.

Die Eltern wollen das Andenken an ihre Tochter lebendig halten. Sie haben eine Stiftung gegründet und eine Homepage eingerichtet, auf der man Anneli beim Klavierspiel zuhören und die berührenden Gedichte ihrer Mutter lesen kann. Einmal stellen sie Bilder von Anneli auf ihren Tisch im Gerichtssaal, bis die Vorsitzende Richterin das untersagt.

Umso dunkler wirkt das Schweigen der anderen Seite. Die Versuche der Verteidiger, mehr Schuld auf den jeweils anderen Angeklagten zu schieben. Mehrfach rührt der Vater den Saal zu Tränen, weil er mit den eigenen ringt. Nur einmal verliert er in den ersten Tagen die Fassung: "Rede", faucht er Markus B. auf dem Weg in die Pause an. "Beende diese Folter für uns und rede endlich!"

Doch nichts dergleichen passiert. In den nächsten Tagen soll nun das Urteil fallen. Nach der Beweisaufnahme und den Forderungen von Staatsanwältin und Nebenklage droht den Angeklagten lebenslänglich.

Dass Annelis Familie ein Leben lang leiden wird, steht schon vor dem Urteil fest. Die vier Tage, die sie nach der noch hofften, erscheinen im Rückblick vor Gericht nahezu unerträglich.

Die Eltern der ermordeten Anneli: Uwe Riße und seine Frau Ramona verfolgen jeden Verhandlungstag

Uwe und Ramona Riße, die Eltern von Anneli, verfolgten jeden Verhandlungstag

Der 13. August 2015 ist ein Donnerstag, einer der letzten heißen Tage dieses Supersommers. Nach dem gemeinsamen Abendbrot schwingt sich Anneli auf ihr Fahrrad, um den Jagdhund Paula noch eine halbe Stunde rennen zu lassen. Dass sie die abendliche Gassirunde übernimmt, ist neu. Die Familie macht schon Witze, ob sie vielleicht einen Verehrer trifft. An ihrem Gymnasium gibt es etliche davon. Sie ist beliebt, spielt Gitarre und Klavier und freut sich auf das letzte Jahr vor dem Abitur. In den Ferien hat sie ihr Zimmer renoviert und mit ihrer Mutter neue Möbel gekauft. Für Fahrstunden jobbt sie im Unternehmen des Vaters.

Schon früh läuft alles aus dem Ruder

Die Familie macht aus ihrem Wohlstand keinen Hehl, trägt ihn aber nicht vor sich her. "Anneli", so ihr Vater vor Gericht, "war er sogar manchmal peinlich." Und weil auch Uwe Riße trotz Selfmade-Millionen seinen Rasen selbst mäht, hört er den ersten Anruf der Entführer nicht.

An einem Feldweg, nur anderthalb Kilometer entfernt, muss Markus B. kurz zuvor aus dem Gebüsch gesprungen sein. Er hat Papiertaschentücher mit Äther getränkt und versucht, sie dem Mädchen ins Gesicht zu drücken. Bereits da lief alles aus dem Ruder.

Das Narkosemittel stammt aus einer Apotheke, in der B. seit Jahren Kunde ist. Angeblich will er Hühner betäuben, doch weil Äther nicht oft verlangt wird, ist die Apothekerin unsicher, ob sie ihn überhaupt frei verkaufen darf. B. versucht, ein Rezept von einem Arzt zu bekommen, bei dem er wegen Hautkrebs in Behandlung ist. Der lehnt ab. Dafür hat sich die Apotheke schlaugemacht: Wer sich ausweist und registrieren lässt, kann Äther kaufen. Für 250 Milliliter zahlt B. knapp neun Euro.

Vielleicht ist es am 13. August zu heiß für die flüchtige Verbindung. Auf jeden Fall wirkt sie nicht. Anneli wehrt sich so heftig, dass Norbert K. helfen muss. Eigentlich, so lässt er seinen Anwalt sagen, sollte er nur das Auto fahren. Doch selbst zu zweit schaffen sie es nicht, das Mädchen in den Kofferraum zu sperren. Schließlich setzt sich Markus B. mit ihr auf den Rücksitz. Und womöglich ist das auch schon der Moment, in dem beiden Entführern beim Blickkontakt über den Rückspiegel klar wird, dass sie etwas nicht bedacht haben: Sie tragen keine Masken. Benutzen B.s Auto. Das Mädchen wird sie wiedererkennen.

