Ratgeber Südafrika entdecken

Auf Schienen durch Südafrika

Kostümierung fürs Dinner erbeten

Die Mahlzeiten finden in zwei Sitzungen statt; ich habe mich für die zweite entschieden, Lunch um14 Uhr (ganz aktuell nennen sie es Brunch), Dinner um 20.30 Uhr. Der Dresscode für das Mittagessen heißt "smart-casual", die erste Silbe davon hat, soweit ich sehen kann, keiner so richtig zur Kenntnis genommen, aber ungezwungen sind fast alle. Abends schreibt das Reglement "jacket and tie and ladies in elegant evening wear" vor, und damischen sich tatsächlich einige Smokings und Abendkleider unter das bunte japanisch-amerikanisch-europäische Volk; ein paar Unentwegte kommen indes auch jetzt wieder so kostümiert, als warteten sie auf einen plötzlichen Stopp, um dann im Busch auf Safari zu gehen.

so viel Busch ist indes nicht zu sehen. Kaum haben wir die Kapstadt-Region verlassen, rollen wir stundenlang durch die Karoo, eine ziemlich unwirtliche (und ziemlich langweilige) Trockensteppe, in der Tiere, jedenfalls mit bloßem Auge, nicht zu beobachten sind. Nach dem Mittagessen halten wir in Matjiesfontein, einer Art altkolonialem Museumsdorf, was übersetzt "Quelle der jungen Mädchen" heißt. Einst diente es als Station, in der die Dampflokomotiven Wasser tankten. Ein lungenkranker Schotte kurierte hier Ende des 19. Jahrhunderts sein Leiden aus, baute die "Oase im Niemandsland" zu einen Luftkurort aus und wurde mit Gästen wie Cecil Rhodes, dem Sultan von Sansibar oder Edgar Wallace zu einem reichen Mann. Heute steht die putzige Siedlung unter Denkmalschutz, ein englischer Doppeldeckerbus steht für die "City Tour" durch die eineinhalb Straßen zur Verfügung, im viktorianischen "Hotel Milner" gibt es auch ein Restaurant mit angeblich guter Weinauswahl.

Afrika ist unsichtbar

Mit den Weinen im Zug nämlich habe ich, nach Tagen in der wunderbaren Weinregion Kapstadts, gelinde Probleme. Sie kranken, wie heutzutage die Inclusiv-Leistungen vieler Veranstalter, an allgemeiner Sparsamkeit oder auch der Befürchtung, von einem guten Tropfen würden die Passagiere womöglich viel mehr trinken als von mittelmäßigen. Und so sind sie auch: eine Auswahl der allerpreiswertesten und populärsten, Fleur du Cap, Bellinghamund Nederburg ohne Ende: "Das trinken meine Kinder", lacht ein älterer Südafrikaner und zeigt auf den Sekt, "weil er so schön billig ist!" Im Übrigen sind, bis auf ein paar Gerichte der Küche, die Weine das einzig wirklich Afrikanische in diesem Zug.

Sonst wirkt er kompromisslos international: Design und Ausstattung verraten keine Herkunft, allenfalls mit detektivischer Spürnase lassen sich ein paar Indizien ausmachen. Im Lounge Car stehen auf der Bar zwei kleine schnaubende Elefanten aus Holz und im Bücherregal "Die Vögel von Afrika". Aha, da weiß man natürlich Bescheid. Meine Sternstunde kommt kurz vor der Ankunft: Das Telefon klingelt, endlich, denke ich, endlich ruft mich jemand an, die Technik macht sich bezahlt, ich komme mir sehr wichtig vor: "Jawohl", rufe ich in den Hörer, "hier ist Horst-Dieter Ebert!" Und höre am anderen Ende eine vertraute Stimme: "Hier ist Erik, Ihr Butler, ich wollte nur fragen: Kann ich Ihnen vor der Ankunft in Pretoria noch irgendwas servieren?"

Gefunden in

Gefunden in "Traumreisen mit der Eisenbahn. Die berühmtesten Züge, die schönsten Strecken" von Horst-Dieter Ebert, Bildband, 200 Seiten, ca. 350 Abbildungen, Hardcover mit Schutzumschlag, 29,5 x 36,5 cm, 49,90 Euro, erschienen im Bruckmann Verlag

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