Immer auf die Fresse

7. Dezember 2008, 15:49 Uhr

Bei der "Night of the Raging Bulls" schlagen sich Laien freiwillig eine blutige Nase. Wer den Boxwettbewerb gewinnt, darf sich Weltmeister nennen. In Köln haben sich gestern auch Bürohengste ordentlich um den Titel gekloppt. Von Christian Parth, Köln

"Dark Swan" (M.) und "Bloody Mary" (r.) posieren vorm Kampf©

Die erste Runde läuft gerade mal zwei Minuten, als aus der Nase von Tim Fabian Blut spritzt. In dünnen Tropfen rinnt es den Mund entlang, färbt mit kleinen Flecken den nackten Oberkörper und dann die Bretter unter seinen Füßen. Das Publikum im Kölner "Gloria" johlt, denn es will den "Ballroom Blitz" siegen sehen. Tim, ein schwarzhaariger Casanova aus Düsseldorf mit Leidenschaft zum Paartanz, schlägt unbarmherzig zurück. In der zweiten Runde landet er einen furiosen Aufwärtshaken gegen das irische Kinn von Angus O´Riley. Doch der dreitagebärtige Rotschopf zeigt kaum Wirkung. "Ballroom Blitz" deckt seinen besten Freund weiter mit Schlägen ein. Und nun tropft der rote Lebenssaft gleich aus beiden Nasenlöchern, und Angus O´Riley zieht sich zunächst zurück in eine solide Doppeldeckung.

Es läuft gut für den "Ballroom Blitz" in seinem ersten Kampf bei der "Night of the Raging Bulls" (NOTRB), der einzig sehenswerten Veranstaltung für Laienboxer in Deutschland. Bislang kannte man solch amüsante Hauereien von bedröhnten Bauern und rotzigen Jugendlichen, die sich im Übermut in Kirmeszelten mit fleischigen Berufsschlägern messen wollen. Die NOTRB jedoch hat ein anderes Publikum im Visier. Sie will den Faustkampf zwischen boxerisch Unbedarften auf gehobenes Niveau hieven. Jeder, der sich im Ring keilen will, kann sich rechtzeitig anmelden und vorab trainieren. Dann können er oder sie bei den regelmäßigen Kampfnächten in Köln, Hamburg, Berlin und München vor geprüften Ringrichtern und Zuschauern, die sich milieugerecht kleiden, ordentlich das Tier in sich raus lassen.

Der Boxsport in Deutschland hat offenbar Konjunktur. Die Zeiten, in denen allein sozial Benachteiligte zornig auf Säcke und Menschen einprügelten, sind vorbei. "Das Boxen weckt einen Urinstinkt", sagt Tim Fabian. Gerade Bürohengste sehnten sich zunehmend nach archaischer Zügellosigkeit. Die zur Gewaltlosigkeit erzogene Wohlstandsgesellschaft will sich wieder messen, Mann gegen Mann, bis der Stärkere obsiegt. Tim Fabian alias "Ballroom Blitz", Kameramann, geht seit einem halben Jahr zum Boxen. Das harte Training habe ihm so manchen versauten Tag gerettet, sagt er. Doch nun wollte er endlich wissen, wie er sich im Wettkampf schlägt.

Ein fesches Nummerngirl präsentiert die Rundenzahl

Das Dreschen mit schweren 18-Unzen-Handschuhen um den Klamauk-Titel des Box-Weltmeisters nach Version der International Raging Bulls Federation (IRBF) lockt allein an diesem Samstagabend 800 Zuschauer ins Kölner "Gloria" zum "Nikolausboxen". Zwischen den rot bekleideten Samtwänden des großen Saals stehen neben dem Ring auffallend kurzberockte Mädchen in hochhackigen Stiefeln, die von Jungs in aufgeknöpften Hemden und schweren Goldketten umgarnt werden. In den Ringpausen gibt der DJ bevorzugt Klassiker von "Snap". Ein fesches Nummerngirl präsentiert die Rundenzahl. Auch etwas Prominenz ließ sich beim Kampf um die bürgerliche Ring-Krone blicken. Vorzeige-Blondine Monica Ivancan bezauberte ohne Freund Oliver Pocher von der Bar aus tief dekolletiert einige Profis von Borussia Dortmund.

