Große Liebe zu großen Pötten

1. Januar 2008, 08:08 Uhr

Am Abend sticht das Traumschiff im ZDF mal wieder in See und schippert über den Atlantik. Gelegenheit, an die goldene Ära der Luxusliner zu erinnern - aber auch an dunkle Zeiten. Von Dirk van Versendaal

In Venedig gebaut, läuft die "Queen Victoria" zur Taufe im Hafen von Southampton ein. Einen Tag danach startet sie hier zu ihrer Jungfernfahrt©

Als die Herzogin von Cornwall Anfang Dezember in Southampton den Passagierdampfer "Queen Victoria" taufte, wurde da nicht nur ein schönes Schiff seiner Bestimmung übergeben. Es war auch so etwas wie die letzte Aufnahmeprüfung der Camilla Parker Bowles für das englische Königshaus. Die Taufen prachtvoller Schiffe gehören nun mal zu den königlichsten aller royalen Aufgaben. Camillas Schwiegermutter Elizabeth II hatte im Januar 2004 per Knopfdruck eine Champagnerflasche an die Bordwand der "Queen Mary 2" geschleudert, und auch deren Großmutter Mary war vor 73 Jahren Taufpatin - damals lief die erste "Queen Mary" vom Stapel. Nun also geht eine neue Majestät auf Reisen: der Cunard-Liner "Queen Victoria". Auf der Jungfernfahrt wird das Schiff in der nächsten Woche, am 18. Dezember, den Hamburger Hafen anlaufen. Denn nirgendwo auf der Welt werden die "Queens" so gefeiert wie in Hamburg.

Dort trank sich am 20. Juli 2004 Heizungsbauer Torsten M. im Grasbrookhafen Mut an, sprang über einen Absperrzaun und in die Elbe, schwamm zur "Queen Mary 2" und klatschte ihren Vorsteven ab. "Mit Kleidern schwimmen war gar nicht so leicht", sagte er später, "aber ich hab mit der Hand die Mary berührt. Das geilste Gefühl der Welt." Während der 42-Jährige unterkühlt im Krankenhaus weilte, standen die Hamburger zu Zehntausenden am Elbufer Spalier, drängten sich auf allem, was Ausblick bot, und zu Wasser umschwirrten Barkassen, Segler und Feuerlöschboote den Riesendampfer auf seinem ersten Hamburg-Törn. So weit, so seltsam, aber nur ein Vorspiel. Als die "QM2" im Jahr darauf wiederkehrte, knallten sie in Hamburg richtig durch. Am 1. August 2005 machte eine halbe Million Menschen ihr die Aufwartung, grüßte jedes Tuten des mächtigen Schiffshorns mit einem Jubelsturm, mitten in der Nacht und quer durch alle Schichten: In der Hafenstraße krachten die Böller, im Blankeneser Treppenviertel jubelten sie zur Praline vom Baltic Lachs, auf den Terrassen piekfeiner Nobelhotels schwangen sie Bettlaken. Kapitän Bernard Warner war platt: "In keinem anderen Hafen wurden wir so herzlich empfangen. Fantastisch!"

Wer damals ein Schiff bestieg, der tat es häufig, um sein Leben zu ändern

Ist ja auch kein Wunder: Die Deutschen pflegen von jeher die innigste Beziehung zu den Riesenpötten. Schon am 4. Mai 1897 versammelten sich 30.000 Menschen auf der Vulkanwerft zu Stettin, um den Stapellauf der "Kaiser Wilhelm der Große" mitzuerleben. Auf 40 Zentnern Schmierseife rutschte der damals größte Schnelldampfer der Welt in das Oderwasser und machte den Briten die Führungsrolle auf dem Atlantik endgültig streitig. Wilhelm Zwo war vernarrt in alles, was schwamm; er liebte die imperialen Luxusliner, die für Hamburger und Bremer Reedereien vom Stapel liefen, Statussymbole ihrer Zeit, in heute unvorstellbarem Maße populär. Wer damals ein Schiff bestieg, der tat es häufig, um sein Leben zu ändern. Seit 1850 das erste deutsche Dampfschiff, die "Helena Sloman", Reisende in dreieinhalb Wochen "direct von Hamburg nach New-York expedirt" hatte, waren Millionen von Emigranten über den Atlantik verfrachtet worden. Menschen, die hier ein elendes Leben hinter sich lassen wollten, um dort, in der Neuen Welt, ein besseres zu beginnen. Schön waren die Passagen nicht.

Charles Dickens reiste im Januar 1842 mit der "Britannia" der englischen Traditionsreederei Cunard nach New York. Als er in Liverpool an Bord ging, fand er die Decks vor lauter Gepäck und Lebensmitteln unbegehbar, mittschiffs muhte eine Kuh im Nebel; seine Kabine war "eine äußerst unpraktische, völlig nutzlose und zutiefst lächerliche Kiste". Gespeist wurde in einem "Leichenwagen mit Fenstern", aufgetischt wurden "Schweinekopf " und "qualmende Fettscheiben". Dickens war Passagier der ersten Klasse. Im Auswandererhaus in Bremerhaven kann man heute mit wohligen Schauern betrachten, welch jämmerliche Verwahrlosung im Hades der Schiffe herrschte. Die Schlafräume der Zwischendecks waren mit 18 Betten belegt, jeweils getrennt durch miefige Socken und Wäsche. Man schlief auf doppelstöckigen Holzpritschen von 45 Zentimeter Breite und 1,70 Meter Länge - ähnliche Maße dürften heute die Regalbretter der Bibliothek an Bord der "Queen Victoria" haben. Sechs bis zehn Wochen hielten die Emigranten in ihren düsteren Kojen aus, ohne Toiletten, es gab nur Eimer, die bei Seegang umkippten.

Die "Imperator" war fast doppelt so lang wie der Kölner Dom hoch

"Aus dem Zwischendeck", so berichtet eine Studie über "Bremen als Auswandererhafen", "quoll ständig ein enormer, widerlicher Duft, der sich aus den Ausdünstungen von Menschen und Ladung mischte." Schlimm wurde die Lage, wenn es stürmte. Dann wurden die Aufgänge zum Oberdeck verschlossen, die Zwischendeckpassagiere mussten über Tage seekrank zusammengepfercht ausharren. Wer noch zu essen vermochte, war kaum besser dran: Das Menü bestand aus ranziger Butter, Graupensuppe mit Ungeziefer, Schiffszwieback, salzigem Speck, der unstillbaren Durst weckte. Aber um Gourmetfreuden ging es ja gar nicht. Was zählte, war, lebend in Amerika anzukommen. Wer krank wurde, für den gab’s weder Ärzte noch Medizin, bestenfalls Sago und Hafergrütze als Krankennahrung - oft auch keine Rettung. Etliche Auswanderer wurden von Cholera, Typhus und Grippe dahingerafft. Albert Ballin, Generaldirektor der Hapag - "Hamburg Americanische Packetfahrt Aktien-Gesellschaft" - schickte 1905 die "Amerika" auf See. Erstmals gab es Kabinen mit nur je sechs Kojen und einen Speisesaal im Zwischendeck, das nun die Bezeichnung "Dritte Klasse" trug, um es nach außen hin vom Auswanderermief zu befreien. Die Schiffe fuhren jetzt schneller, Ärzte waren an Bord, Waschräume, Toiletten, es gab täglich frisches Brot für alle.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 51/2007

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