Das letzte Lebenszeichen

Nicht lange danach steigt Uwe Riße vom Rasentraktor. Sein Handy auf dem Terrassentisch zeigt einen verpassten Anruf von Anneli an. Erst denkt der Vater an einen Unfall, als sich bei seinem Rückruf eine Männerstimme meldet, dann an einen Scherz: "Zahle 1,2 Millionen, oder dein Kind ist in Polen." Weil sich die seltsame Forderung sogar reimt, fragt Riße belustigt zurück: "Lire oder Kieselsteine?" Dann hört er seine Tochter kurz schreien.

Es ist 19.57 Uhr und offenbar kein Spaß. Ihr letztes Lebenszeichen beschreibt Uwe Riße als "so einen ungläubigen Schrei – als hätte man sie gekniffen". Er hat ihn bis heute im Ohr.
Einen Moment steht der Vater wie versteinert da, bevor er zu seinem Auto rennt. Seiner Frau ruft er zu, sie solle über 110 die alarmieren. Dann rast er los.

Unterwegs ruft er noch mal bei Anneli an, hört dort ein Autoradio. Schließlich wird das Handy abgeschaltet, und er entdeckt seine Hündin Paula. Sie ist an Annelis Fahrrad gebunden und bellt. Der Vater nimmt sie mit und sperrt den Feldweg provisorisch ab.

Als Riße zurück ins Haus kommt, ist die Polizei schon da. Experten vom LKA übernehmen den Fall, und im Chaos mit all den fremden Menschen geht gegen 21 Uhr der nächste Anruf der Entführer fast unter. Sie hinterlassen eine Sprachnachricht: "Wir haben Tochter. Ist nun gekommen in Tschechien an!"

Der Sprecher bemüht sich um gebrochenes Deutsch, doch als die Sätze vor dem Dresdner Landgericht nochmals abgespielt werden, ist auch ein schwäbischer Einschlag zu hören. Das Geld solle am nächsten Tag gegen zwölf Uhr bereitstehen, sagt der Anrufer. Dann legt er auf.

Die Polizisten richten ihre Technik auf die erste Nachtschicht ein. Uwe Riße telefoniert mit seiner Bank. Er stellt es sich schwierig vor, so eine hohe Summe in bar zu beschaffen. Noch dazu am Freitagvormittag. Aber die Bank will alles organisieren.

Unterdessen sitzt Anneli – nur zehn Kilometer Luftlinie entfernt – an einen Stuhl gefesselt in einem Schuppen. Der idyllische Dreiseit-Hof in Lampersdorf gehört der Schwiegermutter von Markus B. Erst vor wenigen Tagen ist sie mit dessen Frau und den Söhnen, 8 und 9, nach Burgebrach in Oberfranken gezogen. Die Frauen haben dort besser bezahlte Arbeit gefunden. B. hat ein neues Haus gekauft.

Ein notorischer Betrüger

Seine Schulden summieren sich dadurch auf mehr als 570.000 Euro. Mahnungen häufen sich. Die neue Einbauküche will bezahlt sein. Aber Frau und Schwiegermutter beruhigt B. stets damit, dass er bald eine Erbschaft erwarte. Außerdem gehöre seiner Familie ein Grundstück in allerbester Stuttgarter Lage. "Er konnte gut reden", sagt seine Frau, die inzwischen die Scheidung eingereicht hat. "Er spielte den Millionärssohn", so die Exschwiegermutter.

Erst durch die Ermittlungen erfahren die beiden Frauen, dass B.s ganzes Leben eine Lüge ist. Nicht einmal der Beruf stimmt. B. ist kein Koch auf dem Weg in die Selbstständigkeit, sondern ein notorischer Betrüger mit elf Vorstrafen. Zweimal saß er schon wegen Betrugs im Gefängnis. Nach seiner Verhaftung kommt heraus, dass er offenbar auch fremdging, während seine Frau arbeitete und er die Kinder betreute. Die Söhne hat er zum Schweigen gebracht, indem er drohte, ihnen Spielzeug wegzunehmen oder die Mama zu verlassen. Einmal hat er sie wohl auch mit einem Messer bedroht.

