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20. März 2008, 12:43 Uhr

Hartz IV-Prozesse legen Gerichte lahm

Albrecht Monnin ist Rechtsanwalt in Berlin-Kreuzberg und betreut derzeit 250 laufende Hartz-IV-Verfahren. Der Streitwert liegt oft nur bei wenigen Euro. Im stern.de-Interview sagt Monnin, wie der Hartz-IV-Prozess-Wahnsinn, der die Steuerzahler Millionen kostet, gestoppt werden könnte.

Akten, Akten, Akten: Eine Mitarbeiterin des Berliner Sozialgerichts bei der Arbeit© Arno Burgi/DPA

Herr Monnin, es gibt eine Flut von Hartz-IV-Prozessen. Droht den Sozialgerichten der Kollaps?

Ich kann nur für Berlin sprechen. Hier wird es kurzfristig keinen Kollaps geben. Aber auch nur deshalb, weil der Senat gerade zwölf neue Richterstellen geschaffen hat.

Der stern schildert in seiner aktuellen Ausgabe einige Prozesse - zum Teil liegt der Streitwert nur bei einer Handvoll Euro. Warum um Gottes Willen müssen dafür die Gerichte bemüht werden?

Ein typischer Fall ist die Frage, wie die Kosten für Warmwasser in der Miete enthalten sind. Sind sie drin, gibt es kein Problem. Sind sie nicht drin, muss der Hartz-IV-Empfänger das nachweisen, weil er die Kosten sonst von seinem frei verfügbaren Geld bezahlen müsste. Darüber streiten sich Empfänger und Jobcenter häufig vor Gericht - auch wenn es nur um ein paar Euro geht.

Wer ist in solchen Fällen eigentlich gierig - die Empfänger oder die Jobcenter?

Die Hartz-IV-Sätze sind knapp kalkuliert. Wenn den Leuten zehn Euro fehlen, dann kann das für sie ein Problem sein. Und es ist ihr gutes Recht, das einzuklagen, was ihnen per Gesetz zusteht. Natürlich auch Fälle Sozialmissbrauch - aber da geht es eher um diejenigen, die Hartz IV bekommen und nebenher schwarz arbeiten.

Auch über die Wohnungen von Hartz-IV-Empfängern soll es häufig Streit gegen.

Ja, das ist ein echtes Problem. Wer seit fünfzehn Jahren in einer Wohnung lebt, kann drin bleiben, egal wie groß sie ist. Andere müssen umziehen, weil die Mietobergrenzen so knapp bemessen sind. Das ist oft verheerend. Familien müssen in einen anderen Stadtteil, die Kinder auf andere Schulen, zum Teil haben fünfköpfige Familien dann nur drei Zimmer zur Verfügung. Das ist wirklich bitter, deshalb gibt es so viele Verfahren zu diesem Aspekt.

Wer gewinnt in der Regel - die Empfänger oder die Jobcenter?

Die Empfänger. Ich würde die Erfolgsquote auf gut zwei Drittel schätzen.

Mit anderen Worten: Die Jobcenter gehen größtenteils baden. Woran liegt das?

Die Sozialgesetzgebung ist schwierig, und die Materie ändert sich ständig - das ist für einen Sachbearbeiter kaum zu bewältigen. Zumal, wenn er nicht ausreichend geschult wird. Außerdem ist die Ausstattung der Jobcenter nicht gut, es gibt zum Beispiel keine verlässliche Software für die Anrechnung des Einkommens, das Bedürftige neben Hartz IV erwirtschaften.

Von wie vielen Gerichtsfällen pro Jahr sprechen wir eigentlich?

Ich kann nur die Berliner Situation überblicken. Derzeit gibt es etwa 2000 neue Klagen pro Monat.

