Schuss ins Blaue

9. September 2013, 18:21 Uhr

Der US-Bundesstaat Iowa stellt jetzt auch Blinden Waffenscheine aus und begründet das mit einem Antidiskriminierungsgesetz. Die Entscheidung stößt selbst im waffenvernarrten Amerika auf Kritik. Von Alexander Sturm

3 Bewertungen
Iowa, Waffenbesitz, Blinde, Waffengesetz, USA,

Waffenhandel in den USA: Der Bundesstaat Iowa sieht keinen Weg, Blinden Waffenscheine vorzuenthalten.©

Bis im waffenverrückten Amerika am Recht auf Schusswaffen gerüttelt wird, muss für gewöhnlich ziemlich viel zusammen kommen. Einmal mehr offenkundig wird das im US-Bundesstaat Iowa, wo Behörden nun auch Blinden Waffenscheine ausstellen und ihnen damit erlauben, in der Öffentlichkeit Waffen zu führen. Sie führen landesweit gültige Gesetze an, denenzufolge es verboten sei, Bürgern das Recht auf Waffen zu verwehren - selbst wenn die nicht mehr sehen, geschweige denn genau zielen können.

"Es hört sich etwas seltsam an, aber so wie sich die Gesetze lesen, können wir keinem Blinden die Erlaubnis nur aus diesem Grund verweigern", sagte eine Sprecherin des Sherif Departments von Polk County der Tageszeitung "US Today". Der Bezirk habe in mindestens drei Fällen Waffenscheine für Sehbehinderte ausgestellt, die nicht mehr Auto fahren dürften und nur mit Schwierigkeiten oder gar nicht die Gebrauchsanweisung für die Waffen hätten lesen können. Und Jane Hudson, Chefin der Initiative "Disability Rights Iowa" bekräftigt: "Das Bundesrecht verbietet jegliche Diskriminierung wegen Behinderungen."

Blindenverband wehrt sich gegen Verbote

Privater Waffenbesitz und selbst die Erlaubnis zum Jagen für Menschen mit Sehbehinderung ist in Iowa nichts Neues. Doch das Tragen von Waffen in der Öffentlichkeit wurde ihnen erst mit neuen Waffengesetzen möglich, die laut "US Today" 2011 in Kraft traten. Selbst im waffenvernarrten Amerika gibt es nun Kritik an der Regelung - selbst von solchen, die sich für Sehbehinderte einsetzen. Patrick Clancy, der eine Schule für Blinde leitet, sagt: Waffen seien eine der seltenen Ausnahmen in seiner Philosophie, wonach Sehbehinderte vollständig am Leben teilnehmen könnten. Zuspruch bekommt er von Vertretern der Polizei, die sich um die öffentliche Sicherheit sorgen. "Ich bin kein Experte, was Sehkraft anbelangt und weiß nicht, ab welchem Ausmaß Behinderungen den Waffengebrauch beeinträchtigen", sagt Jon LeClere, Sheriff im Delaware County "US Today". "Aber wenn man nur noch eine verschwommene Masse sieht, dann glaube ich, sollte man auf gar nichts mehr schießen."

"Wenn Sheriffe ihre Zeit dafür einsetzen würden, Waffen von Kriminellen fernzuhalten anstatt von Menschen mit Behinderungen, wären sie effizienter", hält dem Sheriff Warren Wethington entgegen. Er hat eine 21-jährige blinde Tochter, der er das Schießen mit halbautomatischen Gewehren beibringt - auf seinem Privatgrundstück im dünn besiedelten Cedar County. Auch die "National Federation of the Blind", die Interessenvertretung der Sehbehinderten in den USA, wehrt sich gegen Verbote. "Wahrscheinlich haben Blinde ebenso viel Verstand, eine Waffen nicht in solchen Situationen zu gebrauchen, in denen sie andere Bürger in Gefahr bringen könnten", sagte eine Verbandssprecher "US Today".

Ein Kurs im Internet genügt

Mit der Erlaubnis für Blinde geht Iowa laxer mit Bundesgesetzen zum Waffengebrauch um als andere Staaten. So schließe der "Federal Gun Act" aus dem Jahr 1968 Blinde nicht vom Waffenbesitz aus, schreibt die "US Today", doch viele Staaten hätten Gesetze geschaffen, um die Bedingungen für Sehbehinderte direkt oder indirekt zu regeln. In Nebraska etwa müsse ein Nachweis der Sehkraft in Form eines Führerscheins oder durch ein Attest eines Augenarztes vorgelegt werden. Auch South Carolina verlange eine Bescheinigung über das Sehvermögen, bevor ein Waffenschein ausgestellt werde. Und Missouri oder Minnesota forderten zwar keine speziellen Dokumente, allerdings müsse dort jeder Bewerber eine Schussprüfung bestehen, um sein Zielvermögen zu beweisen.

In Iowa sei zwar jeder Waffenträger verpflichtet, ein Training zu absolvieren. Doch dafür genüge ein Online-Kurs - ohne Schusstest und ohne jegliche praktische Einweisung.

 
 
stern Investigativ
Anonymer Briefkasten: Haben Sie Informationen für uns? Anonymer Briefkasten Haben Sie Informationen für uns? Hier können Sie uns anonym Mitteilungen und Dateien zukommen lassen. Wir behandeln sie vertraulich.
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von Amos: Habe dry-aged-Rind auf dem Wochenmarkt entdeckt: kann ich das in der Küche zubereiten oder nur auf...

 

  von Amos: Weiß noch jemand, was Palmsonntag bedeutet?

 

  von Gast 92291: Wie kann ich Rückenlage trainieren

 

  von Amos: Parkzeit und Knöllchen: wenn eine Stunde 1,40 Euro kostet. Und ich 2 Std. bezahlt habe, sollte ich...

 

  von Hefe: Kaugummi

 

  von Gast 92241: Romantikkomödie vor 15 Jahren

 

  von Gast 92239: Wie heißt der Film

 

  von Gast 92237: Ist es eigentlich Illegal einen Falschparker zuzuparken?

 

  von Gast 92234: kann mann zwei Pc+s an einen Monitor anschliessen?

 

  von Amos: Auf Deutsche Bundespost folgte auf den Marken "Deutsche Post". Steht nur noch Deutschland...

 

  von Gast 92227: Fassadendämmung: Poroton oder Weichholzplatten, was ist wirtschaftlicher?

 

  von Gast 92225: Kann ich bei Cortisoneinahme in die sonne.

 

  von Gast 92223: Was passiert wenn ein Schiff von einem Blitz getroffen wird ?

 

  von Schuening: parkplätze vorm Geschäft seit 16 Jahren

 

  von Gast 92220: Batteriewasser nachfüllen - Vorher oder Nachher???

 

  von bh_roth: PKW-Maut vs Kfz-Steuer

 

  von Gast 92211: müssen arbeitgeber überstunden versteuern

 

  von Gast 92207: wie reagiert die russische Landbevölkerung auf das momentane politische Geschehnen mit der Ukraine

 

  von Gast 92200: Windows XP support eingestellt und updates gibt es noch!!!

 

  von Amos: Weitere 1,1 MILLIARDEN für den Hauptstadtflughafen: sind Mehdorn und Wowereit noch zu retten?

 

 
 
stern - jetzt im Handel
stern (17/2014)
Der Schicksalsflug