Am Sonntag stimmen die Schweizer über eine Initiave für ein Waffenverbot ab. Die Männer, zumal in den ländlichen Regionen, gehen auf die Barrikaden. Denn Waffenbesitz ist für sie ein Kulturgut - willkommen im Texas Europas. Von Markus Götting, Zürich

Berühmtester Wilhelm-Tell-Darsteller und Waffenfreund: Der Steiner-Sepp aus Gersau im Kanton Schwyz© Andri Pol
Fehlt nicht mehr viel, und das Vaterland geht unter. Da ist der Steiner-Sepp ganz sicher. "Dieses linke Pack", schimpft er. Hoch droben auf dem Berg über Gersau im Kanton Schwyz scheint die Wintersonne, im Tal ruht der Vierwaldstättersee unter einer Nebeldecke. Die Leute hier oben, da ist Steiner keine Ausnahme, machen nicht viele Worte. Und wenn, dann sind sie für Fremde ohnehin kaum zu verstehen. Steiner trägt ein gelbes Gewand, ein braunes Fell als Weste darüber und Rauschbart dazu. Ein stattlicher Kerl, groß gewachsen. Er ist Armbrust-Hersteller von Beruf und nebenher der berühmteste Wilhelm-Tell-Darsteller des Landes. Eine Symbolfigur für Tradition in der Schweiz. Und die ist jetzt in Gefahr. Also die Tradition.
Am kommenden Sonntag stimmen die Schweizer über die so genannte "Initiative zum Schutz vor Waffengewalt ab". Die Debatte darum wird so emotional geführt, als entscheide sie über das Schicksal der Nation. Die Befürworter, dieses linke Pack, liegen in den Umfragen knapp vorn; und wenn sie gewinnen, dann werden demnächst die Schweizer ihre Pistolen aus dem Nachtchäschtli holen müssen und ihr Sturmgewehr aus dem Kleiderschrank und das alles im Zeughaus wegschließen lassen. Die Entwaffnung des tapferen Milizionärs, der nach Ende seiner Wehrpflicht daheim auf den Einsatz wartet - nicht nur für den Steiner-Sepp ist das eine schier apokalyptische Vorstellung. Die Schweizer sind ja quasi die Texaner Europas. In jedem dritten Haushalt eine Feuerwaffe, insgesamt zirkulieren zweieinhalb Millionen Knarren aller Art. Mindestens. So genau weiß das niemand, denn in einem Land, in dem zwar jeder Hund und jede Kuh mit einer Nummer erfasst wird, gibt es kein zentrales Schusswaffenregister. Neulich meldete die Armee, dass ihr rund 4500 Waffen fehlen. Müssen wohl irgendwie verschwunden sein.
Es ist viel passiert mit den Ordonnanzwaffen. Der Amoklauf im Kantonsparlament von Zug. Das Ehedrama der Skirennläuferin Corinne Rey-Bellet, die von ihrem Mann mit der Offizierspistole erschossen wurde. Ein junger Rekrut, der an einer Zürcher Vorstadtbushaltestelle ein Mädchen abgeknallt hat. Einfach so. Dazu Dutzende Selbstmorde jedes Jahr. Die Initiative wird vor allem von Frauen unterstützt, denen das Zusammenleben mit dem Sturmgewehr unheimlich ist. Die sich bedroht fühlen und oft genug auch bedroht werden. Die Zeitschrift "Annabelle" hat die Initiative groß gemacht, angeführt von einer deutschen Chefredaktorin. Auch das noch. Da dürfen die Frauen seit gerade mal 40 Jahren wählen, schon wollen sie die Jungs entwaffnen. Entwaffnen und Entmannen empfinden viele Schweizer als Synonym.
Die nationalen Mythen verblassen: Das Bankgeheimnis ist amerikanischen Terroristenjägern und einheimischen Datendieben zum Opfer gefallen. Nun ist auch noch die Wehrhaftigkeit in Gefahr. Dabei ist die Heimabgabe der Ausrüstung ein gut 300 Jahre altes Konzept. Je nach Einheit gehörte dazu eventuell auch ein Pferd oder bis vor ein paar Jahren das Armeefahrrad. Im Falle eines Angriffs soll sich der Wehrmann durchschießen bis zum Mobilmachungsplatz. Das war der Plan. Seit zwei Jahren schon hat man dem Wehrmann allerdings die so genannte Taschenmunition abgenommen. Er kann jetzt nur mehr mit der Waffe in der Hand zum Mobilmachungsplatz eilen - und unterwegs allenfalls peng peng rufen.
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