Die Mörder wussten nicht mehr weiter

20. April 2008, 09:19 Uhr

Vor zehn Jahren gestand die Rote Armee Fraktion ihr Scheitern ein und löste sich selbst auf. Fast drei Jahrzehnte lang hatte die RAF im Namen der Revolution gekämpft und getötet - am Ende waren die letzten Aktivisten verzweifelt, ratlos und isoliert. Von Stefan Schmitz

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Einer der letzten RAF-Anschläge: Eine Bombe zerfetzte 1989 das Auto und tötete den Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen©

"Die RAF ist die Antwort für die Befreiung noch nicht gewesen", heißt es in der Botschaft der Terroristen. Sie traf am 20. April 1998 bei der Nachrichtenagentur Reuters ein und bestätigte nur, was seit Jahren klar war: Die 1970 von Andreas Baader und Ulrike Meinhof gegründete Gruppe ist Geschichte, ihr mörderischer Kampf endgültig gescheitert.

67 Menschen starben, über 200 wurden verletzt. Was mit dem Traum von einer besseren Welt begann, endete mit einer langen Blutspur. Bis heute dauert die Diskussion um die Begnadigung der letzten Terroristen an - und noch immer leiden die Angehörigen der Opfer. Übrig blieb eine Reihe ungelöster Kriminalfälle, darunter die Morde an Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen und Treuhand-Lenker Detlev Karsten Rohwedder.

Es ging um Mord und Totschlag

Als Herrhausens Auto 1989 von einer Bombe zerfetzt wurde, mutmaßten führende Sicherheitsbeamte, die RAF habe zeigen wollen, dass sie jeden töten könne, egal wie gut er geschützt werde. Tatsächlich aber demonstrierte der Mord etwas anderes: Die Gruppe hatte die Kraft verloren, den Staat herauszufordern. Sie hatte nie eine Chance - aber jetzt war sie endgültig geschlagen. Denn es gab niemanden mehr, der bereit war, sie als Kriegspartei anzuerkennen. Sie sei eine "winzige und isolierte Gruppe von Guerilla-Kämpfern ohne Krieg", schrieb der Linguist Andreas Musolff.

Zu keinem Zeitpunkt hatte die RAF mehr als ein paar dutzend Kämpfer. Eine Bedrohung für den Staat konnte sie nur sein, wenn sie Unterstützer in der Bevölkerung fand. Eine Weile zumindest - Anfang der siebziger Jahre - schien ihr das zu gelingen. Doch dann wurde auch für revolutionsbegeisterte Veteranen der 68er-Bewegung immer deutlicher, dass es letztlich nicht um hehre Ziele ging, sondern um Mord und Totschlag ging.

1977 war der Höhe- und Wendepunkt. Es war das Jahr, in dem die RAF ihre Anführer aus dem Gefängnis befreien wollte - und zwar um jeden Preis. Im Frühjahr erschossen die Terroristen Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Seine Begleiter ermordeten sie gleich mit. Im Sommer musste Jürgen Ponto sterben, der Chef der Dresdner Bank - er hatte Widerstand gegen seine Entführung geleistet.

Nur noch eine Handvoll Desperados

Dann kam der Herbst, der bald der "Deutsche Herbst" genannt werden sollte. Die Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer und der Lufthansa-Maschine Landshut brachte den Staat an den Rand des Ausnahmezustands. Aber die Bundesregierung blieb unnachgiebig; opferte Schleyers Leben und befreite die Geiseln im Urlaubsflieger. Als sich die RAF-Anführer in der Nacht darauf in der Haftanstalt Stuttgart-Stammheim das Leben nahmen, war auch ihre Gruppe erledigt.

Der Mythos, dass es der Staat gewesen sei, der Andreas Baader und die anderen getötet habe, ließ die Reste der RAF noch eine Weile weiterleben. Aber spätestens nach dem Zusammenbruch der DDR funktionierte auch dieser Mythos nicht mehr. Denn die dort aufgespürten Terrorrentner packten über die Selbstmordpläne ihrer Altvorderen aus.