Mordfall Anneli: Im Gericht versteckt der Angeklagte Markus B. sein Gesicht hinter einem Notizbuch.

Die mutmaßlichen Täter handelten unbedacht, ohne einen ausgefeilten Plan und ohne Gesichtsmasken. Im Gericht versteckt der Angeklagte Markus B. sein Gesicht hinter einem Notizbuch.

Am Ende der Vernehmung vor Gericht hat Uwe Riße noch eine Frage an die Ehefrau des mutmaßlichen Mörders seiner Tochter: "Wie verkraften es Ihre Kinder?" Es scheint ehrliches Mitgefühl zu sein. Die Frau blickt dankbar zu Annelis Eltern, aber bekommt kein Wort mehr heraus und schüttelt nur traurig den Kopf. Markus B. schaut nicht einmal auf.

Schon in einem früheren Verfahren hat ein Psychiater von "extremen Machtdemonstrationen" gesprochen, mit denen B. berufliches Versagen kompensiere, sich und anderen etwas vorgaukele. Der Gutachter im Anneli-Verfahren sieht neben diesen "geltungsbedürftigen Persönlichkeitszügen" vor allem ein "unkritisches Selbstbild" , aber noch keinen schuldmindernden Narzissmus: B. halte sich vermutlich nur für schlauer, als er sei.

So kann man es ausdrücken, wenn ein Entführer erst nach der Geiselnahme googelt, wie man das Lösegeld überweisen könnte. Die ganze Nacht zum Freitag soll Markus B. damit verbracht haben. Im Suchverlauf finden sich aber auch schon Begriffe wie "Ersticken durch Plastiktüte" oder "Autogase."

Um fünf Uhr am Freitagmorgen ist auch Uwe Riße nach zwei Stunden Schlaf wieder wach. "Alles wird gut", flüstert er seiner Frau noch ins Ohr. Dann kümmert er sich weiter um das Lösegeld. Bei der Hausbank gibt es nun doch Probleme mit der Summe. In all ihren Dresdner Filialen sind nicht mehr als 800.000 Euro aufzutreiben. Eine Meißener Bank hilft mit dem Rest. Am späten Vormittag sammelt Uwe Riße das Geld ein. Überpünktlich, kurz vor zwölf, melden sich die Erpresser wieder.

Auf einmal heißt es, die Familie solle das Geld auf ein maltesisches oder malaysisches Konto überweisen. Als Riße fragt, wie das ohne Name und Kontonummer gehen solle, wird der Erpresser unwirsch: Er solle sich nicht so blöd anstellen, das stehe alles bei Facebook. Ratlos sitzt die Familie danach mit 1,2 Millionen Euro zu Hause. Dass Anneli zu diesem Zeitpunkt um ihr Leben bettelt, gerade stirbt oder gar schon tot ist, daran wagen sie nicht zu denken.
Alles, was über Annelis Todesumstände bekannt ist, stammt aus einem früheren Teilgeständnis von Norbert K. gegenüber der Polizei. Demnach will er immer nur eine Art Handlanger für B. gewesen sein, der ab und zu Arbeiten auf dem Grundstück ausgeführt hat.

Als Anneli vor Gericht noch einmal stirbt, verlassen ihre Eltern zum ersten und einzigen Mal den Saal

K. wächst in Westberlin auf, arbeitet im Grunewald als Forstwirt und später bis 1990 im Blumenladen seiner Mutter. Danach führt er mehrere Ehen und hat eigene Läden in Nord- und Süddeutschland. Jedesmal laufen die Geschäfte und Beziehungen nur ein paar Jahre lang gut.