Die meisten Verfahren werden mit Prozesskostenhilfe geführt, also mit Steuergeldern, die dem Hartz-IV-Empfänger die Klage überhaupt erst ermöglichen. Was kostet ein Fall? An Anwaltskosten fallen - je nach Verlauf - 500 bis 1000 Euro an. Aber das sind nur die Anwaltskosten. Auch die Sachbearbeiter und die Richter müssen ja bezahlt werden. Also geht es um zig Millionen, die da jährlich verbrannt werden. Wäre es für den Staat nicht viel billiger, die Bedarfsprüfung zu lockern - oder ganz darauf zu verzichten, wie die Grünen fordern? Das würde unter dem Strich zweifellos Geld sparen. Aber ob der Wegfall der Bedarfsprüfung im Einzelfall gerechter ist, wage ich zu bezweifeln. Außerdem ist das politisch kaum durchsetzbar.

Gibt es Institutionen, die im Vorfeld schlichten können, damit es erst gar nicht zu einem Prozess kommt?

Die Kirche, die Bezirke und andere Organisationen haben Beratungsstellen für Hartz-IV-Empfänger. Die können Tipps geben, aber nicht schlichten. Rechtsanwälte können oft schon mit einem schriftlichen Widerspruch eine Einigung erreichen, da kommt es dann erst gar nicht zu einem Prozess.

Trotzdem steigt die Zahl der Verfahren ständig an. Können die Jobcenter unter diesen Bedingungen überhaupt noch ihre eigentliche Arbeit machen - also Jobs vermitteln?

Das ist, weil sie mit Prozessen so belastet sind, sehr schwierig.

Mehr über die Hartz-IV-Prozessflut

Mehr über die Hartz-IV-Prozessflut ... lesen Sie im aktuellen stern unter der Überschrift "Abgesoffen" (ab Seite 76)

Albrecht Monnin

Albrecht Monnin ... ist Rechtsanwalt und Notar in Berlin Kreuzberg. Eines seiner zentralen Betätigungsfelder ist das Sozialrecht. Derzeit betreut er 250 laufende Hartz-IV-Verfahren.

