Der Philosoph Robert Spaemann vergleicht die Sterbehilfe mit der NS-Euthanasie. Der Journalist Bartholomäus Grill hat seinen Bruder in den Freitod begleitet. Im stern-Gespräch prallen nun zwei überzeugungen aufeinander.

Robert Spaemann, 79, und Bartholomäus Grill, 52, Anfang November in Spaemanns Haus in Stuttgart© Andreas Oertzen
GRILL: Die letzte Reise meines krebskranken Bruders zu den Ster- behelfern von "Dignitas" nach Zürich muss für Sie eigentlich in höchstem Maße verwerflich sein.
SPAEMANN: Über die Entscheidung eines einzelnen Menschen urteile ich nicht, ich werde sie auch nicht verwerfen. Ich bin nicht betroffen von einer solchen Situation. Mein Interesse beginnt dort, wo die Dinge verallgemeinert werden, wo also nicht die Frage gestellt wird: "Hat Ihr Bruder Recht oder Unrecht getan?", sondern: "Sollte es solche Einrichtungen geben?" Einem Menschen, der in Not ist, kann man diesen Ausweg nicht vorwerfen, selbst dann nicht, wenn man einen solchen Ausweg in generalisierter Form falsch findet.
Sie haben einmal geschrieben, dass Sie den Freitod für einen Ausdruck verminderter Zurechnungsfähigkeit halten.
Ich habe nicht behauptet, dass jeder, der sich selbst tötet oder sich töten lässt, nicht zurechnungsfähig sei. Wohl gibt es sehr viele Selbsttötungen, die in einem Zustand der Unzurechnungsfähigkeit begangen werden.
Mein Bruder hat vor seinem Todestag alle Schmerzmittel abgesetzt, um im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte zu sein. Ich habe ihn noch nie so stark erlebt wie in seinen letzten Stunden.
Ich meine, am Anfang einer solchen Entscheidung stehen Hilflosigkeit und Schwäche. Ob dieser Weg dann ein Weg der Stärke oder der Schwäche ist, das will ich gar nicht entscheiden.
In Ihren Veröffentlichungen gehen Sie stets davon aus, dass alle Menschen eine fundamentale Solidarität verbindet. Wenn ich Sie recht verstehe, haben wir, die begleitenden Geschwister, durch unser Tun diese Solidarität zerstört. Sie postulieren weiter, dass eine Gesellschaft barbarisch werde, wenn sie diese Solidarität aufgebe.
Ja, so habe ich mich einmal ausgedrückt, aber das habe ich auf den Arzt bezogen, der tötet. Ihre Sterbebegleitung war nicht ein Akt der Entsolidarisierung.
Ich finde, wir haben die schwierigste Solidarität überhaupt geleistet. Wir sind unserem Bruder beigestanden. Er war sich sehr wohl bewusst, welche Zumutung er uns da aufbürdet. Aus unserer Sicht war es nicht ein Akt der Barbarei, sondern der Barmherzigkeit.
Ich nehme an, dass in Ihrem Fall das tatsächlich so ist, aber ich würde nicht so einen krassen Gegensatz zwischen Barbarei und Mitleid machen. Mitleid ist eine zweideutige Sache. Mitleidstötungen, die man ja immer wieder erlebt, auch in Altenheimen, geschehen oft aus "Mitleid", weil man sich nämlich selbst das Mitleiden ersparen will. Und so meine ich, dass sich auch eine Begleitung des eigenen Angehörigen auf diesem Weg mit einer klaren Missbilligung dessen, was er tut, verbinden kann. Ich habe versucht, als ich Ihre eindrucksvolle Schilderung gelesen habe, mir vorzustellen: "Wie hättest du selber gehandelt?" Nun sind alle diese Vorstellungen nicht sehr zuverlässig, denn man weiß nicht, was man im Ernstfall wirklich tun würde. Aber so, wie ich die Sache in dem Augenblick gesehen habe, als ich das las, dachte ich: "Ja, ich könnte meinen Bruder begleiten und könnte sagen, ich verlasse dich nicht bis zum letzten Augenblick, ich gehe mit dir, aber du weißt, dass ich es falsch finde, was du tust." Denn man kann jemanden auch begleiten auf einem falschen Weg. Aber ich kann nicht sagen: "Es soll dich nicht mehr geben." Neuere Untersuchungen zeigen, dass in der weitaus größten Zahl der Fälle der Suizid-Wunsch verschwindet, wenn der Patient erlebt: Es gibt jemanden, dem daran liegt, dass ich noch lebe.
Genau darüber haben wir im Kreise der Familie immer wieder diskutiert. Am Ende aber mussten wir entscheiden.
Was mussten Sie entscheiden?
Wir mussten entscheiden, ob wir seinen Weg billigen, um überhaupt mitgehen zu können.
Sie hätten sich auch entscheiden können zu sagen: "Nein, wir können das nicht billigen, aber wir gehen mit."
Lassen Sie mich noch einmal auf die Gefahren der Entsolidarisierung durch eine freizügigere Sterbehilfe zurückkommen ...
Die Entsolidarisierung fängt meines Erachtens da an, wo jemand die Selbsttötung akzeptiert, weil er sagt, das erspart mir die Aufwendungen, die auf mich zukommen, wenn der Kranke am Leben bleibt.
Sie meinen die explodierenden Kosten im Krankenhaus, wenn das Leben künstlich verlängert wird.
Ja. Denn bei jeder Art von Institutionalisierung der aktiven Sterbehilfe kommen diese Motive massiv nach vorne.
Sie befürchten also, dass aktive Sterbehilfe, wie sie zum Beispiel in den Niederlanden oder Belgien erlaubt ist, zu einem rein nutzbringenden Handeln führt, das nur noch von Zweckmäßigkeit geleitet wird?
Ja, und zwar ist das nicht nur eine vage Sorge, sondern eine Prognose, die man mit ziemlicher Sicherheit stellen kann, weil die Menschen nun einmal so sind, wie sie sind. Man sieht doch, dass die Tötung ohne Verlangen - also genau das, was die Nazis machten - die Beurteilung eines Lebens als nicht lebenswert voraussetzt. Menschen werden, ohne je danach verlangt zu haben, getötet, und zwar in einer jährlich wachsenden Zahl. Es gibt in den Niederlanden Fälle, in denen der Arzt sagt: Ich musste das schnell machen, weil ich die Betten brauchte. Das ist die Realität. Und über die kann man gar nicht hart genug sprechen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 48/2006