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19. November 2007, 18:36 Uhr
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Der Bremer Bolz-Boykott

Sie haben keine Minute gespielt und sind trotzdem Tabellenführer: Nach einer Schlägerei auf dem Fußballplatz weigert sich eine ganze Liga, gegen den Bremer Kreisligaverein "SV Mardin" zu spielen. Nun steht die Mannschaft kurz vor dem Aufstieg - und kämpft mit fremdenfeindlichen Ressentiments. Von Sebastian Wieschowski, Bremen

Ein verwaister Bolzplatz - der Bremer SV Mardin wartet weiter auf seine Gegner© Clemens Bilan/DDP

Besser hätte die Saison für den SV Mardin nicht laufen können - neun Spiele, 18 Tore ohne Gegentreffer und 27 Punkte haben die Kicker aus dem Bremer Stadtteil Tenever auf dem Konto. Der erste Platz in der Tabelle ist sicher, der Aufstieg mehr als wahrscheinlich für die Truppe, die bisher im oberen Tabellenmittelfeld einen festen Platz hatte. Sich selbst bezeichnet der Fußballclub als "internationalen Verein in einem internationalen Ortsteil" mit Kurden, Iranern, Deutschen, Türken und einem Dutzend anderer Nationalitäten.

Ein Paradebeispiel für gelungene Integration im Sport, eine multikulturelle Erfolgsgeschichte? Die Kicker sind alles andere als glücklich über ihre luxuriöse Punktelage, denn in dieser Saison haben sie noch keine einzige Minute auf dem Platz gestanden - die gesamte Bremer Kreisliga A boykottiert das Team - der TSV Lesum erschien nicht zum Punktspiel, der TV Eiche Horn ließ sich nicht blicken und auch die Spieler des Blumenthaler SV schenkten dem Verein durch ihre Abwesenheit kampflos drei Punkte und zwei Tore.

Es gab Gewalt und mehrere Verletzte

Der Grund für den Bremer Bolz-Boykott: Am vorletzten Spieltag der vergangenen Saison flogen die Fäuste. Was genau passiert ist, lässt sich bis heute nicht genau rekonstruieren. Fakt ist: Es gab Gewalt und mehrere Verletzte. "Während des Spieles waren immer wieder Zwischenrufe von Zuschauern laut geworden, meine Entscheidungen würden absichtlich zum Nachteil des SV Mardin gefällt werden", erinnert sich Schiedsrichter René Jacobi heute im stern.de-Gespräch.

Nur noch wenige Minuten trennen die Spieler vom Abpfiff, als Jacobi beim Spiel des SV Mardin gegen den FC Mahndorf nach einer Rangelei zwei Spieler vom Platz stellt, einen von jedem Team. Manches ohnehin erhitzte Gemüt explodiert nun auf der idyllischen Bezirkssportanlage Schevemoor. Zuerst stürmt Mardin-Trainer Cindi Tuncel aufs Spielfeld, er schlägt dem Referee Pfeife und Karten aus der Hand. Einige seiner Spieler versuchen ihn zurückzuhalten, doch ein Mob aus Spielern und Zuschauern ist auf den Beinen. Jacobi ist chancenlos. "Es ist erschütternd, wenn man schutzlos auf dem Boden liegt, und es trotzdem weitergeht", erinnert sich Jacobi, der damals bewusstlos geschlagen wurde und erst im Krankenhaus wieder zu sich kam.

Nur der Coach wurde bestraft

Die Liste der Verletzungen ist lang: Das rechte Auge des Schiris war derart geprellt, dass er für zehn Tage eine Eintrübung des Sehvermögens hatte, hervorgerufen durch Bluttröpfchen innerhalb des Auges. Tritte gegen den Kopf verursachten eine Gehirnerschütterung, am Körper blieben Prellmarken zurück. "Für meinen Hausarzt nach wie vor ein Wunder, dass wirklich nichts Schlimmeres passiert ist. Seiner Aussage hätte ich ebenso gelähmt wie tot sein können", berichtet Jacobi. Weil er allein den Trainer als Angreifer identifizieren kann und die Schläger nach Angaben von Mardin-Vorstand Süleyman Gülpinar nicht bekannt sind, wurde nur der Coach bestraft und ein Jahr gesperrt, der SV Mardin vom Spielbetrieb der damals laufenden Saison ausgeschlossen.

Es war eine Höchststrafe, die nicht weh tat - schließlich war in der Saison nur noch ein Spiel zu spielen, in der aktuellen Saison gilt der Ausschluss nicht. Die übrigen Kreisliga-Clubs wollen das nicht glauben und entscheiden zu Saisonbeginn, so lange nicht gegen den SV Mardin anzutreten, bis der Verein Namen nennt. "Wir werden unsere erste Herrenmannschaft nicht gegen Mardin antreten lassen. Die Möglichkeit eines weiteren Zwischenfalles ist sehr groß und kann von uns als Vorstand nicht verantwortet werden", sagt beispielsweise Andreas Manhardt vom SV Eintracht Aumund gegenüber stern.de.

