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Kommunalwahl in der Türkei: 25, Christin - und Bürgermeisterin in Südanatolien

Bürgermeisterinnen gibt es in der Türkei ein paar. Allerdings keine Christin, schon gar keine Studentin. Bis jetzt. Und schon vor Amtsantritt sagt Februniye Akyol den Männern den Kampf an.

Von Niels Kruse

Februniye Akyol ist 25 Jahre alt und syrisch-orthodox.

Februniye Akyol ist 25 Jahre alt und syrisch-orthodox.

Es ist kein klassisches Karrierestudium, für das sich Februniye Akyol entscheiden hat. Keine Rechts- oder Wirtschaftswissenschaften, mit denen sich Politiker gerne schmücken. Stattdessen macht sie in rund einem Jahr ihren Abschluss im Fach Syrisch-Aramäisch, der Sprache Jesu Christi. Ein Orchideenfach, vor allem in ihrer Heimat, dem Südosten der Türkei, wo viele Kurden, einige Araber und wenige Christen leben. Wo Alte das Sagen haben, Männer meist, auf jeden Fall aber Muslime. Februniye Akyol ist nichts von alledem: 25 Jahre, weiblich, syrisch-orthodox. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb hat sie nun einen Karrieresprung hingelegt, der ihr die Bezeichnung "erste christliche Großstadtbürgermeisterin in der Türkei" eingehandelt hat.

Bei der an der Schummeleien nicht gerade armen Kommunalwahl in der Türkei Ende März ging die landesweit regierende AKP als Sieger hervor. In der 82.000-Einwohner-Stadt Mardin, kurz vor der Grenze zu Syrien und dem Irak, wo über die Jahrtausende schon Babylonier, Perser und Römer herrschten, setzte sich dagegen die Kurdenpartei BDP durch - und mit ihr ein altes Schlachtross und die junge Schöne. Ein ungleiches Gespann.

Rechtelos in der Türkei

Denn genaugenommen ist die Studentin nicht das einzige Stadtoberhaupt, sondern teilt sich den Bürgermeisterjob mit dem Kurden Ahmet Türk, der seit 40 Jahren politisch aktiv ist, und dem Rat des inhaftierten Kurdenführers Abdullah Öcalan gefolgt war, eine Co-Kandidatin für den Posten zu nominieren. "Die kurdische Partei hat es mir ermöglicht, für die Rechte meines Volkes zu kämpfen, und das werde ich tun", sagte die frischgewählte Akyol in einem Interview mit dem Nahost-Blog "Al Monitor". Sie ist eine von insgesamt 13 Bürgermeisterinnen in der Türkei.

Mit den Rechten von Minderheiten ist das so eine Sache in der Türkei. Genaugenommen heißt Februniye Akyol auch nicht Februniye Akyol, sondern Fabronia Benno. Doch die Gesetze des Landes sehen vor, dass jeder Einwohner einen türkischen Namen tragen muss. Dieses Schicksal trifft Kurden wie Christen. Doch im Gegensatz zur größten Minorität im Land, genießen die verbliebenen schätzungsweise 22.000 Aramäer keine Sonderechte, wie zum Beispiel das Betreiben eigener Schulen. Und auch Aramäisch darf erst seit kurzem wieder gelehrt werden. Als Fremdsprache. "Wir sind hier noch nicht frei, wir können hier nicht in Ruhe leben", sagt Benno. Zwar macht die EU im Zuge der Beitrittsgespräche mit den Türken Druck in dieser Sache, doch wegen des angespannten Verhältnisses herrschen vermutlich gerade andere Prioritäten.

Schulterschluss mit den Ex-Feinden

Reibungslos wird die Zusammenarbeit von Fabronia Benno mit der kurdischen Partei wohl nicht verlaufen. Dass sie sich für ihre Ambitionen ausgerechnet mit den Kurden, den Ex-Feinden, verbündet hat, nehmen ihr nicht Wenige übel. Denn die Kurden waren am Völkermord an den Armeniern 1915 beteiligt, in dessen Zuge auch eine halbe Million Aramäer ums Leben kamen. "Es stimmt schon, dass die Kurden uns Christen verfolgt haben", sagt die Bürgermeisterin, dieses Trauma sei auch tiefverwurzelt. Allerdings habe sich ihr neuer Kollege Ahmet Turk als erster Kurdenführer für die Taten seiner Vorfahren offiziell entschuldigt.

Der Schulterschluss wird trotz aller immer noch bestehenden Vorbehalte sinnvoll sein, denn in dieser Ecke der Türkei läuft ohne die Unterstützung durch die kurdischen Großfamilien nicht viel. Denn letztlich hat Februniye Akyol eine politische Agenda - lokal wie global. Zum einen will sie die Altstadt von Mardin schützen, die die Unesco zum Weltkulturerbe erklären will. Und dann plant sie nichts weniger, als das allmächtige Patriachat zu bekämpfen, das "männlich dominierte System zu zerstören", wie sie auf der Seite Bianet schreibt. Als ersten Schritt werde sie dazu Frauenverbände gründen. "So wollen wir nicht nur Zuflucht für Opfer von häuslicher Gewalt schaffen, sondern Lebensräume", so Akyol. Dieser Kampf wird vermutlich um einiges schwerer werden, als der Kampf ums Bürgermeisteramt.

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