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FAI - Anarchisten distanzieren sich

Nicht zum ersten Mal hat die angeblich anarchistische Gruppe FAI zugeschlagen. Doch die Briefbombenattentate von Frankfurt und Rom werfen eine Frage auf: Wer steckt eigentlich hinter der Organisation?

Von Manuela Pfohl

  Logo der angeblich anarchistischen "Federazione Anarchica Informale", die sich unter anderem zum Briefbombenanschlag auf Ackermann bekannte

Logo der angeblich anarchistischen "Federazione Anarchica Informale", die sich unter anderem zum Briefbombenanschlag auf Ackermann bekannte

Wer ist eigentlich diese FAI? Zwei Tage nach dem verhinderten Briefbombenanschlag auf Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat sich eine Gruppe mit diesem Kürzel auch zum Anschlag auf den Generaldirektor der italienischen Steuereinzugsgesellschaft Equitalia bekannt. Marco Cuccagna war am Freitag an der Hand und am Auge verletzt worden, nachdem er einen Sprengstoffbrief geöffnet hatte. Auch zu der am Mittwoch in Frankfurt entdeckten Briefbombe an Ackermann hatte sich die angeblich linke italienische "Federazione Anarchica Informale" (FAI) bekannt. Seitdem gibt es neben vielen Fragen zu der Gruppe, einen Verdacht und keine Antworten.

Für die linke Szene sind die Aktionen der Gruppe ein echtes Problem. Nicht nur, weil die "FA Informale" häufig fälschlicherweise mit der ebenfalls unter FAI firmierenden "Federazione Anarchica Italiana" gleichgesetzt wird, die jede Gewalt ablehnt. Durch die Aktionen der "Federazione Anarchica Informale" gerät die Linke einmal mehr in einen allgemeinen Terrorverdacht - ohne selbst viel dagegen tun zu können. Dass sich unmittelbar nach Bekanntwerden des versuchten Attentats auf Ackermann mehrere anarchistische Gruppen von den Anschlagsplänen distanzierten, sie verurteilten und erklärten, die "Federazione Anarchica Informale" gehöre nicht zur libertär/anarchistischen Bewegung, findet sich bestenfalls in den einschlägigen Foren wieder. Und zwar gleich neben dem verzweifelten Versuch, endlich herauszufinden, wer eigentlich hinter der "FA Informale" steckt, die der radikalen Linken seit einiger Zeit in regelmäßigen Abständen den Ruf ruiniert.

Die deutschen Sicherheitsbehörden sind bei der Suche nach den vermeintlichen Anarchobombern zurzeit noch keine große Hilfe. Das hessische Landeskriminalamt, das die Ermittlungen am Freitagnachmittag an die Bundesanwaltschaft abgeben musste, vermutet nicht viel mehr, als dass es sich "bei der 'FAI' um eine terroristische, linksanarchistische Organisation handelt" und verweist darauf, dass die Gruppe in der Vergangenheit "mehrfach die Verantwortung für Anschläge gegen staatliche Organisationen in Europa mit Schwerpunkt in Italien übernommen" habe.

Anarchisten wehren sich gegen Vereinnahmung

Tatsächlich tauchte 2003 erstmals ein Bekennerschreiben der Gruppe beim Versuch eines Briefbombennschlags auf die EZB in Frankfurt am Main auf. Danach machte die "FA Informale" in regelmäßigen Abständen mit Briefbombenattacken auf sich aufmerksam und wird deshalb inzwischen vom italienischen Geheimdienst als terroristische Gruppe eingestuft. Die Ziele waren bislang ebenso so beliebig wie die Begründungen für die Attacken. Mal hieß es, man wolle sich für die Verhaftung dreier griechischer Anarchisten rächen, dann wieder ging es ganz allgemein gegen die "kapitalistische Ausbeutung" und schließlich war im April dieses Jahres die Atomlobby im Fadenkreuz der Gruppe - durch einen Bombenanschlag auf die Firma Swissnuclear im schweizerischen Olten.