2005 zieht er von Wilhelmshaven nach Dresden, wo er eine Lehrerin heiratet und zwei Jahre später wieder geschieden wird. Er versucht sich im Handel mit Immobilien, mit Edelmetall und Wein, aber lebt letztlich von Hartz IV. Trotzdem ist er finanziell nicht so stark unter Druck wie Markus B. – und noch nicht vorbestraft. Ein eher passiver Mensch, wie der psychiatrische Sachverständige bescheinigt, der sich loyal unterordnet und dennoch jederzeit wusste, was er tat oder auch nur unterließ.

Als Norbert K. am Freitagmittag aus seiner Dresdner Wohnung wieder auf den Hof in Lampersdorf kommt, soll Anneli noch gelebt haben. Der Polizei gegenüber schildert er später, dass sie nach wie vor auf dem Stuhl in der Scheune saß, an Händen und Füßen mit Kabelbindern gefesselt, aber bereits mit einer Plastiktüte über dem Kopf. Dann sei Markus B. zur Tat geschritten.

Norbert K., einer der beiden Angeklagten im Mordfall Anneli, wird mit Handschellen in den Gerichtssaal geführt.

Norbert K., einer der beiden Angeklagten, wird mit Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Er will nur der Handlanger von Markus B. gewesen sein.

Nach Auffassung von K.s Verteidiger dürfen dessen Aussagen vor Gericht nicht verwertet werden, weil er bei seinem Geständnis völlig übermüdet gewesen sei. Der Anwalt von B. sagt, es sei nicht bewiesen, dass B. getötet habe. Im Wesentlichen bestätigt auch der Gerichtsmediziner nur, dass Anneli wahrscheinlich mit einem Spanngurt erdrosselt wurde. Angeblich wollte K. Markus B. noch abhalten, aber der habe sich nicht wegstoßen lassen. Danach habe er ihn erst mal Getränke holen geschickt. Volvic musste es sein.

Als Anneli vor Gericht noch einmal stirbt, verlassen ihre Eltern zum ersten und einzigen Mal den Saal. Sie kennen den Obduktionsbericht schon. Wenn es aber eine Möglichkeit gäbe, mehr zu erfahren, würden sie es wissen wollen. Auch wenn es im Ergebnis keinen Unterschied macht, ob ihre Tochter bereits unter der Plastiktüte erstickte, die ihr Mörder mit Kabelbindern verschlossen hatte, oder erst durch den Spanngurt. Ob es acht Minuten oder länger dauerte. Mehr Klarheit würde helfen, sich die letzten Minuten nicht noch schlimmer auszumalen. Wieder und wieder.

Habgier und Dummheit

Allerdings bleibt die Frage nach dem "wie" nicht die einzig offene. Die andere ist: Warum musste Anneli sterben? Rein juristisch bleibt wahrscheinlich nur die sogenannte Verdeckungsabsicht für die Entführung übrig. Dummheit gilt nicht als Mordmerkmal. Neben Habgier – Markus B. soll seinem Komplizen 400.000 Euro vom Lösegeld versprochen haben – muss man den gnadenlosen Dilettanten aber genau das vorwerfen: Anneli starb wohl vor allem, weil die mutmaßlichen Täter gemeingefährlich dumm waren.

Markus B. scheint außerdem erschütternd kaltblütig zu sein. Noch am Tag von Annelis Tod führt er einen Makler und mehrere Kaufinteressenten über den Hof. Er hat großspurig die Verhandlungen für seine Schwiegermutter übernommen und es nach Aussage der Besucher nur etwas unangemessen eilig: Er will unbedingt noch das Stadtfest in Dresden besuchen.

Wahrscheinlich fährt er sogar dorthin und kehrt am Sonnabendnachmittag zurück zu seiner Familie nach Burgebrach. Annelis Eltern bangen und hoffen derweil noch das ganze Wochenende auf irgendein Zeichen.

Ein Jahr später vor Gericht warten sie wieder. Nur diesmal ohne jede Hoffnung.

Norbert K. riskiert manchmal einen schüchternen Blick zu Annelis Angehörigen, die für ihn im Gegenlicht vor den Fenstern sitzen. Anders als B., der sich vor den Fotografen stets mit Kappe und Aktenordner verbirgt, wirkt K. manchmal sogar, als empfinde er so etwas wie Reue. Für Uwe Riße bleibt er trotzdem ein "Handlanger des Todes". Der Unternehmer nennt Markus B. am Ende der Beweisaufnahme eine "Ausgeburt der Hölle". Die Selbstbeherrschung fällt auch ihm von Tag zu Tag des Prozesses schwerer.