Verband trug den Boykott mit

Bis Mitte Oktober trug der Verband diesen Boykott mit und wertete die Spiele offiziell als "abgesetzt" - in der Hoffnung, sie nachholen zu können, sobald der Club einlenkt. Doch dies geschah nicht, und so warteten die Kicker jeden Sonntag auf Gegner. Vergeblich. Ex-Trainer Tuncel glaubt: "Alle 14 Vereine wurden meiner Meinung nach dazu verdonnert, den SV Mardin zu boykottieren". Und auch Schiedsrichter Jacobi vermutet: "Der BFV hat den Boykottaufruf der Vereine der Kreisliga A offiziell nicht unterbunden, sondern wohlwollend begleitet."

Zu kämpfen hatten die Kicker also nicht auf dem Platz, dafür jedoch mit Vorurteilen und einer immer agressiveren Stimmung in der Bremer Bevölkerung - die Multikulti-Mannschaft aus Tenever wurde in Internetforen als "Kurdenbande" bezeichnet und mit gezielter Ausländergewalt in Verbindung gebracht, die "taz" nannte den SV Mardin eine "Kloppertruppe".

"Freundliches und offenes Gespräch geführt"

Dabei hatten sich die Verantwortlichen des Clubs darum bemüht, die Wogen zu glätten. Vorstand und Trainer entschuldigten sich offiziell. Schiedsrichter Jacobi sowie Coach Tuncel pflegen seitdem einen engen Kontakt und haben Frieden geschlossen haben: "Mit dem Trainer habe ich ein sehr ausführliches, offenes und ehrliches Gespräch gehabt. Er hat sich persönlich bei mir entschuldigt", berichtet René Jacobi. Trainer und Schiri sind auch verwundert, dass zahlreiche Medien berichtet hatten, dass Tuncel den am Boden liegenden Jacobi noch weiter verletzte, nachdem er ihm die Karten aus der Hand geschlagen hatte. "Weitere Schläge erfolgten nicht, da er von Spielern beider Mannschaften zurück gehalten wurde", erinnert sich der Schiedsrichter. Allerdings soll Trainer Tuncel später ein zweites Mal versucht haben, René Jacobi anzugreifen. Dabei sei er nach Zuschauerbeobachtungen ausgerutscht und habe sich somit selbst außer Gefecht gesetzt.

Der Schiri und Ex-Trainer Tuncel halten den Boykott für falsch: "Die Mannschaft des SV Mardin ist von Grund auf neu formiert, nur zwei Spieler aus dem alten Team sind geblieben", erklärt René Jacobi und ergänzt: "Das der Trainer des SV Mardin sowie sein Bruder wegen der begangenen Tätlichkeiten jeweils für ein Jahr gesperrt werden, steht völlig außer Frage. Doch dass gleich die komplette Mannschaft unisono boykottiert wird, entbehrt einfach nur jeglicher rechtsstaatlicher Prinzipien, oder gehört Sippenhaft zu unserem Rechtssystem?"

Auch Ex-Trainer Tuncel ist besorgt: "Für den derzeitigen Coach ist es nicht einfach, die jungen Spieler zu motivieren. Bis jetzt gelingt es ihm ganz gut, weil die Sportler nach diesem Boykott noch näher zusammengerückt sind." Am Sonntag werden sie wieder mit sportlicher Hoffnung zum Fußballplatz aufbrechen und hoffen, dass sie gegen den DJK Blumenthal ihren ersten Platz auf der Tabelle endlich im sportlichen Wettkampf verteidigen dürfen.

Von Sebastian Wieschowski, Bremen
KOMMENTARE (10 von 24)
 