Mit wem sie es konkret zu tun haben, scheinen auch die italienischen Ermittler nicht zu wissen. So erklärte ein Sprecher des Innenministeriums in Rom, der "FA Informale" sei "eine Vielzahl kleiner Gruppierungen zuzurechnen", wie etwa die "Brigade 20. Juli", die "Zellen gegen das Kapital, das Gefängnis, dessen Aufseher und Zellen" oder die "Revolutionäre Zelle Lambros Fountas". Zumindest im Fall der Fountas-Zelle bringen die Ermittler etwas mächtig durcheinander. Denn die Vertreter der Gruppe selbst erklärten schon vor einem Jahr, am 27. Dezember 2010, dass sie mit den Anschlägen der "FA Informale" nichts zu tun hätten. Im Gegenteil. Sie erklärten: "Wir verwahren uns dagegen, dass die Anschläge der Gruppe im Namen unseres von den Bullen erschossenen Genossen Lambros Fountas durchgeführt wurden." Fountas, ein griechischer Anarchist, war im März 2010 in Athen von der Polizei erschossen worden.

Kein Wort von "FA Informale" bei Facebook

Einigermaßen seltsam mutet es auch an, dass die knappen politischen Statements der "FA Informale" bislang den entsprechenden Bekennerschreiben zu entnehmen waren - und die bekamen in aller Regel nur die Sicherheitsbehörden zu sehen. Im Ackermann-Fall gibt es ebenfalls eine Merkwürdigkeit, die immerhin auch Udo Bühler, Sprecher des hessischen LKA, sieht. Wäre die Briefbombe an Ackermann explodiert, wäre nach Einschätzung des LKA auch das im Briefumschlag enthaltene Bekennerschreiben vernichtet worden und es hätte wahrscheinlich nie jemand erfahren, wer der Urheber der Tat war. Nur wozu fertigt die Gruppe dann überhaupt ein solches Bekennerschreiben? Nicht einmal in einem Facebookaccount, der ihr zugerechnet wird, verliert die "FA Informale" ein Wort zu den angekündigten Anschlägen. Und: Bislang hat es auch - ganz untypisch für eine linke Gruppe mit politischem Sendungsbewusstsein - noch nie eine ernsthafte politische Auseinandersetzung mit anderen anarchistischen oder linksradikalen Gruppen gegeben. Genauso unvermittelt, wie sie mit einem Anschlagsziel auftaucht, genauso schnell verschwindet die "FA Informale" auch wieder im Nichts. Wie ein Phantom.

Es scheint, als ob unter dem Label FAI europaweit schlicht nur Angst und Schrecken verbreitet werden soll. Sehr zum Verdruss der "Federazione Anarchica Italiana". Die seit Jahrzehnten existierende Anarchistentruppe, die ebenfalls das Kürzel FAI benutzt, hat mit Bombenanschlägen traditionell nichts am Hut.

In einer offiziellen Erklärung hatte die "FA Italiana" schon im Dezember 2003 die "schwerwiegende und schändliche Vorgehensweise" ihrer Konkurrenz angeprangert und vermutet: "Bei der 'FA Informale' handelt es sich mit aller Wahrscheinlichkeit um Provokateure, die im Auftrag staatlicher Stellen ihre Aktionen starten." Doch ist es wirklich vorstellbar, dass irgendwelche Behörden so weit gehen? Und wenn ja, was würden sie damit bezwecken?

Die radikale Linke hat einen Verdacht

In einigen linksanarchistischen Foren wird derzeit spekuliert, dass die Anschläge als Vorwand dazu dienen könnten, linke kapitalismuskritische Bewegungen nachhaltig zu kriminalisieren, weitgehende Überwachungsabsichten zu rechtfertigen und europaweit eine Verschärfung der Sicherheitsgesetze vorzubereiten. Dazu scheint zu passen, dass der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, Peter Altmaier, mit Blick auf den Briefbombenanschlag die umstrittene Vorratsdatenspeicherung wieder ins Feld geführt und erklärt hat, die Parteien in Deutschland könnten nicht mehr ewig darüber diskutieren. Der Bundestag wie auch die Koalition müsse hier "zu Potte kommen".

Auch der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Michael Hartmann, meldete sich postwendend zu Wort. In der "Neuen Osnabrücker Zeitung" wird er zitiert, er habe die Sorge, "dass wir in ein Klima des Klassenhasses zurückfallen könnten, das es in Deutschland in den 1970er-Jahren schon einmal gab". Hartmann forderte verstärkte Sicherheitsmaßnahmen: "Der polizeiliche Objekt- und Personenschutz sollte in dieser ernsten Situation bis auf Weiteres massiv hochgefahren werden."

mit DPA
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