Ähnlich muss es den Polizisten gegangen sein, als sie am dritten Tag nach der Entführung die mutmaßlichen Täter identifizieren, aber nicht sofort zuschlagen können. Am Fahrrad von Anneli hat sich DNA von Markus B. feststellen lassen, deren Code aus früheren Ermittlungen gespeichert war. Seitdem haben die Ermittler ihn auf dem Schirm, hören Telefonate mit und kommen so auch schnell auf Norbert K. In der Hoffnung, dass sie einer der Verdächtigen zum Versteck der Geisel führt, observieren die Polizisten zunächst weiter.

Selbst eine Polizisten bricht in Tränen aus

Nachdem erste Details durch Polizeimeldungen flackern, meldet sich ein Kripobeamter aus Baden-Württemberg bei den Kollegen. Die krumme Summe und der Äther haben ihn aufhorchen lassen. Wenige Tage zuvor hatte ein Unbekannter versucht, zwei Supermarktketten zu erpressen. Er drohte mit einer "Ätherbombe", verlangte ebenfalls 1,2 Millionen Euro und scheiterte letztlich an Angaben für ein Überseekonto. Einmal meldete er sich aus einer Telefonzelle an der A 72 zwischen Chemnitz und Hof – von genau der Strecke, die B. oft nach Oberfranken pendelte. Die Kontonummer sollte in einer Zeitungsanzeige erscheinen. Dazu der Text: "Für Onkel Meier. Alles Gute."

In ihrer Verzweiflung versuchen es Polizei und Eltern mit einer ähnlich verschlüsselten Botschaft bei Facebook: Sie wissen, dass Markus B. bei seinen Recherchen vor der Entführung Rißes Firmenseite bei Facebook mit einem "Gefällt mir" markiert hat. Nach vier Jahren ohne jede Aktualisierung posten sie dort einen scheinbar lapidaren Werbetext: "Neu: Wir unterstützen Sie bei der Finanzierung Ihrer Vorhaben! Treten Sie unbedingt mit uns in Kontakt!" Aber die Internetnachricht nützt ebenso wenig wie ein offener Brief in den Medien.

Am Abend des 16. August schneidet die Polizei schließlich ein Telefonat mit, in dem K. und B. 14 Minuten lang wie zwei dümmliche Schulkinder reden, die ahnen, dass man ihnen auf die Schliche kommen könnte, aber die auch nicht dadurch auffallen wollen, dass sie das entscheidende Thema ganz vermeiden.

"Hast du von der Entführung gehört?", fragt K. "Ich hab davon im Internet gelesen" , antwortet B. "Kenne die Familie aber nicht." Und K. sagt: "Die Kleine tut mir leid!" Später plaudern die Entführer übers Wetter und irgendwelche Container. B. gibt den liebevollen Vater, der den ganzen Tag mit seinen Jungs gespielt hat.

Am nächsten Morgen – Auslöser waren wohl die erwähnten Container – steht das SEK bei K. vor der Tür. Nach einigem Leugnen bricht er weinend zusammen.

Im Prozess berichtet eine Polizistin von dem Verhör. Als sie von der Verteidigung zu formalen Mängeln des Protokolls befragt wird, bricht auch sie in Tränen aus. "Auch wir", so die 49-Jährige, "haben ja immer noch gehofft, das Mädel vielleicht lebend zu finden."

Ihre Vernehmung muss unterbrochen werden. Und Uwe Riße springt auf. Er läuft mit schnellen Schritten auf die Angeklagten zu. Den Justizbeamten stockt der Atem, selbst die beiden Angeklagten blicken erschrocken auf. Lässt dieser beherrschte Mann sich doch noch hinreißen?

Aber Annelis Vater folgt nur der Polizistin vor die Tür.

Um sie zu trösten.

Diese Reportage ist übernommen aus dem aktuellen stern


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