Fürsorgliche Vernichtung

23. April 2013, 13:38 Uhr

Christian Wulff und Peer Steinbrück teilen bittere Erfahrungen - mit den Medien. Deren Rolle muss diskutiert werden, kritisch und selbstkritisch. Von Hans-Ulrich Jörges

Jörges, Christian Wulff, Medien, Peer Steinbrück

"Ich war Teil der Meute": Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der stern-Chefredaktion, über Macht und Hybris der Medien im Fall Wulff©

Der eine hat alles verloren - Amt, Ehre, Frau, Haus. Der andere könnte, wie es aussieht, den Kampf ums Kanzleramt verlieren. Christian Wulff und Peer Steinbrück sind, was die Bitterkeit ihrer Erfahrungen angeht, gewiss nicht vergleichbar - wohl aber, was deren Ursachen betrifft. Besser: deren Verursacher. Es ist Zeit - und Anlass wahrlich genug -, über Macht und Hybris der Medien nachzudenken. Auch selbstkritisch. Denn deren Auftreten und Wirkung haben sich verändert, dramatisch. Die Fehler, die Schwächen Wulffs wie Steinbrücks sollen hier ausgeblendet werden, denn sie verstellen den Blick auf die mediale Verantwortung. Nur darum soll es gehen.

Rudeljournalismus nenne ich das Phänomen. Die Verirrung von kritischem Journalismus, den es mit Zähnen und Klauen zu verteidigen gilt, in besinnungslose, lustvoll schmähende Kampagnen. Ohne Widerworte, ohne abweichende Stimmen, ohne Selbstbesinnung. Die gab es früher verlässlich, die gibt es heute immer seltener. Denn ideologische Gräben sind planiert, publizistische Lager aufgelöst. Das Rudel folgt Leitwölfen, vereint in Skandalisierung und Emotionalisierung.

Das Ergebnis ist eine Medienrepublik, in der Journalisten nicht mehr argumentieren, wer regieren sollte und wer nicht, sondern in der sie darüber entscheiden. Das journalistische Ethos pervertiert zu fürsorglicher Vernichtung. Politiker verfolgen das mit angehaltenem Atem und geballter Faust in der Tasche - aber stumm.

Es wurde gewettet auf Wulffs Rücktritt

Man muss Wulff hören, um zu verstehen. Er ist auch bitter über den stern. Ich zitiere hier Sätze, die nicht zur Veröffentlichung gedacht waren. Ich tue es nach Abwägung dennoch, denn sie schaden ihm nicht. "Seit dem Tag meines Rücktritts rede ich nicht mehr mit Journalisten", sagt er. "Die verlorene Ehre der Katharina Blum' ist nichts gegen meine Erfahrungen und die meiner Familie." Heinrich Bölls Erzählung handelt vom Schicksal der Katharina Blum, die von einem Blatt als Terroristenbraut hergerichtet wurde. "Barmherzigkeit, Menschenwürde, Unschuldsvermutung, faires Verfahren, Privatsphäre, Familie, Kinder, nichts ist mehr heilig", sagt Wulff. "Meine Frau bekam einen Weinkrampf, als Günther Jauch Kachelmann fragte: Was nützt ein Freispruch?" Sein Sohn Linus frage auf dem Weg zum Kindergarten, was die wollten - "Wegelagerer auf der Jagd, sich am Leid anderer labend".

Ich habe dieses Jagdfieber erlebt. Es wurde gewettet auf Wulffs Rücktritt. Ich wurde mehrfach bedrängt, den auch zu fordern. Der ARD-Journalist Michael Götschenberg hat ein kluges Buch darüber geschrieben, spricht von einem "moralischen Standgericht". Medien seien als "Ankläger und Richter" aufgetreten. Sie trieben Staatsanwälte in Ermittlungen, von denen nichts übrig blieb als 754 Euro einer Hotelrechnung.

Steinbrücks Unglück begann mit einem verhängnisvollen Versuch der Transparenz, Wulffs mit einem taktischen. Sein Sprecher Olaf Glaeseker zeigte Rechercheuren den Kreditvertrag für Wulffs Haus mit der Frau des Freundes Egon Geerkens, um zu beweisen, dass nicht der schillernde Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer Geld gegeben hatte. Das brachte alles in Gang.

Dem Druck nachgegeben

Steinbrück deckte alle Vortragshonorare auf. Das zerstörte seinen Ruf. Die Standardformel "neue Vorwürfe gegen Wulff" fand ihre Entsprechung in "neues Fettnäpfchen Steinbrücks". Wulffs lächerliches Bobbycar wurde bei Steinbrück zur Flasche Pinot Grigio, die er nicht unter fünf Euro kaufen würde. "Bild" skandalisierte das, als dürften Sozialdemokraten nur billige Weine trinken. Und als Steinbrück in einem Interview sagte: "Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin", gab es kein Halten mehr. An Schlagzeilen lässt sich verfolgen, wie die generelle Aussage über Politikergehälter zu persönlicher Gier verdreht wurde. Steinbrück wünsche "sich" ein höheres Kanzler-Gehalt, schließlich: "Peer will mehr."

Und ich? "Aus" hieß es über meiner Kolumne, die unmittelbar vor Wulffs Rücktritt erschien: "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie haben keinen Arsch in der Hose." Das war im Ton daneben. Ich habe dem Druck nachgegeben, nicht die Kraft aufgebracht, weiter alleine zu stehen. Bei Steinbrück warf ich die Frage auf, ob sein Schweigen nach einer Razzia bei der Deutschen Bank damit zu tun habe, dass er dort privilegierter Privatkunde ist. Kunde stimmt zwar, aber sonst war das böser Verdacht.

Auch wenn sich alles in mir dagegen sträubt: Ich war Teil der Meute.

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