Was blieb, war eine Handvoll Desperados, die technisch immer perfekter töteten. Und so isoliert waren, dass die meisten der Täter aus den achtziger und frühen neunziger Jahren bis heute unerkannt geblieben sind. Ende 1992 kündigten sie an, das Morden einzustellen. Es klang mehr nach Verzweiflung als nach Strategie oder besserer Einsicht. Die Mitteilung der Selbstauflösung vor genau zehn Jahren war dann nur noch das späte Eingeständnis, dass der Weg des Terrors in eine Sackgasse geführt hatte, aus der es kein Entkommen gab.

 
 
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KOMMENTARE (10 von 10)
 
Avus (20.04.2008, 16:08 Uhr)
Motive der RAF
Jan Phillip Reemtsma, Kraushaar haben in ihrem Sozialforschungsinstitut aufgezeigt, dass bei der RAF weniger hehre Motive, sondern Narzissmus und Größenwahn dabei waren. Sicher auch blinde Rachegelüste. In einer Anfrage im Bundestag wurde das Thema kürzlich wieder behandelt, weil Entlassene (z.B. Klar, Dellwo, Vieth) z.B auf Rosa Luxeburg Veranstatungen weiterhin die Opfer verhöhnen und sich damit brüsken "der Nazikaste eins ausgewischt" zu haben. Dabei griffen zu den gleichen Mitteln (Erschießungen) wie die Nazis, schweigen und versuchen sich hinter Kollektivschuld zu verstecken.Zur Aufklärung tragen sie nichts bei. Die RAF ist an sich selber gescheitert. Sie ist aufgelöst. Aber das Gedankenvirus kreist noch bei einigen Wenigen im Kopf.
Georges13437 (20.04.2008, 15:53 Uhr)
Was wäre wenn?
Die Zeit von Baader, Raspe und Enzlin ist vorbei. Vielleicht sollte die Obrigkeit in gewisser Weise beruhigt sein, dass dieser Teil deutscher Geschichte in den 70ern abgelaufen ist und nicht im Zeitalter von Hartz 4 . Damals hatte die RAF keinerlei Rückhalt in der normalen Bevölkerung. Ich bin mir nicht so sicher, ob bei heutigem RAF-Terror die Abneigung der Menschen auch so grundlegend wäre. So gesehen sollten die Hohen Herren zufrieden sein, dieses nicht vergleichen zu müssen.
MfG Georges 13437
Jaynay (20.04.2008, 14:28 Uhr)
hm
@albundy69: und welche zukünftigen Aussenminister sollen das sein?
Sie werden lachen, aber ich halte die RAF Taten wirklich für "teilweise verständlich". Mehr auch nicht.
Und ich denke eine großer Teil der Bevölkerung von damals sah es genauso.
albundy69 (20.04.2008, 12:35 Uhr)
RAF ist topaktuell ....................
Wenn hier gefragt wird, wen die Mörderbande heute überhaupt noch interessiert, dann kann man nur antworten, dass es UNS ALLE solange interessieren muss, wie es bei mindestens 2 im Parlament vertretenen Parteien Abgeordnete gibt (und sogar als zukünfige Aussenminister gehandelt werden), die die "Arbeit" der RAF als "begründet" und mindestens "teilweise verständlich" bezeichnen. Solange diese Menschen, die damals in der 3. oder 4. Reihe mitgelaufen sind haben ihre Kleider gewechselt, nicht aber ihre Gesinnung, auch wenn sie mittlerweile nach aussen hin Kreide gefressen zu haben scheinen resp. den "Kampfschnauzer" abrasiert haben.
Akorahil (20.04.2008, 12:07 Uhr)
Wenn man nichts aktuelles findet...