Foto: Thorsten Futh

Interview: Carolin Wellegehausen, Lutz Kinkel
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
rosacea (22.03.2008, 08:57 Uhr)
die andere seite des schreibtisches....
...die möchte ich euch mal empfehlen, die hier mit "mut gegen armut" und allem rumschreien. zwischen all den schmarotzern gehen alle die unter, die hilfe wirklich nötig haben, das macht den job so beschissen. und mit klagen und sonstigen rechtsmitteln kann man seinen sachbearbeiter mal so richtig ärgern!
seid froh, wenn ihr nur theoretisch drüber debattiert...
Motte07 (21.03.2008, 22:00 Uhr)
@aeternitas
Wenn man so rangeht, wundert es mich nicht, wenn man nichts findet...
acenes (21.03.2008, 21:08 Uhr)
Wieviel Kohle gibts eigentlich für mich und meine
4 Kinder und Frau. Habe gehört mit Wohngeld, Heizgeld und dem ganzen Scheiß gibts so ungefähr 2.500 Kröten auf die Hand. Wer arbeitet in diesem Land ist echt bekloppt!!!
heiner5362 (21.03.2008, 18:45 Uhr)
geht arbeiten
dass ich nicht lache !!!
dieses ganze geschwurbel um 20€ einklagen zu müssen ist gewollt da die masse träge ist und es hinnimmt.
schon mal von den "abschussprämien" bei der ARGE gehört ???
und überhaupt, wer da durch klagen auffällt, dem wird das konto gefilzt und jedwedes guthaben wenn es auch nur kurzzeitig drauf und für jemand anderes bestimmt war angerechnet.
diese ganze schmierenbehörde bezeichnet den verfall der republik.
"wir hier oben abgehoben-ihr da unten gehört abgewickelt"
das blöde am deutschen ist dass er sich nicht wehrt.
in griechenland zB Demos gegen die rentengesetzgebung !!!
meine nächste wahl geht voll auf splitterparteien weil diesen austernschlürfern mal der prozess gemacht werden muss.
politik ist legalisiertes verbrechen und neuerdings auslutschen wehrloser bürger.
danke kohl und gas-gerd.
spenden immer willkommen, nicht wahr ?
euer anschliessender "blackout" privilegiert euch zu paranoier gesetzgebung.
was für ein schweinestaat.
Loewenherz_XL (21.03.2008, 07:41 Uhr)
Systematische Behörden Willkür
Peter Elling, Gerichtspräsident des Sozialgerichts Düsseldorf bei der Vorstellung der Geschäftszahlen für 2007 = „Mehr als ein Viertel aller Prozesse am Düsseldorfer Sozialgericht haben inzwischen Hartz-IV zum Gegenstand“ „Ein Klageverfahren benötigt im Schnitt 13,4 Monate. Kommt es zum Prozess, sind es 17,4 Monate. 4300 Fälle waren es 2007. In 45% der Fälle erreichten die Bürger einen Erfolg oder einen Teilerfolg. Die Zahl der Verfahren in diesem Bereich stieg damit um 23 Prozent: 2006 waren es 3500, im 2005 erst 2500 Verfahren“
45% ungerechtfertigter Sanktionen sind nicht unerheblich. Rechnet man noch die Quote der Hilfsempfänger ein, die resigniert haben und sich nicht an das Sozialgericht gewendet haben, wird es mehr als bedenklich
bobbels-mama (20.03.2008, 19:17 Uhr)
@atticus
Tja, ich hätte sogar zwei Vollzeitstellen. Aber ich wahr dumm genug Mutter zu werden. Da der Vater keine Lust hatte bei uns zu bleiben, muss ich und meine Kleine von HartzIV leben. Nicht weil ich das bequem finde oder ich traditionell denke ( Mutter muss ans Kind gefesselt werden bis es auszieht), sondern weil es einfach keine bezahlbare Möglichkeit der Betreuung gibt. Die Gemeinde sagt, eine Kleinkindbetreuung wird frühestens geschaffen wenn das Gesetz sie zwingt (Dabei sind wir eine der reichsten Gemeinde in Ba-Wü). Also hoffte ich wenigstens für eine Halbtagsstelle würde mich das Arbeitsamt unterstützen (Schliesslich kann ich dann was zurückgeben). "Aber nicht doch" war die Antwort. Zuschüsse gibt es erst wenn das Kind drei Jahre ist.
Fazit: der Staat zwingt mich zu "schmarotzen".Das war auf jeden Fall mein letztes Kind. Einmal im Leben HartzIV ist genug!
aeternitas (20.03.2008, 18:32 Uhr)
@atticus
Wie viele von diesen Stellen sind "echte" Stellen und keine billige Werbung für Unternehmen?
Wie viele dieser Stellen sind seriös?
Wie viele dieser Stellen werden so bezahlt, dass der Arbeiter und seine Familie davon leben können?
Haben Sie sich in letzter Zeit einmal beworben?
Ich glaube mittlerweile sogar, dass die fehlenden Ingenieursstellen nur eine Lüge sind, um billige Ingenieure aus dem Ausland zu importieren.
atticus (20.03.2008, 16:49 Uhr)
Peter...
http://stellenmarkt.sueddeutsche.de/
http://anzeigen.tagesspiegel.de/stellenindex.php http://fazjob.net/fuer_bewerber/stellenangebote/
http://www.randstad.de/rde/mit/home/
http://mcdonalds.de/html.php?t=Karriere&c=jobs
Noch mehr?
mutgegenarmut (20.03.2008, 15:54 Uhr)
Mut gegen Armut
Rechts auf dieser Webseite findet sich ein Banner "Mut gegen rechte Gewalt". Man könnte gleich einen zweiten dazusetzen mit "Mut gegen Armut". Denn Mut erfordert es und Stärke, wenn man gedemütigt bei HartzIV antreten muss und oft nur mit anwaltlicher Hilfe zu seinem Recht kommt. Wo die vielen freien Arbeitsstellen sein sollen, konnte ich bisher nicht eruieren. Trotz Top-Ausbildung, Spaß an der Arbeit, aber leider einem etwas höher Alter, war ich bisher erfolglos ... Ich wünsche den verantwortlichen Politikern, dass sie möglichst bald auch in eine solche Situation kommen.
-Peter- (20.03.2008, 15:51 Uhr)
Geht arbeiten
Gerne wo? Ich komme!
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