Gerade erst hat er seinen WM-Titel verteidigt, nun spielt Wladimir Kramnik in Bonn gegen den besten Schachcomputer. Der Russe über das ungleiche Duell zwischen Mensch und Maschine.

Wladimir Kramnik, 31, hat einen Blitzdenker als Gegner© RAG
Uff, an gar nichts. Nur, wenn ich mit meinen Freunden Karten spiele und einer aufs Klo muss, dann machen wir seit neuestem immer Witze darüber.
Topalow hat behauptet, ich würde mir auf dem stillen Örtchen Hilfe von einem Schachcomputer holen.
Natürlich nicht! Ich spiele immer fair und brauche keine Hilfe. Der Skandal wurde nur initiiert, um mich bei der 3:1-Führung aus dem Konzept zu bringen. Wenn sich andere Leute auf dieses niedrige Niveau begeben, ist es deren Problem.
Ich lag auf meiner Couch vor dem Klo - und war wütend. Ich dachte nicht mehr an die WM oder irgendeinen Spielstand. Und dann gab es ein neues Problem: Ich musste tatsächlich dringend aufs Klo. Ich habe den Schiedsrichter gebeten, meine Toilette aufzuschließen. Der zuckte nur mit den Schultern und hielt mir eine leere Kaffeetasse hin.
Natürlich dachte ich daran, einfach abzureisen, um mich aus dieser armseligen Show zu verabschieden. Aber mir war in dieser Stunde klar, dass ich große Verantwortung fürs Schach trage. Also bin ich ans Brett zurückgekehrt.
Ja, das war absurd. In Elista gab es so strenge Kontrollen wie noch nie! Die Detektoren an Flughäfen sind nichts dagegen. Wenn ich die Halle betrat, wurde ich akribisch untersucht bis hin zu meinen Schuhabsätzen. Toiletten- und Ruheräume wurden vor jeder Partie inspiziert, die Zuschauer waren hinter einer Glasscheibe verborgen, und man hatte sogar Störsignale für Handys eingebaut.
Wieso das? Das Schlimmste, was mir passieren könnte, wäre eine Niederlage. Und die gehört im Sport nun mal dazu.
Jeder Spieler kann Dinge besser und andere weniger gut, das gilt auch für "Fritz". Ich entdeckte in der Tat einige klitzekleine Schwachstellen und werde versuchen, genau diese auszunutzen. Dieser Computer ist viel stärker als sein Vorgänger, gegen den ich 2002 in Bahrain 4:4 gespielt habe. Mit seinen neuen Prozessoren rechnet er mehr als doppelt so schnell wie damals und prüft binnen einer Sekunde zwischen acht und zehn Millionen Stellungen.
Einen. Aber Menschen und Computer haben eine unterschiedliche Art zu grübeln: Wir Menschen können selektieren. Wenn ich eine Stellung sehe, dann schließe ich 99,9 Prozent aller möglichen Züge aus - weil sie in dieser Situation unangebracht wären. Ich kann mich also auf die drei oder vier besten Züge konzentrieren. Der Computer berechnet viele unsinnige Fortsetzungen. Ich muss folglich Stellungen anstreben, in denen ich meine Vorteile ausspielen kann. In den Trainingspartien mit verkürzter Bedenkzeit hat "Fritz" allerdings meistens gewonnen.
Du darfst auf keinen Fall eine taktische Dummheit begehen. Taktisch ist der Computer unschlagbar. Wenn du da nur den kleinsten Fehler machst, bestraft er dich sofort. Ich hoffe, das kommt in unserem Duell nicht vor. Aber ich bin ein Mensch, und Menschen machen Fehler.
Sehr viel. Computer sind gute Lehrer. "Fritz" gewährt neue Einsichten in bestimmte Positionen. Bei einigen meiner Trainingspartien war ich hellauf begeistert. Die Maschine entwickelt erstaunliche Visionen. "Fritz" spielt viel extravaganter, als ein Mensch das jemals tun könnte.
Ich spiele gegen "Fritz" anders als gegen Menschen. Ich versuche immer, etwas Überraschendes zu finden, damit er sich nicht auf mich einstellen kann. Ich werde ein bisschen anarchischer agieren als sonst und nicht an alle sechs Partien dieses Wettkampfes mit der gleichen Strategie herangehen. Die Hauptmerkmale meines Spiels aber werden die gleichen bleiben wie gegen Menschen. Unlogisch darf man nicht spielen, weil das schlecht ist und gnadenlos bestraft würde. Was genau mein Plan ist, verrate ich nicht. Die Programmierer von "Deep Fritz" könnten das lesen und daraus ihre Schlüsse ziehen.

Deep Fritz berechnet in einer Sekunde acht bis zehn Millionen Züge© action press
Ich muss zwar immer noch Medikamente nehmen, aber ich fühle mich gut. Zumindest kann ich normal zu Fuß gehen. Aber auf vieles muss ich verzichten: Meine Lieblingssportarten Tennis, Fußball und Tischtennis hat mir mein Arzt verboten. Er sagt, Schwimmen sei jetzt das Beste für mich. Also pflüge ich wie ein Roboter durchs Wasser, jeden Tag zwei Kilometer. Aber ehrlich gesagt: Ich hasse das Schwimmen, das ist so langweilig.
Das glaube ich auch. Ich bin ein sehr universeller Spieler, vielleicht sogar der kompletteste der ganzen Welt. Und ich bin variabel, nicht berechenbar. Das möchte ich ausnutzen. Aber der Tag wird kommen, an dem wir keine Chance mehr gegen Computer haben. Sollte ich "Fritz" tatsächlich bezwingen, wäre es wahrscheinlich das letzte Mal, dass ein Mensch gegen eine Maschine gewinnt.
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Stern
Ausgabe 48/2006