15. Dezember 2008, 09:56 Uhr

Staatsanwältin im Mobbing-Krieg

Sie hat Post-Chef Klaus Zumwinkel verhaften lassen - nun sollte kurz vor Beginn des Prozesses Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen von ihren Fällen abgezogen und strafversetzt werden. Der Steuerfall des Jahres verkommt zu einem Schmierenstück aus Mobbing und Intrigen. Von Jens Brambusch

Margrit Lichtinghagen, Post-Chef, Zumwinkel, Steuerhinterziehung

Die Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen bei der Verhaftung von Klaus Zumwinkel©

Jugenddezernat! Am Dienstagmittag vergangener Woche bricht für die Bochumer Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen eine Welt zusammen. Sie, die leitende Ermittlerin in den Verfahren um die Liechtensteiner Steuersünder, soll nur wenige Wochen vor dem spektakulären Prozessauftakt gegen den ehemaligen Post-Chef Klaus Zumwinkel von ihren Fällen abgezogen werden. Deutschlands prominenteste Wirtschaftsstaatsanwältin - abgeschoben ins Jugendstrafrecht. Zu einem Zeitpunkt, da die Aufarbeitung der Liechtenstein-Affäre gerade ins Rollen kommt und Hunderte weitere Verfahren anstehen. Was ist da los? Warum opfert die Bochumer Staatsanwaltschaft ihre Dame, bevor das Schachspiel richtig losgeht?

Lichtinghagens Chefs stützen ihre Exekution auf zwei eher schwammige Argumente: "Ungebührliches Verhalten" und "Hinterhältigkeit" werfen sie ihrer Staranwältin am Dienstag vor. Die fühlt sich gemobbt und schaltet das Justizministerium in Düsseldorf ein. Die Ministerin konstatiert ein "zerrüttetes Verhältnis" zwischen Lichtinghagen und ihren Chefs - und schlägt am Freitag vor, Lichtinghagen solle mitsamt ihren Fällen zur Staatsanwaltschaft Köln umsiedeln. Eine schallende Ohrfeige für die Bochumer Behördenspitze. Also laden die ihre Geschütze nach. Lichtinghagens Vorgesetzte wollen um jeden Preis verhindern, dass die Staatsanwältin die Liechtensteiner Steuerfälle weiter betreut. Die Vorwürfe werden konkreter - und drastischer: Lichtinghagen soll bei Geldzuweisungen gemauschelt haben, verlautet am Freitag aus dem Bochumer Umfeld. Das sichere Karriere-Ende für einen Ermittler - falls die Vorwürfe stimmen.

Im Haus herrsche "Krieg"

Die Causa Lichtinghagen ist symptomatisch für das Klima, das in der Behörde herrscht. In der Öffentlichkeit genießt die Schwerpunktabteilung 35 für Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität einen legendären Ruf. "Harte Hunde" werden sie genannt, eine "Mentalität von Großwildjägern" wird ihnen nachgesagt, schnell lande auch mal ein Manager in Untersuchungshaft, um gefügig gemacht zu werden, so die Mär. In Berlin blickt man stolz auf die Staatsanwälte, die bereits Hunderte Millionen Euro in die Staatskassen gespült haben. Doch der vermeintliche Eindruck trügt, hat mit der Realität offenbar schon lange nichts mehr zu tun. Im Haus herrsche "Krieg", sagt einer, der die Zustände bestens kennt. Mobbing, Durchstechereien und ein Kasernenhofton würden das Klima in der vermeintlichen Vorzeigebehörde vergiften. Hoch qualifizierte Mitarbeiter vegetierten in einer Art künstlichem Koma und duckten sich resigniert weg. Die meisten hätten Angst, seien zerbrochen an dem System, das das Haus beherrsche. "Wissen Sie, wie viele hier an der Flasche hängen, weil sie mit dem Mobbing nicht fertig werden?", fragt ein Mitarbeiter. Erwachsene Männer würden am Telefon in Tränen ausbrechen.

"Die letzten großen Fälle hat alle Frau Lichtinghagen an Land gezogen. Sonst war da nichts mehr", sagt ein ehemaliger Staatsanwalt der Behörde. Dass die streitbare Staatsanwältin jetzt abgesägt werden soll, wundert ihn nicht. "In Bochum arbeiten nur noch im Windkanal erprobte Leute. Querdenker werden rausgemobbt." Ein Sprecher des Justizministeriums in Nordrhein-Westfalen spricht nebulös von "hohen Interessen", die bei solchen Ermittlungen dahinter stehen. "Da wird alles versucht." Bis spätestens Dienstag will das Ressort klären, was hinter den Anschuldigungen gegen Lichtinghagen wirklich steckt. An persönlichen Animositäten zwischen Lichtinghagen und der Behördenspitze allein kann die versuchte Absetzung nicht liegen. Zu brisant der Fall, zu heikel der Zeitpunkt, zu intelligent die Beteiligten. Kurz vor der Eröffnung des mit Spannung erwarteten Zumwinkel-Prozesses am 22. Januar wäre eine solche Personalentscheidung medialer Selbstmord. Da muss unheimlich Druck hinter sein", sagt ein Steuerfahnder.