bummel_letzter (20.11.2007, 16:45 Uhr)
...kein Einzelfall!
Hallo,
auch wenn die Vorfälle die ich erleben musste nicht derart dramatische Folgen hatte so kann ich doch bestätigen das es sich hierbei nicht um Einzelfälle handelt. Aus den Karlsruher Kreisligen kenne ich zwei Vereine (Türkischer SV, GSK Karlsruhe) für die ich für mich persönlich entschieden haben, einige meiner Mitspieler ebenfalls, nicht mehr gegen diese Mannschaften anzutreten! Es ist traurig und ich spiele in einem Verein in dem sehr viele unterschiedliche Nationalitäten sehr gut mit einander auskommen und relativ erfolgreich Fußball spielen aber das Verhalten von Spielern, Verantwortlichen und Zuschauern für mich nicht mehr nachvollziehbar und tolerierbar ist!
Leider reagiert der zuständige Verband überhaupt nicht und bagatellisiert sämtliche Vorkommnisse. Aus diesem Grund habe ich diese Entscheidung für mich getroffen! Die freundliche Entschuldigung des Trainers kann ich mir ebenfalls sehr gut vorstellen! Vor dem Spiel oder wenn die Mannschaften gewonnen haben kommt man recht gut miteinander aus aber sobald eine strittige Entscheidung getroffen wurde, was beim Fußball nicht ausbleibt, fürchtet man um seine Gesundheit, von den Beleidigungen ganz abgesehen!
Es ist traurig aber leider kein Einzellfall!
Viele Grüße
Dottore (20.11.2007, 04:07 Uhr)
BBB
Wer Wind säht, wird Sturm Ernten.
Ein halbtoter Schiri ist gar nichts, gegen das, was, auf uns zukommt, sobald die Migrations-Mardinis die aktive Mehrheit aller westdeutscher Großstädten stellen. Bis dahin gilt es, politisch korrekt, versteht sich, steuergeldalimentierten Berufs-Gutmenschen-Antifa-MUT gegen Rechts zu beweisen. Sebnitz, Potsdam, Mügeln und Hermanstadt lassen artig grüßen.
tteichmann (19.11.2007, 21:31 Uhr)
Das passiert auch zu Hause ...
Was sich in der Bremer Kreisliga auf dem Platz abgespielt hat hat es auch schon bei Länderspielen gegeben. Da hat die Schweiz das Playoff-Rückspiel am 16. November 2005 gegen die Türkei in Istanbul mit 2:4 verloren, buchte nach dem 2:0-Hinspiel-Erfolg aber dank der Auswärtstorregel das Ticket für die Weltmeisterschaft in Deutschland und schon zeigte sich die türkische Gastfreundschaft von allerbester Seite. Gewalt gegen Spieler und Schiedsrichter scheint wohl ein Kültürgüt zu sein.
hiro42 (19.11.2007, 20:53 Uhr)
Warum
ES scheint ja ausser Fage zu stehen, das de Gewaltereitschaft bei ausländischen Spielern bzw. Vereienen höher ist. Jetzt ist aber die Frage: Warum ist das so? Die Gewalt ist das Symptom, aber nicht das zu grunde liegende Problem.
salz63 (19.11.2007, 20:44 Uhr)
@wolfstanz
Völlig richtig!
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Und man sollte auch eines nicht vergessen: Die meisten Leute die im Hobbybereich Fußballspielen, wollen/müssen am Montag wieder gesund am Arbeitsplatz antreten.
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Wer einen solchen Verein boykottiert, der macht das auch, weil er keine Lust hat, so zusammengetreten zu werden, daß er den Rest seines Lebens sabbernd auf Sozialhilfe im Bett liegt...
salz63 (19.11.2007, 20:42 Uhr)
Charakterfrage
Es ist dumm, das hier als Ausländerfeindlichkeit identifizieren zu wollen. Niemand möchte beim Fußballspielen auf's Maul bekommen. Egal von wem.
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Wenn die boykottierte Mannschaft wirklich darauf hofft, ihren ersten Platz endlich "im sportlichen Wettkampf verteidigen zu dürfen", dann läßt das teif blicken.
Wer wenigstens über ein Mindestmaß an Sportlichkeit und Charakter verfügen würde, der würde einen ersten Platz in der Tabelle unter solchen Bedingungen zurückgeben statt zu glauben diesen auch noch durch Spiele legitimieren zu können.
Aber wer so sportlich wäre, würde auch keinen Schiedsrichter ins Krankenhaus prügeln.
Pastafari (19.11.2007, 20:33 Uhr)
@Subtexter

Die Westdeutsche Zeitung zitiert am 28.9.2007 in dem Artikel "Die alltägliche Gewalt auf Wuppertals Fußballplätzen" Klaus Huberti, den Vorsitzenden der Kreisspruchkammer mit den Worten: "Brutale Vorfälle haben in erschreckendem Maße zugenommen" und Manfred Knoch, Vorsitzender der Spruchkammer des Fußballkreises Solingen, sagt: "Es ist Fakt, dass es sich bei 85 Prozent um ausländische Fälle handelt"
Noch weitere Fragen, subtexter?
wolfstanz (19.11.2007, 20:20 Uhr)
nationale oder internationale Mannschaften
ist meines erachts unerheblich. Gegen üble Tretertruppen hat man nun mal keine Lust zu kicken, denn Fussballspielen soll sportlich Spass machen.Vor allem in den niedernen Spielklassen.Da gehts doch wirklich nur um Sport.Oder ?
Poelle (19.11.2007, 20:20 Uhr)
@subtexter
mit dem "souverän und großherzig sein" ist man ja hier bisher nicht weit gekommen...
subtexter (19.11.2007, 20:14 Uhr)
@ Day2walker
Rechtsradikalismus? Kommunisten wie Kapitalisten haben in der Sportgeschichte eifrigst boykottiert ... aber nur der Judenboykott Nazideutschlands von 1933 war ein "Bürgerkriegs"-Boykott nach innen, der vermeintlich anderartige Mitbürger isolieren sollte.
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