...dann berichtet man eben über ein Thema, dass in den letzten Monaten schon bis zum Erbrechen durchgekaut wurde. Sehr praktisch diese RAF, man kann quasi den selben Artikel immer und immer wieder veröffentlichen... Schade nur, dass die hier präsentierte Variante nicht über Schülerzeitungsniveau herauskommt.
Bumpinger (20.04.2008, 11:50 Uhr)
Wen interessiert denn noch die RAF?
RAF? Das sind menschenverachtende Mörder die man so lange wegsperren muss, bis sie schimmlig sind. Mit Mördern und Terroristen wird nicht verhandelt! RAF = Abschaum!
mramorak (20.04.2008, 11:42 Uhr)
Ziel bleibt aber die Methode ändert sich immer
Diejenige, die an einer Veränderung unserer (noch) freiheltichen Grundordnung arbeiten, sind noch am Werk. Und heute finden die in unserem Land mehr Rückhalt als je zufor - sehr zum Leidwesen unseres Volkes. Mit halber und ganz verdrehter Wahrheit werden immerwieder junge, unerfahrene Menschen gewonnen und dann losgeschickt, auf die Gesellschaft losgelassen. Heute nicht mit Bomben in der hand. Man kann aber durchaus die Bomben der Terroristen vorschieben, um den menschen Angst einzujagen. Heute wird diesen jungen Menschen gesagt, dass sie die Verlierer sind und, dass der böse Kapitalismus das ganze verursacht. Es ist eine Gedankenverschmutzung. Wer durch solche Schulungen geht, kann keine klare Sicht mehr haben.Diese Jugendlichen hören nur mehr Soziale-Gerechtigkeit. Was das aber ist wird ihnen nicht gesagt. Wer nur noch das Schlagwort "Soziale-Gerichtigkeit" und "Du bist ein Verlierer" kennt, kennt keinen anderen Weg, als die Gesellschaft zu verändern. Diese jungen Menschen, fragen dann nur noch nach Befehlen der "Partei", Wahrheit gibt es ja ohnehin nicht mehr, nach denen.
Necros (20.04.2008, 10:57 Uhr)
Schauen wir mal...
Wenn uns die Geschichte eines lehrt, so ist es, dass es immer Zyklen gibt, die sich stetig wiederholen. In einer Zeit, die von Politikverdrossenheit, Ohnmacht gegenüber der Regierung, Überwachungsstaat und Resignation geprägt ist, wird wahrscheinlich gerade die Saat für eine neue Geneation von Terroristen gelegt. Wenn es so weitergeht mit Lobbyismus, sozialer Ungrechtigkeit und einem reglementierungssüchtigen, wenig effektiven Europa, werden schon bald wieder fehlgeleitete Menschen eine Autobombe für eine gute Idee halten.
Eisenbaer (20.04.2008, 10:31 Uhr)
Stell Dir vor du machst dreißig Jahre Terror...
...und keine interessiert es. Die einzige Reaktion, die du der Bevölkerung entlockst ist: "die armen irregeleiteten Kinder!" Da macht also wer Terror und wird wie ein Kind behandelt. Na ja, wenigstens gut, dass diese Kinder, wenngleich erst nach dreißig Jahren, eingesehen haben, dass die Leute Recht hatten und Recht haben. Es waren stets kindische Aktionen.
ganzbaf (20.04.2008, 10:27 Uhr)
Für einen...

gewaltsamen gesellschaftlichen Umsturz war der Rückhalt aus der Bevölkerung und der Grad an aktiver Solidarisierung damal viel zu gering. Das hätte man wissen müssen.
Allein schon deswegen war dieser Versuch zum Scheitern verurteilt.
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Heute sind solche gewaltsamen Versuche sicherlich noch weit geringer chancenbehaftet.
Was bleibt sind demokratische Veränderungen hinter denen auch eine Bevölkerungsmerheit steht:
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