"Wir planen hier etwas wirklich Großes", sagt Sönke Andersen. Der schmale Körper des Veranstaltungschefs steckt in einem anthrazitfarbenen Anzug. Die Koteletten sind akkurat gestutzt und auch der Porno-Schnurrbart nach Art der 1970er Jahre zieht die Blicke. Andersen war früher Skater und irgendwann, als das Leben neue Ideen verlangte, kam er mit seinem Freund Frank Dahlmann auf die Idee mit dem Laienboxen. Seit 2004 veranstalten die beiden Kölner nun die "Night of the Raging Bulls" und verzichten dabei bis heute auf aggressive Vermarktung. "Das Alles soll eine Persiflage auf die Boxszene sein", sagt Andersen. "Wir wollen erfolgreich sein, ohne dafür Werbung zu machen. Die Events sollen sich einfach rumsprechen." Neben den Live-Veranstaltungen produzieren Andersen und Dahlmann zudem im Internet unter www.jabhook.tv parallel eine Soap-Opera, die das Box-Milieu gekonnt auf die Schippe nimmt. "Wir gehen den umgekehrten Weg. Wir wollen irgendwann vom Internet ins normale Fernsehen", sagt Andersen.

Wer gewinnt, entscheiden die Zuschauer per Applaus

Vier Kämpfe gibt es an diesem Abend, bevor das Publikum bei der anschließenden Party zum Tanz den Ring stürmen kann. Jeder Sieger ist ein Weltmeister und bekommt den "World Champ"-Gürtel der NOTRB. Wer gewinnt, entscheiden die Zuschauer per Applaus. Parteilichkeit erwünscht. Wer jedoch nicht anständig kämpft, verliert schnell Sympathien. Was zunächst nach einer Farce anmutet, hat für die Teilnehmer einen ernsten sportlichen Hintergrund. Regina Schwan, die an diesem Abend als "Dark Swan" in den Ring steigt, boxt bereits seit dreieinhalb Jahren im Verein. Im normalen Leben arbeitet die 27-Jährige als Controllerin bei einer Baufirma. Früher war sie beim Tanzen und Aerobic, doch das war ihr zu lasch. "Beim Boxen kann ich meine Aggressionen abbauen", sagt sie. Anfangs habe sie noch Probleme gehabt, einem Menschen ins Gesicht zu schlagen. Doch als sie einmal einem männlichen Sparringspartner das Auge blau geschlagen hat, war sie stolz. "Ich habe gemerkt, was für eine Kraft ich habe."

Für den Kampf gegen "Bloody Mary" hat sie mehrere Wochen vorher die Ernährung umgestellt. Mit Haferschleim und ohne Nudeln und Brot hat sie fünf Kilo abgenommen. Der Kampfname "Dark Swan" soll die dunkle Seite der kleinen Blondine betonen. Beim Wiegen beflügelt sie mit Brille, Bluse und Rock doch eher die Phantasien der Liebhaber strenger Buchhalterinnen. Vor einem Jahr war Regina Schwan noch Zuschauerin beim NOTRB in Köln, dann hat eine Freundin sie herausgefordert. "Bloody Mary" kämpft im selben Verein, allerdings erst seit einem halben Jahr. Das schwarzhaarige Kraftpaket präsentiert sich als kampfgeiler Vamp. Aus dem schwarzen Top, das die üppige Oberweite bedeckt, blitzt ein feuerroter BH, farblich passend zum Lippenstift. Das Gesicht wirkt blass wie ein weißer Kreidestein. Doch die anfängliche Aggressivität nutzt kaum. Schon in der zweiten Runde wird "Bloody Mary" für ihre Überfall-Taktik bestraft. Sie kann die Deckung kaum noch oben halten und verliert.

Veranstalter Sönke Andersen verleiht den Weltmeistergürtel stets persönlich. Seine Idee vom Kampf der Laien will er nun groß rausbringen. Die NOTRB drängt bereits ins Ausland. Im März wird in Wien geboxt, bald soll es nach London gehen. Wie wichtig der Titel für die Boxer ist, hat Christopher Becker gezeigt. "Der Stolz Kaukasiens" hat noch gestern Nacht den Titel des IRBF-Champions seinem Xing-Profil hinzugefügt.

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
snolk (08.12.2008, 15:03 Uhr)
Schrott hoch drei
Der Artikel ist eine schlecht kaschierte Pressemitteilung. Wer an dem Abend dabei war, kann kaum einer der Aussagen zustimmen. Die Dramaturgie des Abends war eine einzige Katastrophe. Es ist zwar immer nett zuzuschauen, wenn jemand auf der Bühne Spaß hat, allerdings sollte der Funke dann auch irgendwann mal auf's Publikum überspringen. Wenn man selber dicht ist, kommt es einem schnell so vor, als hätten alle um einen herum einen Riesenspaß, soviel ist klar. Die Moderation war unterirdisch, leider nicht mit Absicht, es ging wohl einfach nicht besser... Kirmesboxen ist unterhaltsamer. Schade, dass bis auf die letzten beiden Kämpfer, keiner boxen konnte. Nicht mal ansatzweise. das hätte den Abend noch retten können.
Welches Konzept liegt NOTRB zugrunde? Die proklamierten Botschaften kommen in dieser Umsetzung definitiv nicht rüber.
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