"Wer Fälle nicht ruhen lässt, wird gehängt"

130 Verfahren sind erst abgeschlossen. Hunderte laufen noch auf Hochtouren. Zumwinkel ist zwar der prominenteste Name, aber die Summe, um die es geht, ist vergleichsweise gering", sagt ein Steuerfahnder. Es werde gegen mehrere Firmen ermittelt. Dabei gehe man auch dem Verdacht nach, dass Geld aus den Liechtensteiner Stiftungen für Korruption verwendet wird. Steuerfahnder fürchten "eine Katastrophe", wenn die Staatsanwältin abgezogen werden sollte. Sie sehen sich um die Mühen ihrer Arbeit gebracht, glauben, dass einige der Verfahren im Sande verlaufen werden. Lichtinghagen, sagen sie, sei die Einzige, die das komplexe Steuerverfahren leiten könne.

Ein Staatsanwalt sieht in der geplanten Entmachtung ein Zeichen an die Zunft: "Wer bestimmte Fälle nicht ruhen lässt, der wird gehängt." Selbst Anwälte der Gegenseite schütteln den Kopf, können nicht glauben, was da in Bochum vor sich geht. So sehr Lichtinghagen ihre Klienten manchmal nervt, die Advokaten respektieren die Dame. Lichtinghagen wirkt getrieben, wie ein Motor, der ein bisschen zu hochtourig läuft. Aber sie hat Mut. Während andere Staatsanwälte noch zögern, leitet sie schon Verfahren ein. Das Wort Kompromiss muss sie im Wörterbuch nachschlagen. Deals? Gibt es nicht! Als ein Anwalt ihr vorschlägt, man könne ja aufeinander zugehen, herrscht sie ihn angeblich an. "Hören Sie auf, sonst gehen Sie gleich mit in den Knast."

Schlamperei im Fall Zumwinkel

Ein Gesicht bekommt der Name Margrit Lichtinghagen am 14. Februar 2008. Schwarz gekleidet, auffällig geschminkt, mit Seidenschal um den Hals verlässt die 54-Jährige das Anwesen in dem Kölner Nobelvorort Marienburg. Vor ihr der Anwalt Hanns W. Feigen, neben ihr Klaus Zumwinkel. Der Post-Chef soll den Staat geprellt haben. Steuerhinterziehung lautet die Anklage. Es geht um 1,18 Mio. Euro, die Zumwinkel in den Jahren 2001 bis 2006 hinterzogen haben soll. Ein erst wenige Tage altes Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs sieht für Steuerhinterziehungen über der Millionenmarke eine Freiheitsstrafe vor.

Mittlerweile ist die Schadenssumme bei Zumwinkel unter die wichtige Millionengrenze geschrumpft. Das Jahr 2001 gilt als verjährt. Eine Schlamperei ist schuld: Der Durchsuchungsbeschluss für Zumwinkels Villa schlummerte 14 Tage bei dem zuständigen Richter vom Amtsgericht Bochum. Erst zehn Stunden nach Ablauf einer möglichen Verjährungsfrist für das Jahr 2001 wurde das Dokument unterzeichnet. Zumwinkels Anwalt pocht auf Verjährung. Es bestehen verschiedene Auffassungen. Das Gericht gibt dem Anwalt recht, die Staatsanwaltschaft Bochum verzichtet auf Rechtsmittel. Zum Entsetzen von Lichtinghagen. Die ist gerade auf Steuersünderjagd in München und erfährt von dem Rechtsmittelverzicht ihrer Vorgesetzten im Nachhinein. Zumwinkel ist nur einer von vielen in der Liechtenstein-Steueraffäre. Ein Mitarbeiter der Liechtensteinischen Global Trust-Bank (LGT) hatte Bankdaten von 800 Konten an den Bundesnachrichtendienst verkauft. Die Steuerfahndung Wuppertal wertet die Daten aus, die Schwerpunktstaatsanwaltschaft Bochum wird mit den Verfahren betraut.

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KOMMENTARE (10 von 33)
 
