Ist der Körper in Gefahr, reagiert er sehr schnell - mit Reflexen. Würden wir warten müssen, bis unser Denkorgan die Situation analysiert und bewertet hat, wäre es oft schon zu spät. Fasst das Kind auf eine heiße Herdplatte, leiten die Nervenfasern der Hand das Signal "Achtung, die Haut verbrennt" an das Rückenmark weiter. Dort löst der Impuls einen Reflex aus: Das Kind zieht die Hand schneller zurück, als das Signal "Autsch" im Gehirn angelangt ist. Wie wir Schmerz empfinden, hängt nicht nur von der Verletzung selbst, sondern auch von der Psyche ab. Lenkt die Arzthelferin das Kind munter plaudernd ab, während sie eine Spritze setzt, tut es weniger weh, als wenn das Kind den Stich aufmerksam mitverfolgen kann. Auch die Tagesform hat Einfluss auf das Schmerzempfinden: An manchen Tagen ist alles halb so schlimm, an anderen erscheinen die gleichen Schmerzen unerträglich.
Ist die Wunde verheilt oder die Entzündung abgeklungen, verschwinden die Schmerzen von allein wieder. Doch es gibt Ausnahmen: Manche Menschen klagen über immer wieder kehrende Schmerzen wie Migräne-Attacken, Gesichts- oder Rückenschmerzen. Bei etwa fünf bis acht Millionen Menschen in Deutschland hört die Qual überhaupt nicht mehr auf. Sie leiden unter chronischen Schmerzen.
Der Dauer-Schmerz kann entstehen, wenn starke Schmerzsignale ständig wiederkehren, etwa bei einer Entzündung, einem Bandscheibenvorfall oder beispielsweise nach einer Operation. Die immerwährenden Schmerzimpulse verändern die Nervenzellen im Körper, Gehirn und Rückenmark und machen sie empfindlicher für allerlei Reize. Selbst leichte Berührungen oder angenehme Wärme können bei den Betroffenen dann ein Schmerzgefühl auslösen.
Irgendwann leiten die übersensiblen Nerven sogar dann ein Schmerzsignal an das Gehirn, wenn es gar keinen Auslöser dafür gibt: Das Schmerzsignal hat sich in ihre Nerven eingebrannt. Menschen mit chronischen Schmerzen entwickeln ein regelrechtes Schmerzgedächtnis, das sich nur schwer wieder löschen lässt.
Im Gegensatz zu akuten Schmerzen, die Gefahr signalisieren, sind chronische völlig funktionslos: Sie warnen nicht mehr vor Verletzungen, sondern sind zu einer eigenen Krankheit geworden. Begünstigt wird solch ein fataler Prozess durch negative Gefühle wie Unzufriedenheit, Enttäuschungen, Ängste und Depressionen oder Stress bei der Arbeit. Schmerz sollte daher frühzeitig behandelt werden: Je länger er andauert, umso tiefer gräbt er sich ins Gedächtnis - und desto schwerer ist er zu behandeln.