znarf (16.12.2008, 07:50 Uhr)
BRD
Heißt BRD vielleicht Bananen-Republik-Deutschland oder etwa Berufslobbyisten-Republik- Deutschland. Ich denke beides trifft zu, wenn ich mir die Politik der letzten Jahre ansehe.
dentix07 (15.12.2008, 22:56 Uhr)
2 Orden
Bisher war ich der Meinung Hr. Zumwinkel sollte eigentlich einen Orden bekommen, weil er Steuern vor der Verschwendung durch deutsche Politiker (LBBW, WestLB, KfW, HSH, BayernLB, BerlinerLB etc.) gerettet hat. Jetzt müsste er sogar noch eine Orden dazu kriegen, weil sein Fall zur Aufdeckung dieser Seilschaftstrukturen in der Justiz führt. Hat tatsächlich jemand geglaubt alle Fälle auf der, unter dubiosen Umständen, erstandenen CD würden aufgeklärt? Wahrscheinlich finden sich zu viele der "weisungsgebenden" Politiker der Justiz darauf!
Eisenbaer (15.12.2008, 19:52 Uhr)
Einfach mal....
...den Höheren Staatsdienst ersatzlos wegklappen. Ich bin mal gespannt, nach wie vielen Jahren die erste Reaktion meßbar ist... ;-))
laluna3 (15.12.2008, 19:49 Uhr)
Staatsanwaeltin im Mobbingkrieg
Da hat endlich mal jemand einen geraden Ruecken und bringt einen von diesen korrupten Managern in den Knast.
Ich wuensche Frau Lichtinghagen, dass sie so weiterarbeitet und sich nicht unterkriegen laesst.
branchia (15.12.2008, 19:48 Uhr)
Eigenes Erlebnis
Unsere GmbH stellte gegen den vorhergehenden GF Strafanzeige wg. Betrug,Unterschlagung und Steuerhinterziehung, das war Mai 2002.Die Akte lag bis Nov.2005 bei der Staatsanwaltschaft Hof unbearbeitet. Wurde dann in 2006 bearbeitet, die Kripo Bamberg wurde beauftragt. Konnte alle Anschuldigungen gegen den GF feststellen. Die Staatsanwaltschaft Bamberg stellte den Fall ein. Beschwerde beim Generalstaatsanwalt, dieser schrieb an unsere Anwälte im Okt. 2007: "Der Fall wir OHNE Prüfung durch mich abgelehnt".
Eingabe beim BV Gericht, im August 2008, Beschwerde abgelehnt. Es ging um läppische 350.000 € für die GmbH. Soviel zu unserer Justiz. Wenn der Stern nachfragen möchte, wir stellen gerne die Akten bereit.
Salzsteuer (15.12.2008, 19:44 Uhr)
Was in der DDR
die STASI war, das regelt bei und die Korruption!
Armes Deutschland.
Viper2024 (15.12.2008, 19:25 Uhr)
Im Westen nichts Neues
Es hat doch nicht wirklich einer geglaubt das Herr Zumwinkel auch nur einen Tag ins Gefängnis muss, oder? Da landen eher tausende von Falschparkern und GEZ-Prellern dort, aber nicht der Ex-Chef der deutschen Post.
Es ist doch kein Wunder, das Deutschland bei den Studien von Transparency immer auf einem der hinteren Plätze landet.
Aquarius2 (15.12.2008, 19:21 Uhr)
Na ja,
wenn man einen Eimer Wasser nach oben kippt, kann man schon mal nass werden.
Sollte sie etwa weiter ermitteln und den Ruf weiterer Leistungsträger unserer Republik beschädigen?
Juris1 (15.12.2008, 17:38 Uhr)
Staatsanwälte sind weisungsgebunden
Ich kann verstehen, wenn viele Bürger das Verhalten der Staatsanwaltschaft für falsch halten.
Leider sind Staatsanwälte/Innen weisungsgebunden.
Was ist eigentlich mit dem Richter passiert, der den Beschluss zu lange auf dem Schreibtisch liegen gelassen hat???? - Gar nichts ...
Ja in deutschen Justizbehörden geht es merkwürdig zu. Mobbing, unfähige Vorgesetzte, unfähige Ministerin, überarbeitete Beschäftigte und es wird weitergespart wo es nur geht.
In Justizkreisen wird auch schon behauptet, dass Frau Müller Piepenkötter sich gar nicht an den Kabinettstisch in NRW setzen darf.
Die Stimmung unter den Beschäftigten in der Justiz - auch im nichtrichterlichen Dienst - schwelt schon lange. Warum soll es da bei den Staatsanwaltschaften anders sein. Beamte werden nicht befördert, weil sie offen schwul leben, Richter nicht versetzt oder befördert. Unliebsame Staatsanwälte bekommen den E(nde)D(er) KA (riereleiter)-Stempel in die Personalakte. Personal wird eingepart, Stellen gestrichen, es wird gelogen und vertröstet ...
Nein in den Amtsstuben der Justiz in NRW stimmt Vieles nicht. Hier ist es mal ans Licht gekommen.
In der Justizvollzugsanstalt musste erst jemand Sterben, damit etwas passiert. ...
Frau Müller-Piepenkötter nehmen Sie Ihren Hut !
rozi (15.12.2008, 16:53 Uhr)
Rechtsstaat Deutschland ??????
Einen größeren Unrechtsstaat als die Bundesrepublik gibt es garnicht. Auch wenn man immer wieder wiederholt , daß wir angeblich in einen Rechtsstaat leben wird es nicht besser. Das ist so ähnlich wie in der DDR gesagt wurde - der Sozialismus siegt -die Rechtsstaatlichkeit gibt es in Deutschland nicht . Deswegen wundert mich die die Verhaltensweisen der Saatsanwaltschaften überhaupt nicht.
Übrigens schon in den 50 er Jahren als Nazirichter Kriegsverbrecher verschonten.Da ist das jetzt ja harmlos.
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